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M. Streck: Last Call: Auf der Suche nach dem Glück - im Keller eines Obdachlosenheims

Es sind keine guten Zeiten auf der Insel. Die Regierung ein Chaos, das Gesundheitssystem dito. Aber es gibt auch Hoffnung: Das erste Glücksmuseum der Welt liegt in London – im Keller eines Obdachlosenheims. Ein Besuch.

Im "Museum of Happiness" in London dürfen auch Erwachsene ins Bällebad

Im "Museum of Happiness" in London dürfen auch Erwachsene ins Bällebad

Man kann dieser Tage beim Blick in die englischen Zeitungen schnell depressiv werden. Viel steht da drin über das Chaos in der Regierung, die sich nicht einigen kann, welche Art von Brexit sie denn nun will. Es geht auch um das moribunde Gesundheitssystem, den verschobenen Operationen und den langen Wartezeiten in Krankenhäusern. Es geht außerdem um Pädophile, die Wohltätigkeitsorganisationen wie "Oxfam" infiltrierten und bei Hilfseinsätzen wie in Haiti vor Jahren junge Mädchen als Prostituierte anheuerten. Außerdem: notgeile Kerle, die bei Charity-Dinnern Hostessen schamlos betatschen, als hätte es Weinstein und #MeToo nie gegeben. Das sind – grob – die dominierenden britischen Themen der vergangenen Wochen. Das trübe Bild wird vom Wetter abgerundet. Es ist grau und kalt, was nicht dadurch besser wird, dass es in der U-Bahn warm und überfüllt ist.

Kurz und schlecht: fühlt sich anders an.

Und also begab ich mich an einem dieser grauen Tage auf die Suche nach dem Glück. Ich hatte nämlich von einem Ort des Glücks mitten in London gehört. Aber die Suche führte erst einmal abwärts in einen Kellergang, der an Flure in Altenheimen erinnerte mit Neonlicht, Linoleum und Treppenliften. Es roch auch etwas säuerlich, und ich fragte mich, ob das hier wirklich die richtige Adresse sein konnte für das weltweit erste und bislang einzige Glücksmuseum, das "Museum of Happiness", aber dann trat ich durch eine weiße Flügeltür in einen ziemlich bunten Raum, und dort empfing mich eine junge Frau, die - man kann es nicht anders sagen – eher flötete denn sprach: "Hey! Ich bin die Rosa. Schön dich zu treffen und herzlich willkommen im Museum für Glück. Fühl dich wohl."

Damit waren alle Zweifel beseitigt. Hier musste das Glück zu Hause sein.

Das Museum trifft offenbar einen Nerv

Das Museum liegt im Londoner Stadtteil Camden und dort lediglich 150 Meter von der belebten Hauptstraße entfernt, eine der großen Touristen-Attraktionen der Stadt. Es liegt aber auch im Souterrain des "Arlington House", des landesweit größten Hostels für Obdachlose, und mehrere der Bewohner waren an diesem grauen Vormittag auch dort. Rosa Connor, 31 , begrüßte die zumeist älteren Herren empathisch. Das ist ja die Idee des Ganzen: Empathie, Glück, Achtsamkeit im Miteinander – vor allem den Schwächeren gegenüber.

Die Suche nach dem kleinen Glück als Gegengift zum Alltag passt in die Zeit. Vor Wochen schuf Premierministerin Theresa May den Posten einer Ministerin gegen die Einsamkeit und folgte damit der Empfehlung einer überparteilichen Kommission zu Ehren der im Frühsommer 2016 ermordeten Labour-Abgeordneten Jo Cox. Neun Millionen Briten, stand in dem Dossier, leiden zeitweise oder sogar permanent unter Einsamkeit. Die Zahl der psychischen Erkrankungen auf der Insel steigt seit den 90er Jahren dramatisch, jeder Sechste im Alter zwischen 16 und 64 leidet irgendwann an Depression oder Burn-Out. Es ist ein großes Thema in Großbritannien, für das sich seit Jahren auch die Prinzen Harry und William engagieren mit ihrer "Heads Together Campaign". Harry selbst sprach erstaunlich offen über seine Probleme und seine Therapien und fand danach mit Meghan noch sein ganz persönliches Glück.

Nun ist das "Museum of Happiness" kein klassisches Museum mit Exponaten und Ausstellungsstücken, sondern eher ein Gute-Laune-Tempel mit Bällebad wie bei Ikea und Filz-Grünfläche, auf der Happy Hip Hop gelehrt wird oder Gelächter-Yoga oder Quigong oder indischer Bauchtanz. Und zwar im Rahmen "Festivals of Happiness" gegen den, klar: Winter Blues.

Erwachsene planschen johlend im Bällebad

Die liebreizende Rosa, Background  Yoga, erzählte erst einmal wie das alles begann, nämlich als Pop-Up-Festival auf dem Spitalfield Market im Londoner Osten und es immer größer wurde und populärer und sie schließlich nach Räumen zu suchen begannen und fündig wurden im Bauch des " House". Sie eröffneten im September, bieten seitdem Kurse für Selbstbewusstsein und Wohlbefinden an und Vorträge über die Wissenschaft des Glücks und manchmal sogar einen Mental-Quickie: Happy Hour für drei Pfund. Rosa gehört zu den Gründungsmitgliedern und ging mit mir sodann die verschiedenen Glückstationen ab: Es gibt da einen Let-it-go-Tisch mit einem kleinen Mülleimer drauf, in den man seine Sorgen verklappen soll, einen Zettel-Baum für Dankbarkeit und Passion – "Sun", "Help others!", "I'm willing to learn" – und eine Kaffee-Ecke, in der "schuldfreier Kakao" serviert wird, weil ökologisch angebaut und geerntet. Klingt ein wenig nach esoterischem Ringelpiez. Ist es wohl auch, ohne Anfassen allerdings. Trifft aber einen Nerv. Die Leute kommen zu Hunderten.

Im Bällepool mit 30.000 Plastikkugeln planschen johlend Erwachsene, die hier noch mal Kind sein und sollen, denn, nicht wahr, wie Rosa sprach: "In jedem von uns steckt noch ganz viel Kind, wir müssen es nur finden." Die glücklichen Planscher hatten das Kind in sich offenkundig gefunden. Das Ganze hat die Anmutung eines Spielplatzes, und womöglich bleibt es nicht bei diesem einen Spielplatz in . Ein bisschen Zuversicht und Spaß können alle gut gebrauchen in Zeiten von politischer Verunsicherung und einer immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich.

Zu besichtigen auch hier im Museum, gesellschaftliche Schnittstelle obendrein. Wohlhabende Londoner verrenken sich beim Bauchtanz neben Obdachlosen.

Nach zwei Stunden hatte ich genug Glück getankt und sogar einen schuldfreien Kakao. Zurück auf die Hauptstraße, ab in die U-Bahn, warm und überfüllt wie immer. Im "Evening Standard" war ein Foto von Trump, wie ihm die Haare entgleisten und seine stattliche Fleischmütze freilegten.

Es muss wohl mein Glückstag gewesen sein.