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"heute wichtig" Deutschland ist jetzt Waldbrand-Land – es weiß nur kaum jemand

Forstexperte Alexander Held
Forstexperte Alexander Held
© WKR-Projekt
Deutschland brennt. Hunderte Hektar Wald standen in der Sächsischen Schweiz zuletzt in Flammen, 800 allein in Brandenburg. Brandverursacher ist fast immer der Mensch, doch die Klimakrise wirkt wie ein Brandbeschleuniger, erklärt der Forstwissenschaftler Alexander Held.

Über Tage wüteten bei Berlin die Flammen. Noch immer kann die Feuerwehr im Berliner Grunewald das 140 Grad heiße Sprenggelände nicht betreten, nur unter strengen Vorsichtsmaßnahmen durch umgebaute Löschpanzer das Feuer bekämpfen. Die Brandursache ist bisher unklar, die Kriminalpolizei will klären, ob es sich um Brandstiftung handelt. Das wäre durchaus möglich, denn mehr als 90 Prozent der Waldbrände werden durch Menschen ausgelöst, erklärt der Forstwissenschaftler und Feuerökologe Alexander Held in der 336. Folge von "heute wichtig": "Es wird immer gesagt, der Klimawandel sei schuld, dass es so viel brennt. Das muss ich korrigieren. Der Klimawandel oder das Wetter machen natürlich kein Feuer, aber sie sorgen dafür, dass die Umgebungsbedingungen ganz hervorragend sind." So hervorragend, dass beispielsweise bei Waldbränden in Brandenburg 800 Hektar lichterloh in Flammen standen. Das ist kein Einzelfall: "Wir kommen in eine Lage, in der es in ganz Deutschland brennt. Nicht nur einzelne Bundesländer, sondern die ganze Republik, und das auch noch gleichzeitig."

Auf einmal brennen auch in Deutschland die Wälder 

Auf einmal sei Deutschland auch ein Waldbrand-Land: "Das ist für viele neu und damit umzugehen, ist eine große Herausforderung. Nicht nur für die Feuerwehr, sondern für uns alle", so der Forstexperte Alexander Held. Held arbeitet an einem europaweiten Projekt mit, in dem Wissen verknüpft werden soll, um besser auf Waldbrände vorzubereiten und Landschaften resilienter zu machen. Denn Prävention und Aufklärung gehören zu den wichtigsten Instrumenten, um Waldbrände langfristig zu bekämpfen.  

Bisher waren Waldbrände in Deutschland relativ selten, selbst die Europäischen Union ist zahlenmäßig weit weg von US-Staaten wie Kalifornien oder Ländern wie Australien. Aber die Brände nehmen zu. Das hat auch der Copernicus-Dienst für Katastrophen- und Krisenmanagement ermittelt, eine EU-Behörde. Demzufolge gab es in den Jahren 2006 bis 2021 durchschnittlich etwa 520 Brände pro Jahr. Dieses Jahr sind es bereits 1926 Brände – also fast vier Mal so viele, und diese Zahl reicht nur bis Ende Juli. Dass Waldbrände in Deutschland lange selten waren, zeigt sich auch im Verhalten der Menschen, so Held: "Die weggeschnippte Zigarette ist ein Symbol für dieses unachtsame und unbewusste Verhalten einer Bevölkerung, die eigentlich nicht damit rechnet, dass sie in einem brennbaren Land leben." 

Für die freiwillige Feuerwehr ist es ein wochenlanger Kampf

Die Problemkette reicht vom Auslöser bis zur Bekämpfung durch die Feuerwehr. "Die Feuerwehr hat vor vielen Jahren erkannt, was da auf sie zukommt", so der Feuerökologe. Doch durch die bisher noch seltenen Brände fehle es bei vielen Feuerwehrleuten an Erfahrung. Außerdem sei die Art der Bekämpfung eine andere, sagt Alexander Held: "Die freiwillige Feuerwehr kennt bisher Einsätze, die nach wenigen Stunden vorbei sind. Eine Waldbrandlage wie wir sie jetzt haben, wo eine freiwillige Feuerwehr über Wochen im Einsatz ist, da wird es schwierig." Denn der Großteil der Feuerwehrleute steht dort freiwillig: "Das sind alles Ehrenamtliche, die eigentlich wieder zurück müssen an ihren Arbeitsplatz. Das erzeugt natürlich Frust." 

Michel Abdollahi
© TVNOW / Andreas Friese

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Klar, meinungsstark, auf die 12: "heute wichtig" ist nicht nur ein Nachrichten-Podcast. Wir setzen Themen und stoßen Debatten an – mit Haltung und auch mal unbequem. Dafür sprechen Host Michel Abdollahi und sein Team aus stern- und RTL-Reporter:innen mit den spannendsten Menschen aus Politik, Gesellschaft und Unterhaltung. Sie lassen alle Stimmen zu Wort kommen, die leisen und die lauten. Wer "heute wichtig" hört, startet informiert in den Tag und kann fundiert mitreden.

Auch deshalb spielt in der Prävention jede:r Einzelne eine große Rolle. Insbesondere, wenn man in potentiell gefährdeten Gebieten lebt. Hausbesitzer:innen sollten zum Beispiel darauf achten, dass die Dachrinnen frei von Laub sind, um eine Gefahr durch Funken zu vermeiden und Holz sollte nicht unmittelbar an der Hauswand gelagert werden, rät Alexander Held: "Dann haben wir auch in der Bevölkerung eine resilientere Struktur, damit nicht jedes Dorf sofort evakuiert werden muss." 

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Quellen:"NZZ", Twitter.

tkr

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