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Swinemünde: Inferno am Ostseestrand

Als am 12. März 1945 um 11.00 Uhr die Sirenen heulten, dauerte es keine zwei Stunden, bis die Hafenstadt Swinemünde eine einzige Schutthalde war. Mehr als 20.000 Menschen fanden durch den Luftangriff der US-Bomber den Tod.

Zehntausende Flüchtlinge in der Hafenstadt Swinemünde auf Usedom wähnten sich Anfang März 1945 schon in Sicherheit. Sie waren der Roten Armee über die Ostsee oder über Land entkommen und rechneten nun mit dem baldigen Kriegsende. Die Straßen der 20.000-Einwohnerstadt waren verstopft mit Planwagen, auf denen die Menschen das transportierten, was sie in aller Eile hatten retten können. Am 12. März warfen 671 Bomber der 8. US-Luftflotte insgesamt 1600 Tonnen Bomben über Swinemünde (heute Swinoujscie) ab. Sie verwandelten das Chaos in ein Inferno. Die genaue Zahl der Opfer konnte nie ermittelt werden, Schätzungen gehen von 23.000 Toten aus.

"Als um 11.00 Uhr die Sirenen heulten, machten wir uns zunächst keine großen Sorgen, weil es zuvor schon so oft Fehlalarm gegeben hatte", erinnert sich die Publizistin Carola Stern, die den Angriff als 19-Jährige miterlebt hat. "Als dann eine halbe Stunde später die ersten Bomben fielen, zog mich ein Soldat zu Boden und wir robbten in eine Waschküche. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen." In ihrem Versteck fand die junge Frau Trost bei einer Berlinerin, die schon zahlreiche Angriffe auf die Hauptstadt mitgemacht hatte. "Sie erklärte, dass Bomben, die man pfeifen hört, woanders einschlagen."

"Überall abgerissene Köpfe und Gliedmaßen"

Rund eine Stunde dauerte der Angriff. "Die Stadt war danach eine einzige Schutthalde. Auf den Straßen lagen überall tote Menschen und Pferde sowie Hausrat aus den Wagen der Flüchtlinge." Viele von ihnen starben, weil sie ihre Habseligkeiten während es Angriffs nicht alleine lassen wollten. Die grauenhaften Szenen raubten Stern fast den Verstand: "Ich lief mit einem irren Lachen durch die Stadt. Im Stadtpark lagen überall abgerissene Köpfe und Gliedmaßen, weil die Bomben mitten unter die Menschen gefallen waren, die dort Schutz gesucht hatten."

Erwin Rosenthal, damals fünf Jahre alt, befasste sich später ausgiebig mit dem Angriff. Rosenthals Familie verlor bei dem Bombardement ihren gesamten Besitz. "Als der Alarm losging, liefen wir von unserer Wohnung zwei Häuser weiter zu meiner Großmutter. Kurz darauf zerstörte eine Bombe unser Haus und das Haus meiner Großmutter wurde schwer beschädigt." Er selbst stürzte in den Keller, wie durch ein Wunder überlebten er und die ganze Familie. "Ich konnte sehen, wie um uns herum alles in Trümmer fiel oder Feuer fing. Wir sahen Schwerverletzte, die durch die Straßen humpelten und vor Schmerz schrien." Heute versuchen er und sein polnischer Co-Autor Józef Plucinski, das Trauma des Angriffes und des Verlustes der Heimat auf einer Internetseite über Swinemünde zu verarbeiten.

Die Bombenopfer fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Golm, einem Hügel außerhalb der Stadt, der vor dem Krieg ein beliebtes Ausflugsziel der Swinemünder war. Viele tausend Tote wurden dort bestattet, die meisten anonym in Massengräbern. "Die Kinderleichen wurden zuvor im Hafen der Größe nach sortiert und gestapelt", erinnert sich Stern. Auch sie verurteilt den Angriff: "Dafür habe ich lange gebraucht. Schließlich hat Deutschland den Krieg angefangen. Als ich als junges Mädchen in der Wochenschau die deutschen Piloten bei ihren Angriffen gesehen habe, habe ich auch kein Grauen empfunden, sondern eher Stolz. Ich dachte daher, ich hätte kein Recht, andere zu verurteilen. Aber eine Stadt voller Flüchtlingen so kurz vor Kriegsende zu zerstören, war ein schweres Unrecht."

Axel Büssem/DPA / DPA
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