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Aktivist Sigmar Gabriel: "Notfalls mit Hypnose"

Er lässt es mit seinem Anti-Atom-Wahlkampf so krachen, dass sogar die Union nervös wird: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, ewiges Talent der SPD. Was passiert mit ihm nach der Wahl?

Von Mathias Becker und Lutz Kinkel

Neue Atomkraftwerke in Deutschland? "Solche Gedanken habe ich nicht, will ich nicht, nein!" sagt Angela Merkel am Freitag vor der Bundespressekonferenz. Keine andere Frage beantwortet sie so präzise und emotional. Drei Mal "Nein" - das ist für Merkels Verhältnisse fast schon ein Ausraster.

Umweltminister Sigmar Gabriel, SPD, dürfte die Szene gefallen. Seit Monaten malt er Merkel und der Union immer neue Atomsymbole auf die Stirn. In den Farben Schwarz und Gelb. Bedrohlich wirkt das. Die große Mehrheit der Deutschen will mit dieser Technologie nichts mehr zu tun haben und blickt verängstigt auf die strahlenden Müllberge in Gorleben und anderswo. Was für ein Wahlkampfthema!

Kleinkrieg um externe Berater

Was für ein Wahlkämpfer: Beschwingt steigt Gabriel am vergangenen Dienstag im Berliner Stadtteil Friedrichshain aus seiner Dienstlimousine. Er ist auf Einladung von Björn Böhning gekommen, dem Sprecher der SPD-Linken. Gabriel ist Mitglied der Netzwerker und des Seeheimer Kreises, also ein konservativer Sozialdemokrat. Eigentlich können sich Linke und Rechte nicht ab. Aber was soll's: Atomausstieg ist sexy, und es ist Wahlkampf. Eine kleine Spitze gönnt sich Gabriel natürlich. "Früher habe ich hier ja direkt um die Ecke gewohnt", sagt Gabriel grinsend. "Aber kürzlich bin ich weggezogen, damit niemand glaubt, ich wolle Björn Böhning seinen Wahlbezirk streitig machen." Und danach geht es wieder, um, na klar: Atomkraft.

Das Thema, das Gabriel klug befeuert, ist so heiß geworden, dass die Union langsam nervös wird. Also versuchte sie einen Konter: Sie warf Gabriel einen "Beraterskandal" vor, weil sein Ministerium zahlreiche Aufträge ohne Ausschreibung an das Berliner Institut "Ecologic" vergeben hatte. Das kam heraus, als der Haushaltsausschuss prüfte, welche Ministerien sich externe Unterstützung beim Erarbeiten von Gesetzesvorlagen holen. Zuvor hatte Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg einräumen müssen, sich Vorlagen von der Privatkanzlei Linklaters schreiben zu lassen. Das hatte die SPD heftig kritisiert. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Guttenberg um Gabriel - Wahlkampf, wie er im Alten Testament steht.

Ein Auge auf dem Parteivorsitz

Genutzt hat es der jeweiligen Gegenseite wenig. Weder gelang es der SPD, Guttenberg zu demontieren, noch der CDU, sich Gabriel vorzuknöpfen. "Wissenschaftliche Unterstützung ist ein völlig normaler Vorgang bei der Ausarbeitung von Gesetzen", rechtfertigte Michael Schoeren, Sprecher des Umweltministeriums, die Aufträge an "Ecologic". Und da es sich um Werkverträge gehandelt habe, müssten die auch nicht ausgeschrieben werden. Der Bundesrechnungshof sprach eine Rüge aus, die Initiative Lobbycontrol kritisierte die Vergabepraxis. Aber groß wurde das Thema - im Gegensatz zur Atomkraft - nicht.

Punkt für Gabriel. Und er sammelt derzeit so viele Punkte ein, dass er als bester Wahlkämpfer der SPD gilt. Dass er ein Riesentalent ist, wissen die Sozialdemokraten seit Jahrzehnten. Das Problem ist, dass es Gabriel auch so gut weiß. Keine Herausforderung ist ihm zu groß, nicht das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten (das er von Gerhard Glogowski geerbt und alsbald wieder verloren hat), nicht das Amt des Umweltministers, nicht das Amt des SPD-Fraktionschefs, für das er gehandelt wurde, als Peter Struck so krank wurde, dass sein Verbleib fraglich war. Nun heißt es, er liebäugele mit dem Parteivorsitz, sollte Franz Müntefering nach der Wahl stürzen.

Kopenhagen im Fernseher

Mit dem Parteivorsitz! Die Diskrepanz zwischen erwünschten und realen Optionen ist bei Gabriel mindestens so groß wie sein Ego. 2007 ließ ihn die Parteilinke, die ihn des Karrierismus zeiht, bei den Wahlen zum Parteipräsidium durchfallen. Sein eigener Landesverband in Niedersachsen verweigerte ihm, einem SPD-Minister, einen sicheren Listenplatz. Also muss Gabriel ein Direktmandat gewinnen. Aus diesen Fakten zu folgern, er sei in der SPD beliebt und mehrheitsfähig, wäre grob fahrlässig.

Offiziell will Gabriel das bleiben, was er ist. "Ich war vier Jahre Chefverhandler in Sachen Umweltpolitik. Da will ich nicht den Fernseher einschalten und in Kopenhagen sitzt ein anderer", sagt er mit Blick auf den Weltklimagipfel im Dezember in Dänemark. Dass die Umfragewerte für die SPD alles andere als berauschend sind, eine Regierungsbeteiligung fraglich und sein Direktmandat nicht sicher, macht ihn nicht irre. Gabriel ist Wahlkämpfer und Wadenbeißer, er setzt wirklich auf Sieg und nicht auf Platz. Was tut er im Fall einer Niederlage? Gabriel: "Man muss sich dazu zwingen, daran nicht zu denken. Notfalls mit Hypnose."

Mitarbeit: Georg Fahrion

Von:

und Mathias Becker