HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Streck: Last Call: Wissenschaftlich bewiesen: Brexit-Wähler sind unterbelichtet ...

... aber dafür können sie besser Eier kochen als Europafreunde. Unser Kolumnist Michael Streck über eine verblüffende Studie, Mathematik, Miesmuscheln, Windeln und andere Seltsamkeiten am Tag des Unterhaus-Votums über den Brexit-Deal.

Die Lektüre der hiesigen Sonntagszeitungen ist nicht immer ein Spaß, weil seit ungefähr drei Jahren sämtliche hiesigen Sonntagszeitungen voll sind mit Brexit, Brexit, Brexit.

Am vergangenen Wochenende allerdings hatte die "Sunday Times" einen kleinen Text auf der Seite drei versteckt, dessen Überschrift mir viel Freude machte, obschon es auch irgendwie um Brexit ging, er aber die für mich genau richtige Schnittmenge aus Klatsch, Fakten und Irrsinn besaß. Da stand: "Science has dim view of Brexit voters' brains", übersetzt etwa "Wissenschaft hält Brexit-Wähler für unterbelichtet." Oder, etwas zugespitzt: Briten, die für den EU-Abschied votierten sind dünner angerührt als die Europa-Freunde.

Getty Images

Psycho-Test ergibt: Brexiteers haben Defizite

Es ist nämlich so, dass Forscher der Universität Missouri im Auftrag der britischen "Privacy Foundation" vor dem vermaledeiten Referendum 11.225 Freiwilligen einem psychologischen Test unterzogen mit dem Ergebnis, dass Brexiteers weniger rechenkundig sind, aber impulsiver und obendrein dazu neigen, autoritäre Figuren zu mögen. Die Teilnehmer mit einem Hang zu Leave, hieß es in der Studie, trügen ein erheblich höheres Maß an Obrigkeitsglauben und Pflichtgefühl in sich als die Remain-Wähler, denen eine gewisse Risiko-Scheue bescheinigt wird.

Ich weiß zwar beim besten Willen nicht, wie beispielsweise aus der Frage "Wenn fünf Maschinen fünf Minuten brauchen, um fünf Dinge herzustellen, wie lange brauchen dann 100 Maschinen, um 100 Dinge herzustellen?" zu destillieren ist, ob man pro oder anti-europäisch ist. Aber ich glaube an wissenschaftliche Autoritäten und bin deshalb offenbar auch Leave-gefährdet.

Grundsätzlich allerdings: Warum braucht es für diese Form des Erkenntnisgewinnes einen derart voluminösen Test? War das nicht klar? Vor drei Jahren begab sich Boris Johnson mit einem roten Bus auf Reisen durchs Land. 350 Millionen Pfund pro Woche, stand auf dem Bus, würden künftig nicht mehr nach Brüssel überwiesen, sondern ins Gesundheitssystem gepumpt. Unfug natürlich, aber der Unfug verfing, und viele, die nicht so richtig klasse rechnen konnten und können, glauben den Unfug bis heute. Ist nur eines von vielen Rechenexempeln, muss aber an dieser Stelle und aus Platzgründen genügen.

"Mag sein, dass Remain-Wähler einen höheren IQ haben"

Die Reaktion der inkriminierten Leaver und üblichen Verdächtigen auf das wissenschaftliche Papier fiel natürlich üblich verdächtig aus. Der frühere UKIP-Chef Nigel Farage stellte das Resultat zwar nicht gänzlich infrage und sagte: "Es mag schon sein, dass Remain-Wähler einen höheren IQ haben", sprach ihnen aber flugs den Sinn fürs Praktische ab - "ich bin mir nicht sicher, wie viele von ihnen ein Ei kochen können". Ob dieses Verdikt im Umkehrschluss bedeutet, dass jeder, der ein Ei kochen kann, Brexit gewählt hat, ließ Farage offen.

Ziemlich offenkundig ist allerdings, dass viele Abgeordnete in Westminster zumindest in der EU- und Brexit-Frage keinen besonders hellen Eindruck hinterlassen und der ehrwürdige Palast seit Monaten ein intellektuelles Tief von historischem Ausmaß erlebt. Einer, der konservative Andrew Bridgen, behauptete neulich in der BBC todernst, alle Briten hätten Anspruch auf einen irischen Pass und könnten nach dem EU-Abschied ergo EU-Bürger bleiben. Der von dieser monströsen Dämlichkeit überwältigte Moderator musste immer wieder nachfragen und wegen der vielen Nachfragen die Nachrichten verschieben. Vermutlich kann Bridgen aber ganz toll Eier kochen.

Nun allen Brexiteers per se Rechenschwäche und Dummheit nachzusagen, ist andererseits auch nicht gerecht. Ich kenne eine ganze Reihe, die ausnehmend nett sind und klug und ihre Stimme gegen die EU beim Referendum überaus schlüssig und logisch erklären können. Einer der obersten Outisten ist sogar ein glänzender Rechner und noch besserer Opportunist und hat vom Brexit veritabel profitiert. Der Ultra-Hardliner Jacob Rees-Mogg war vor seinem Leben als Politiker Investmentbanker und gründete im Jahre 2007 die "Somerset Capital Management" (SCM). Seit dem Brexit hat sich der Umsatz der Firma verdoppelt und er nach vorsichtigen Schätzungen mindestens sieben Millionen Pfund daran verdient. Dumm ist der nicht, in praktischen Dingen dummerweise aber komplett lebensuntauglich. Rees-Mogg hat sechs Kinder und kann nach eigenem Bekunden keine Windel wechseln. Dafür gibt es Kindermädchen. Eier kann er auch nicht und ist damit nach Nigel Farages Logik Remainern ähnlich. 

"Wie blamiere ich mich vor der ganzen Welt?"

Ach, heute geht es im Übrigen weiter im Unterhaus mit der monumentalen Aufführung "Wie blamiere ich mich vor den Augen der Nation und der ganzen Welt". Premierministerin Theresa May wird abermals über ihren Brexit-Deal abstimmen lassen. Sie reiste am Montag nach Straßburg, saß nächtens neben EU-Chef Jean-Claude Juncker, und beide sahen während der gemeinsamen Pressekonferenz so aus, als wären zum Dinner fossile Miesmuscheln gereicht worden. Am Dienstag nun wird Frau May ein paar veränderte Passagen im EU-Abschiedsvertrag ihrem Parlament als Neuerfindung des geschnittenen Brotes verkaufen müssen. Das ist britische Logik in Zeiten des Brexit, good luck. May reitet ihr Glück, sie würfelt und würfelt und würfelt. Vielleicht hat sie ja den Doofen-Test aus der "Sunday Times" gemacht. Eine der Fragen da lautete: Wenn man einen fünfseitigen Würfel 50 Mal rollt, wie oft erscheint dann eine ungerade Zahl? 5, 25 oder 30 Mal?

Und vielleicht hat sie sogar die richtige Antwort gefunden (30). Das wäre tröstlich in harter Zeit für May. Falls nicht? Weiter würfeln.

Oder Ei drauf. Aber gekocht bitte.

Die britische Premierministerin Theresa May spricht im Unterhaus
tkr