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Nationalsozialismus: Mitläufer und spätere Aufklärer

Weitaus mehr Intellektuelle als bislang bekannt waren Parteigänger des NS-Regimes. Ein in Kürze erscheinendes "Germanistenlexikon", in dem über die NSDAP-Mitgliedschaft deutscher Gelehrter berichtet wird, nennt unter anderem Peter Wapnewski und Walter Jens.

Es sind Charakterisierungen und Fakten, die nicht so recht zusammen passen: NSDAP-Mitglied und Moralist, Mitläufer und Kritiker, Karrierist und Aufklärer. Doch biografische Brüche, wie sie in den nun bekannt gewordenen "Fällen" der Germanisten Walter Jens, Peter Wapnewski und Walter Höllerer deutlich wurden, prägten nach 1945 über Jahrzehnte den deutschen Literatur- und Wissenschaftsbetrieb.

Erst in den vergangenen Jahren haben Forscher die verhängnisvolle Rolle vieler Professoren als Hitlers Helfer und das braune Erbe in der deutschen Wissenschaft im Detail beleuchtet - generell bekannt war es dagegen schon lange. Historiker und Ärzte, "Rassenexperten" und Völkerkundler wurden als Handlanger des NS-Terrorapparates entlarvt, ihre Karrieren als nahtloser Berufsweg vom NS-Staat in die Bundesrepublik beschrieben.

Parteibeitritt als Pennäler

Die Enthüllung prominenter Literaturwissenschaftler der Nachkriegszeit, die im Studentenalter NS-"Parteigenossen" - zumindest laut Kartei - waren, klingt wenig spektakulär. Die im "Internationalen Germanistiklexikon 1800-1950" (Verlag de Gruyter, Berlin,) aufgeführten Daten sind in ihrer Kürze verhältnismäßig harmlos: Der Tübinger Rhetorikprofessor Jens, der Minne-Experte Wapnewski und der mittlerweile gestorbene Höllerer, Mitbegründer der "Gruppe 47", waren fast noch Pennäler, als sie der Partei beitraten. Jens und Wapnewski beteuern dass sie nie eine Bestätigung für ihre Aufnahme in die NSDAP-Kartei erhalten haben. Wapneski leugnet eine Mitgliedschaft nicht.

Der 80-jährige Jens, der mit Schriftstellern wie Heinrich Böll und Günter Grass zu jener Gruppe kritischer Köpfe gehörte, die das geistige Klima der Bundesrepublik mitprägten, will dagegen von einer NSDAP-Mitgliedschaft nichts gewusst haben. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Ralph Giordano, sein Freund aus Hamburger Jugendzeit, zweifelt zwar am Unwissen des Tübinger Germanisten, lässt aber auf dessen moralische Integrität nichts kommen.

Anders liegt der in den 90er Jahren bekannt gewordene Fall des Germanisten Hans Schwerte. 1909 als Hans Ernst Schneider geboren, war der Professor als "Ahnenforscher" in Heinrich Himmlers SS tätig. Nach dem Untergang des Dritten Reichs tauschte Schneider seine Identität in Schwerte um, ging wieder auf die Universität, legte eine neue Dissertation ab und stieg nach der zweiten Heirat seiner Frau als bekannter Germanist zum Rektor der TH Aachen auf. 1995 wurde er entdeckt.

"Innere Emigration" als Bollwerk des wahren Deutschtums

Die Rolle der Akademiker und Schriftsteller im Nationalsozialismus hat Deutschlands Intellektuelle nie losgelassen. Schon 1945 entzündete sich eine Debatte über die Rückkehr Thomas Manns aus dem US-Exil nach Deutschland. Auf dem deutschen Schriftstellerkongress 1947 verteidigten viele Autoren gegen Mann die "innere Emigration" als Bollwerk des wahren Deutschtums. Nach Untersuchungen der Hamburger Germanisten Klaus Briegleb war selbst die "Gruppe 47" nach dem Krieg vor antisemitischen Anwandlungen nicht gefeit.

Für Christoph König, Historiker am Marbacher Literaturarchiv und Herausgeber des Germanistenlexikons, hatten viele Nachkriegsliteraten in ihrem "aufklärerischen Impetus" die eigene Vergangenheit ausgeblendet. Man sei gar nicht auf die Idee gekommen, die NS- Mitglieder-Kartei zu befragen, sagte König im Deutschlandradio. Die Aufklärer von damals hätten das Ziel gehabt, die NS-Vergangenheit ihrer "akademischen Väter" zu erforschen. Später hätten sie durch Taten und nicht durch Reflexion ihre eigene Parteizugehörigkeit aufgearbeitet.

Esteban Engel / DPA
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