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Annexion und Mobilmachung Putin beseitigt den größten Mangel seiner Truppen und eröffnet die nukleare Option

Russlands Iskander-Raketen können auch nuklear bestückt werden.
Russlands Iskander-Raketen können auch nuklear bestückt werden.
© Russian Defence Ministry/ / Picture Alliance
Nach den jüngsten Niederlagen greift der Kreml zu energischen Maßnahmen. 300.000 Reservisten werden zwangsweise eingezogen, und auch die angekündigte Annexion der besetzen Gebiete ist keine Formalie. Sie eröffnet die Möglichkeit, Atomwaffen zur "Selbstverteidigung" einzusetzen.

In der Ukraine geht es für Russland nicht nach Plan. In den letzten Wochen sind die russischen Invasoren stark unter Druck geraten. Ein ganzer Frontabschnitt ist unter dem Ansturm einer ukrainischen Offensive kollabiert. Große Gebiete konnten in kurzer Zeit befreit werden, dazu haben die Russen bei ihrem fluchtartigen Rückzug jede Menge Material zurücklassen müssen.

Nun hat Putin flankiert von Verteidigungsminister Schoigu die Reißleine gezogen, um weitere Niederlagen abzuwenden. Die angekündigten Maßnahmen fallen in zwei Teile. Das eine ist die angekündigte Teilmobilmachung, das andere die angekündigte Annexion von besetzten Gebieten innerhalb der Ukraine.

Das zweite, die Einverleibung der eroberten Territorien, ist alles andere als eine Formalie, bei der russische Pässe verteilt werden. Die Annexion ist von imminenter militärischer Bedeutung. In der Sicht des Kremls wird der "Spezialoperation" genannte Angriffskrieg gegen die Ukraine per Federstrich zum Verteidigungskrieg Russlands aufgewertet. Sollte Kiew die annektierten Gebiete attackieren oder versuchen, sie zu befreien, würde das als Angriff auf Russland gewertet werden. Im Westen mag sich diese Verdrehung der Tatsachen absurd anhören, in Russland wird das anders sein. Schon heute lautet die Rhetorik, dass Russland nicht gegen die Ukraine, sondern gegen die imperialistische Nato kämpft. Diese Rhetorik wird nun mit "Das ist ein Angriff auf Mütterchen Russland" ergänzt. Der Kreml wird auf diese Weise versuchen, die mächtigen Bilder des "Großen Vaterländischen Krieges" zu beschwören.

Dazu eröffnet sich so eine elegante Möglichkeit, bei Bedarf den Kriegszustand zu erklären. Nicht weil der Kreml ein Nachbarland überfällt, sondern – so die hanebüchene Logik –, weil Kiew als Handlanger der Nato russische Gebiete "angreift".

Russland wird zum angegriffen Land

Ein solcher "Angriff" auf Russland hat eine entscheidende Bedeutung in der russischen Nukleardoktrin. Sie erlaubt den Einsatz von Atomwaffen ausdrücklich nur, wenn Russland selbst in seiner Existenz bedroht wird. Durch die Annexion wird die formale Voraussetzung erfüllt. Atomwaffen können dann formal korrekt im gesetzlich vorgesehen Rahmen eingesetzt werden und nicht nur durch einen Willkürakt Putins. Ob es dazu kommt, ist eine andere Frage. Schon zuvor haben ukrainische Streitkräfte Anschläge auf russischem Gebiet verübt und Einsätze gegen Einrichtung auf der annektierten Krim durchgeführt, ohne dass Russland Atomwaffen eingesetzt hätte.

Durch die Annexion weiterer Gebiete baut Putin seine bekannte atomare Drohkulisse weiter auf. Adressat dürften vor allem die westlichen Unterstützerstaaten Kiews sein. Sie sollen davon abgehalten werden, Kiew so zu unterstützen, dass weitere Gegenoffensiven Kiews möglich sind.

Ukraine-Krieg: Reporter in Moskau ordnet Teilmobilmachung in Russland ein

Im Kreml wird man hoffen, dass so eine atomare Verzweiflungstat nicht nötig ist und die angekündigte Teilmobilmachung die Situation am Boden ändern wird. Durch die Teilmobilmachung können Reservisten, Personen mit militärischer Ausbildung und Spezialisten in bestimmten Berufen zum Kriegsdienst eingezogen werden. Auch ohne, dass diese das wünschen.

Zuvor hatte der Kreml versucht, ausreichend Freiwillige zu finden. Doch trotz sehr guter Bezahlung und mehr oder weniger subtilem Druck kamen nie genug Soldaten zusammen. Das ändert sich nun. Es sollen zunächst 300.000 Mann eingezogen werden, das Reservoir der Reservisten ist jedoch weit größer. Eine allgemeine Generalmobilmachung ist nicht vorgesehen und auch nicht nötig. Ein derartiges Potenzial wäre nur in einem Szenario wie dem Zweiten Weltkrieg sinnvoll, als Massenheere in Millionenstärke aufgestellt wurden.

Langes Zögern

Die Entscheidung, Männer zwangsweise in den Krieg zu schicken, hat Putin lange vor sich hergeschoben. Putin zeigt sich damit wieder einmal als Zögerer, der sich lange gegen das Unvermeidliche sträubt. Schon nach der ersten Kriegswoche wurde deutlich, dass Russland zwar viel schweres Gerät, aber viel zu wenig Fußsoldaten einsetzen kann. Ein Land so groß wie die Ukraine lässt sich nicht mit 200.000 Mann – von denen nur ein Teil zu kämpfenden Truppe gehört – erobern. Die Charkow-Offensive der Ukraine zeigte den eklatanten Personalmangel auf der russischen Seite erneut. Um genügend Truppen an den Brennpunkten im Donbass und um Cherson konzentrieren zu können, hatten die Russen alle kampfkräftigen Einheiten aus ganzen Frontabschnitten herausgelöst. Die verbliebene schwache Verteidigung fiel dann auch wie ein Kartenhaus zusammen. Die Ukraine hat seit Kriegsbeginn den Vorteil, dass sie eine sehr umfassende Wehrpflicht eingeführt hat und diese auch rücksichtslos durchsetzt. Das kleinere Land konnte also weit mehr Soldaten aufstellen als das größere Russland.

Was ist zu erwarten?

Da Russland Reservisten einzieht, die bereits eine militärische Ausbildung erhalten haben, dürfte sich die notwendige Zusatzausbildung bei den Kampftruppen deutlich verkürzen. Spezialisten für Logistik, Wartung und Instandsetzung benötigen kaum mehr als eine Einweisung. Das Aufstellen ganz neuer Großverbände benötigt Zeit, unter einem halben Jahr wäre damit nicht zu rechnen. Viel schneller dürfte es allerdings gehen, wenn ausgeblutete Einheiten mit den Reservisten wieder aufgefüllt werden. Vor allem dann, wenn der Kreml die logistische Herausforderung meistert, den Verbänden die Reservisten zuzuführen, die bereits früher in diesen Einheiten gedient haben.

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Schnell ginge es auch, wenn mechanisierten Truppen mit neu geschaffenen Infanteriezügen verstärkt werden. In diesen Fällen könnte man absehbar eine Verbesserung der Personalsituation an der Front erreichen. Doch wie will der Kreml 300.000 zusätzliche Soldaten ausrüsten? Waffen und Kleidung aus der Sowjetära dürften in ausreichender Menge vorhanden sein. Doch schon jetzt leiden die russischen Truppen an einem Mangel an moderner Ausrüstung wie Body-Amor, Schutzbrillen, Zieloptiken, Nachtsichtgeräten, Kommunikationsausrüstung und Aufklärungsdrohnen. Wenn die eingezogenen Soldaten aber erfolgreich gegen die teilweise sehr gut ausgerüsteten ukrainischen Angriffstruppen kämpfen sollen, müssen sie eine entsprechende Ausrüstung erhalten, sonst sie kaum mehr als Kanonenfutter. Aus eigenen Beständen kann der Kreml diese Ausrüstung kaum beisteuern. Es bleibt also abzuwarten, ob es Russland gelingt, mehr Ausrüstung von seinen Verbündeten zu bekommen.


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