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M. Streck: Last Call: Im Tal der Vergessenen

Am kommenden Mittwoch ziehen die Briten den Paragraphen 50. Dann beginnen die Austrittsverhandlungen. Dann gibt es kein Zurück mehr. Ein Ortstermin im walisischen Ebbw Vale, das von der EU lebt. Und dessen Bewohner dennoch mit großer Mehrheit für den Brexit stimmten. 

Barry Sutton, Bürgermeister von Ebbw Vale

Barry Sutton, Bürgermeister von Ebbw Vale

Neulich fuhr ich mit dem wunderbaren Fotografen Seamus Murphy durch Großbritannien für eine Reportage zur Lage der Nation. Wir bereisten den Norden, Süden, Osten und Westen. Der Westen war Wales und dort eine Stadt, die mit überwältigender Mehrheit von 62 Prozent für den Brexit gestimmt hatte. Ebbw Vale im County Blaenau Gwent, 18.000 Einwohner, einst Kohl und Stahl und heute Erinnerung an Kohle und Stahl. Altes Labour-Territorium seit Ewigkeiten. Die Konservativen haben nicht einen Abgeordneten im Rat. Das war eigentlich immer so. Vielleicht auch deshalb übersehen und vergessen von der Tory-Regierung in London. Aber keinesfalls übersehen und vergessen von der EU in Brüssel, das die Stadt und den Landkreis mit Millionenzuschüssen irgendwie am Leben hielt und hält. Dennoch stimmten die Menschen von Ebbw Vale für den Austritt, und deshalb fuhren wir dorthin. Auf der Suche nach Antworten und um die Menschen besser zu verstehen.

Zunächst rief ich bei der Verwaltung an und fragte nach möglichen Gesprächspartnern. Der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mann wimmelte ab und schrieb später fast barsch in einer Mail, es sei alles gesagt nach Brexit, niemand wolle mit mir noch darüber reden. Keine Zeit. Er steckte noch zwei Pressemitteilungen in den Anhang. Darin standen die Ergebnisse und dass der Rat der Stadt das Votum der Bürger akzeptiere.

Danach rief ich ein paar Ratsmitglieder direkt an. Alle waren freundlich, sehr freundlich sogar. Aber niemand wollte öffentlich reden. Einer sagte: "Wenn ich das sage, was ich denke, würde ich ein Problem mit den Wählern bekommen." Im Mai sind wieder Regionalwahlen.

Schließlich rief ich den Bürgermeister an. Bis zum Bürgermeister hatte sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass zwei Reporter aus London auf Spurensuche nach Ebbw Vale kommen wollten. Barrie Sutton willigte tatsächlich ein und empfing uns an einem regnerischen Morgen in seinem holzlaminierten Büro im großen Verwaltungsgebäude. Sutton, 74 Jahre alt, Labour sein Leben lang, trug einen grauen Anzug und eine mächtige goldene Kette um den Hals, die ihn als amtierenden Mayor auswies. Er trank einen Pott Tee und erzählte, dass er früher in Paris studiert und gelehrt hatte, Psychologie und Philosophie, ehe es ihn in seine walisische Heimat zurückzog in den 70ern und er dort als Grundschullehrer arbeitete. Sutton spricht perfektes Französisch und erstaunlich gutes Deutsch. Er ist ein Europäer durch und durch, er war im Sommer selbstverständlich für den EU-Verbleib und verstand die Welt nicht mehr und, schlimmer noch, die eigenen Nachbarn nicht mehr, als Ebbw Vale Europa kündigte.

Der Bürgermeister und seine Wut auf die Wähler

Sutton sagte an diesem Vormittag mit rauer Stimme Erstaunliches für einen Politiker. Er nannte das Ergebnis "fucking madness", und selbst sein Assistent Chris zuckte in diesem Moment zusammen. Sutton schienen die kommenden Wahlen wenig zu interessieren. Er war von erfrischender Ehrlichkeit und fragte sich laut, was wir uns auch gefragt hatten: "Wie kann man so blöd sein und den Ast, auf dem man sitzt, einfach absägen?" Er witzelte sodann über die dümmsten Begründungen, die ihm nach dem Referendum untergekommen seien, als Reporter ins Tal kamen und die Menschen befragten. Einer sagte, er wolle nicht, dass ein Deutscher britische Truppen befehligt. Und Barrie kriegte darüber einen Hustenanfall vor Lachen, "können Sie sich das vorstellen? Sie sind doch Deutscher". Ein anderer Mann klagte, dass die EU eine Umgehungsstraße um Ebbw Vale gebaut habe. Worauf der Reporter sagte, dass eine Umgehungsstraße aber doch grundsätzlich eine gute Sache sei. Aber der Mann sagte, nun würden kaum noch Autos durch die Stadt fahren.

Das Stahlwerk war Arbeit und Leben

Solche Dinge sagten die Leute von Ebbw Vale nach dem Referendum, und der Bürgermeister schüttelte noch Monate später fassungslos den Kopf darüber: "Es war eine Abstimmung der Vergessenen, die darüber vergaßen, dass sie die Falschen abstrafen." Jetzt ist es zu spät. Der größte Arbeitgeber vor Ort ist die Behörde, 4000 Menschen. Früher war der größte Arbeitgeber die große Stahlfabrik, 12.000 Beschäftigte. Sie lag im Tal, dampfend und kochend und mächtig und stolz, und zum Schichtwechsel gab es Stau, wenn die Busse vorfuhren und Männer entluden und einluden, Jahrzehnte ging das so. Das Werk bedeutete Arbeit und Leben und einen gewissen Wohlstand.

Vor 15 Jahren machte es dicht, und das war der Anfang vom Ende. Die EU subventionierte danach die Region mit ihren Millionen. Sie baute ein Freizeitzentrum, ein gigantisches Berufskolleg, Sportplätze und auch ein Museum, das an die Zeiten erinnert, als das Tal dampfte und damit blühte. Und in dem nun ein paar ältere Männer diskutierten über Wales, Westminster, Ebbw Vale und die EU. Sie waren einst stolze Ingenieure und Arbeiter. Noel Evans hatte für den Verbleib votiert, aber nicht, weil er die EU für eine besonders gute Idee hielt, vielmehr aus Mutlosigkeit und einem Sinn für die Realitäten. Für ihn war die Union das geringere von zwei Übeln.

Alan Waite, sein Freund, hatte für Leave gestimmt, und das bedauerte er inzwischen. Die eigenen Söhne redeten danach eine Woche lang nicht mit ihm, und als sie wieder mit ihm redeten, schimpften sie ihn einen Trottel. Und so fühlte er sich tatsächlich, weil er den Utopisten und Populisten wie Boris Johnson und dem UKIP-Boss Nigel Farage auf den Leim gegangen war mit deren Gerede von zu vielen Immigranten und Überfremdung. Obschon in Ebbw Vale bis auf ein paar Polen kaum Fremde leben und er einst im Werk selbstverständlich mit Ausländern zusammen malochte und nie ein Problem hatte mit ihnen, und nun das: "Es wird bergab gehen, noch weiter bergab. Wir haben keine Zukunft, nur Vergangenheit." Die Zukunft liegt außerhalb des Tals, die Söhne werden Wales verlassen. Einer geht nach London, der andere wandert voraussichtlich nach Neuseeland aus. Und zurück bleibt Waite und trifft sich mit den anderen Männern im Museum ihres alten Lebens. Den Stolz auf früher kann ihnen keiner nehmen. Wenigstens das nicht.

EU-Flaggen überall. Sie wirken wie Hohn

Ebbw Vale muss tatsächlich eine stolze Stadt gewesen sein. Die Europäische Union hat nur die Löcher stopfen können, die nach dem Verlust der Arbeit dort entstanden. Die Frage ist, wer künftig diese Löcher stopft. Überall in Ebbw Vale pappt an Gebäuden die blaue Europaflagge mit den gelben Sternen, und darunter steht der Satz "Hier investieren Wales und die EU in Ihre Zukunft." Das wirkt jetzt wie Hohn. Der Geldstrom aus Brüssel wird in spätestens zwei Jahren versiegen, dann werden auch die blauen Flagge verschwinden. Was dann kommt, weiß niemand.

Die Einkaufsstraße besteht aus einer Ansammlung von Billiggeschäften. Das alte Kino ist nun ein Pub der Weatherspoon-Kette, dessen Besitzer landesweit für den Brexit warb. Der Pub war leer an diesem grauen Tag, und vor ihm stand die Familie Davis. Mutter Julie, Tochter Sian, Sohn Calvin und Enkel Morgan. Sie waren im Sommer gespalten. Die Tochter stimmte für den EU-Verbleib, die Mutter und der Bruder dagegen. Calvin glaubte das Märchen von den 350 Millionen Pfund, die statt nach Brüssel ins Gesundheitssystem fließen würden. Er glaubte an ein wiedererstarktes Großbritannien. Er glaubt das im Übrigen immer noch. Und irgendwie konnte man ihn sogar verstehen an diesem Morgen in der Einkaufsstraße vor dem leeren Pub. Ebbw Vale war auch mit den Zuschüssen aus Brüssel kein Ort der Träume, schon lange nicht mehr. Calvin lebt von der Sozialhilfe wie die Mutter wie die Schwester. Die Mutter Julie würde jetzt für Europa stimmen, dürfte sie noch einmal, "es war ein Fehler". Dann blickte sie auf ihren Enkel, legte den Arm auf seine Schulter und sprach: "Morgan, du bist unsere Zukunft. Stimmt’s?" Und Morgan lächelte und nickte stumm.

 P.S.: Die komplette Reportage über den Seelenzustand Großbritanniens lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des stern.