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Rechter Hetz-Blog: Wie eine Lüge über die Essener Tafel zum erfolgreichsten Text des Tages wurde

Der erfolgreichste Text auf den Social-Media-Kanälen war am Dienstag ein Stück über die Stadt Essen. Es ging um die Tafel, es ging um Kanzlerin Angela Merkel, es ging um Flüchtlinge. Nur: Fast nichts im Text war wahr.

Kunden der Essener Tafel gehen mit ihren Einkaufswagen zur Lebensmittelausgabestelle.

Kunden der Essener Tafel gehen mit ihren Einkaufswagen zur Lebensmittelausgabestelle. 

Über die Essener Tafel lässt sich trefflich streiten - zum Beispiel, ungefähr so: "Unmenschlich, dass die Tafel Bedürftige ausschließt", könnte der eine sagen, "und das nur weil sie laut Pass eine vermeintlich 'falsche' Nationalität haben." "Nun hör doch auf mit dieser Schelte", könnte sich der andere echauffieren, "das sind Freiwillige, die das machen. Schubsen geht nun mal gar nicht und überhaupt: Nicht nur Ausländer sind bedürftig, nein, auch Deutsche." Dann könnten beide etwas sauer werden und lauter und mit den Armen fuchteln und irgendwann könnte der Erste dem Zweiten dann ein "Rassist!" an den Kopf werfen und der Zweite könnte "Gutmensch!" zurückbrüllen, oder wie auch immer. 

Dann könnten beide wütend davonstampfen und sich - nach dieser Diskussion wahrscheinlich getrennt voneinander - weiter über die Zustände in informieren. Sie könnten, beispielsweise, diesen Artikel lesen oder den oder auch den hier. Dann würden sie erfahren, dass Kanzlerin Angela Merkel den Aufnahmestopp für Ausländer nicht so wirklich gut findet - und Person 2 könnte wieder schimpfen - oder lesen, dass die Essener Tafel ihre neue Regelung trotzdem umsetzt - was wiederum Person 1 ganz furios machen dürfte.

Was die beiden allerdings niemals machen sollten, ist: sich auf der Website "halle-leaks.de" informieren. Denn auf dem Blog gibt es keine Information. Sondern  .

Social Media: Der erfolgreichste Text ist falsch

Der "halle-leaks"-Text mit dem Titel "Laut Merkel ist Flüchtlingen bei den Tafeln unbedingter Vorrang zu geben - Wir luden sie ein" war laut einer Analyse des Branchendienstes "Meedia" das nach Interaktionen erfolgreichste Social-Media-Stück des vergangenen Tages. "Grauenhafte 23.700 Interaktionen sammelte der Text auf  ein - mehr als jeder journalistische Artikel des Tages", heißt es in dem Newsletter, den Meedia am Morgen verschickte. Dass der Text faktisch falsch ist, ist nicht nur nebensächlich - sondern für den Online-Erfolg komplett egal.


Merkel meine, heißt es in dem Text, dass Flüchtlingen der Vorrang vor - Zitat - "Alten, Gebrechlichen und Rentnern" zu gewähren sei. "Erstens haben wir diese Menschen eingeladen und zweitens würden sie sich diese Vorzugsbehandlung auch hart erkämpfen und damit verdienen." Der Blog-Eintrag ist nur zwei Absätze lang, am Ende verweist der anonyme Schreiber der Zeilen auf einen Online-Artikel der "Zeit". Von hier will er seine Informationen bezogen haben. Klickt man auf den Link, öffnet sich tatsächlich ein "Zeit"-Artikel, der das Statement der Kanzlerin zur Tafel in Essen behandelt - doch an dieser Stelle enden auch schon die Parallelen. Stimmt, Merkel hat sich in einem RTL-Interview zur Tafel in Essen geäußert, sprach sich darin allerdings lediglich gegen eine "Kategorisierung" der Bedürftigen aus (das RTL-Interview können Sie sich hier anschauen). Das Rundherum: von "halle-leaks.de" dazugedichtet.

Das ist kein Versehen, keine Ausnahme. Diese Art der Darstellung ist das Geschäftsmodell von "halle-leaks.de" (der stern hat bereits vor knapp einem Jahr über die Methode des Blogs berichtet - hier geht's zum Artikel). "Halle-leaks.de", das ist jener Ort im Internet, wo Martin Schulz' Satz über die AfD "Diese Typen muss man bekämpfen" mal eben schnell mit einem "Ich denke dabei an Umerziehungslager nach DDR-Vorbild" ergänzt wird. 

Sven Liebich, der Mann hinter dem Blog 

Der Mann hinter dem Blog heißt Sven Liebich. Liebich ist um die 40 Jahre alt, wohnt selbst in Halle, einer mittelgroßen Stadt in Sachsen-Anhalt. Dort ist er, lieblich formuliert, ein recht bunter Hund. Er ist bereits mehrfach in den Schlagzeilen gelandet, unter anderem in jenen der "Mitteldeutschen Zeitung". Mal nennt man ihn noch recht freundlich "rechten Provokateur", manchmal wird er als "bekannter hallescher Rechter" bezeichnet. Fragt man bei Presse oder Behörden aus Halle nach Liebich, wird häufig geseufzt. Natürlich kenne man den.

Einst kennengelernt hatte man Liebich als führenden Kopf der rechtsextremen Szene der Stadt, berichten "MZ" und "taz", er soll für "Blood and Honour" tätig gewesen. 2003 sei er, so gebe es Liebich selbst an, ausgestiegen. Seitdem fiel er mehrfach auf: als Redner auf sogenannten Montagsdemonstrationen in Halle, als falscher Imam, der im Zentrum der Stadt „Allahu Akbar“ rief. Beruflich betreibe Liebich einen Shop für T-Shirts, auf seinem Blog finden sich mehrere Links dazu: Es sind schwarze Shirts mit weißen Aufdrucken wie "Hammer statt Halbmond",  "Mein Land, meine Regeln" und "Germanenherz". Offenbar will Liebich so die Reichweite seines zu Geld machen. Er selbst bestreitet den Laden zu führen, sämtliche Rechercherergebnisse aber sprechen gegen diese Darstellung.

Ein Besuch auf Liebichs Blog ist wie ein Blick in eine Parallelwelt: Migranten werden dort Merkels "Goldjungs" genannt, dazu gibt es einen Terminkalender mit Einträgen zu einer "Merkel muss weg"-Demo in Berlin, einer "Patriotischen Frühlingsoffensive" in der Hauptstadt und einer Veranstaltung mit Namen "Kandel ist überall" in, natürlich, Kandel. Ganz oben auf der Seite prangt ein schwarzer Banner mit Fotos von Hans und Sophie Scholl - dazu die Zeile: "Sophie & Hans wären bei uns!" Über sogenannte Share Pics auf Social Media bläst Liebich seine Darstellungen in die Welt. Dort werden sie wie verrückt geteilt.

Rechter Blogger muss vor Gericht

An diesem Donnerstag muss Liebich, dem eigenen Kalender zufolge, früh aufstehen. Er hat einen Termin in eigener Sache. Noch vor 8 Uhr will er sich mit Anhängern vor dem Landgericht Halle treffen, er kündigt diese Veranstaltung mit "Liebich vs. Lügenpresse" an. In einem Facebook-Video wirbt er kräftig dafür.  

Liebich muss vor Gericht. Es ist nicht sein erstes Mal: Vor zwei Jahren wurde er Medienberichten zufolge per Strafbefehl wegen vorsätzlicher Körperverletzung rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 700 Euro verurteilt. Liebich hatte sich gewaltsam Zutritt zu einer SPD-Veranstaltung verschaffen wollen und hatte dabei eine Mitarbeiterin verletzt. Damals berichtete die "Mitteldeutsche Zeitung" über den Fall. Im aktuellen Fall geht sie selbst gegen Liebich vor. Liebich soll es unter anderem untersagt werden, einen Link zu einem vorausgefüllten Kündigungsschreiben für die Zeitung aufrechtzuerhalten, zudem soll er eine Redakteurin nicht weiter als "aktive Linksextremistin" bezeichnen dürfen. Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, sagt MZ-Chefredakteur ‎Hartmut Augustin dem stern, aber das gehe nun mal zu weit. Auch Martin Schulz und Renate Künast von den Grünen haben Liebich bereits angezeigt.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Liebich die Sachlage auch im aktuellen Fall ganz anders sieht: Die Lügenpresse wolle ihm vorschreiben, dass er die Lügenpresse nicht mehr Lügenpresse nennen dürfe, sagt er in seinem Facebook-Video. Dann liest er die Daten der Gerichtsverhandlung von einem kleinen Handzettel ab, er wirkt ein bisschen wie ein schlechter Show-Moderator. Im Hintergrund steht ein weißer Van. Darauf steht: "Kauft keine Lügen Presse". Aufkleber mit derselben Botschaft verkaufe er auch, sagt Liebich an seine Facebook-Fans gerichtet, aber, ja, wer wisse schon, wie lange das wohl noch gehe. "Also holt euch die heute noch."

Vor der Wahl: Fake News: So erkennen Sie Falschmeldungen und Manipulationen
pg
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