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PREUSSEN: Was ist von Preußen geblieben?

Wir leben in einer Zeit, da vergehen Staaten wie Luftspiegelungen. Wo ist die Sowjetunion geblieben, dieser Götze, der so viele Menschen gefressen hat? Vergangen, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ging mir durch den Kopf, als ich an einen anderen verstorbenen Staat dachte: Dieses Jahr wäre das Königreich Preußen 300 Jahre alt geworden.

Bestsellerautor Dietrich Schwanitz (»Bildung«) über ein Gespenst der deutschen Geschichte

Wir leben in einer Zeit, da vergehen Staaten wie Luftspiegelungen. Wo ist die Sowjetunion geblieben, dieser Götze, der so viele Menschen gefressen hat? Vergangen, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ging mir durch den Kopf, als ich an einen anderen verstorbenen Staat dachte: Dieses Jahr wäre das Königreich Preußen 300 Jahre alt geworden. Am 18. Januar 1701 wurde es in Königsberg geboren, als sich der Kurfürst von Brandenburg als Friedrich I. krönen ließ - zum König in Preußen.

Aber es ist nicht einmal 250 Jahre alt geworden. Am 25. Februar 1947 wurde es vom Alliierten Kontrollrat offiziell für tot erklärt, umgekommen nach einem Amoklauf, der das Ausmaß einer europäischen Familientragödie angenommen hatte. Um es zur Strecke zu bringen, hatte man seinen Körper völlig zerfetzt: Ostpreußen, Pommern und Schlesien abgetrennt, Brandenburg zur russischen Zone geschlagen, seine Hauptstadt Berlin als Herz des besiegten Feindes unter den Siegern aufgeteilt und das westdeutsche Preußen dazu verurteilt, in Nordrhein-Westfalen umgetauft zu werden. Ein Land, das Europa 200 Jahre lang in Atem gehalten hatte, hörte auf zu existieren. Haben wir an seinem Grab geweint? Ist Preußen nur noch eine blasse Erinnerung, wie an eine Krankheit, die man vor langer Zeit überwunden hat? Was fällt einem Deutschen heute ein, wenn er sich unruhig auf seinem Lager wälzt und an Preußen denkt in der Nacht? Borussia Dortmund? Preußisch-Blau? Oder ein bayerisches Scherzwort: »Saupreiß, japanischer?« Denken wir an die preußischen Tugenden?

Aber sind das nicht jene Sekundärtugenden - Disziplin und Bescheidenheit, Fleiß, Pünktlichkeit, Pflichtgefühl -, die Oskar Lafontaine schon zur Zeit von Bundeskanzler Helmut Schmidt für politisch unkorrekt erklärt hatte? Aber gab es da nicht auch Positives? Eine wärmende Erinnerung an ein Zentrum der Zivilisation? An Sanssouci und den großen Friedrich, den Philosophen auf dem Königsthron, der dem Weltgeist in der Gestalt Voltaires in Berlin und Potsdam eine Heimstatt anbot? An die religiöse Toleranz, die den Hugenotten den Weg nach Preußen wies? An die Pflichtethik Kants, die Philosophie Hegels, an die Humboldtsche Universität, die Steinsche Kommunalverwaltung, an Moses Mendelssohn und das Berlin der jüdischen Salons? Ja, das alles war Preußen - aber es gab eben auch die preußischste aller Einrichtungen, die Armee. Dies ist kein Staat, der über eine Armee verfügt, soll Voltaire über Preußen gesagt haben, sondern eine Armee, die sich einen Staat hält. Das Militär fraß fast den gesamten Staatshaushalt, die Disziplin orientierte sich am Kadavergehorsam, und der Drill war mörderisch. Der relativ arme Adel musste das Offizierscorps stellen und wurde ganz von der Armee geprägt.

Eine höfisch-urbane Gesellschaft, an deren Vorbild sich wie in Westeuropa eine weltläufige Verhaltenskultur entwickeln konnte, gab es nicht. So formten die Junker ihr Verhalten als Offiziere in der Armee und als Herren auf ihren Gütern, wo sie bis zu den Steinschen Reformen über Leibeigene herrschten. Hier entwickelten sie den zackig-schneidigen Stil, jenen Typ des hackenschlagenden Monokelträgers, der das Äußerste war, was man auf dem Weg des Kompromisses zwischen Mensch und Maschine erreichen konnte. G. B. Shaw hat diesen Verhaltensstil treffend mit »Potsdamnation« bezeichnet. Dieser Typus sorgte dafür, dass trotz Ausnahmen wie Kleist und Eichendorff aus Preußens Krautjunkern die wohl engstirnigste Führungsschicht wurde, die sich eine Großmacht je geleistet hat. Es war diese Militärkaste, die Deutschland so leichtfertig in den Weltkrieg geführt hat, als gelte es eine Kavallerieattacke zu reiten. Als sie nach der Niederlage ihren militärischen Nimbus verlor, hatte sie nichts anderes im Sinn, als sich selbst zu rehabilitieren. Zu diesem Zweck lieferte sie sich selbst, Preußen, die Armee und ganz Deutschland einer Bande von Kriminellen aus.

Verfolgt man die einzelnen Manöver im Vorfeld vonHitlers Machtübernahme, vom Sturz Reichskanzler Brünings aus Gründen der krassesten Interessenpolitik bis zur Beeinflussung von Reichspräsident Hindenburg durch offene Bestechung, wird die Engstirnigkeit dieses Milieus offenbar. Dass man dann die Morde nach dem so genannten Röhm-Putsch sogar begrüßte, es hinnahm, dass die Armee geköpft wurde und sich schließlich zu Komplizen bei den Massenmorden machen ließ, bezeugt den totalen moralischen Zusammenbruch. Selbst das Attentat vom 20. Juli 1944 ist nur ein schwacher Trost: Dass es so spät kam und dass so wenige mitmachten, dass die Ausführung einem untergeordneten Offizier mit einem Auge und einer Hand übertragen werden musste, taucht das Ganze in trübes Licht. Und Preußens Könige? Mit Ausnahme Friedrich des Großen gab es nur zwei Sorten: Kommissköppe und Fantasten. Der berühmte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. - der größte Kommisskopp, der je einen Thron bestieg. Friedrich Wilhelm IV. wiederum war so ein Fantast, dass er die einzige Gelegenheit zurückwies, Deutschland auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie friedlich zu einigen und der populärste Fürst der deutschen Geschichte zu werden. Ist Preußen tot und vergessen? Ich glaube, es geht weiter um - als Gespenst. Es zwingt uns noch immer, neu zu beweisen, wie wenig preußisch wir sind: wie friedliebend, antiautoritär, unbürokratisch und misstrauisch gegenüber Sekundärtugenden.