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Anne Will gegen Maybrit Illner: Lagerkrampf auf allen Kanälen

Der Sonntag hat dem Bundestagswahlkampf scheinbar einen Lagerwahlkampf beschert. Und am Abend schickten ARD und ZDF auch noch Anne Will und Maybrit Illner zeitgleich in die Polit-Arena. Wer hat hier besser ausgesehen?

Von Johannes Schneider und Florian Güßgen

Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der beste TV-Sender im Land? Und, wo wir gleich dabei sind: Wer hat die größte politische Kompetenz? Und wer die beste Moderatorin? Für ARD und ZDF ist diese Frage offenbar von existenzieller Bedeutung. Und deshalb ließen die beiden Öffentlich-Rechtlichen es am Sonntagabend darauf ankommen, im direkten Duell. Frau gegen Frau. Das ZDF programmierte seine Star-Moderatorin Maybrit Illner und deren Polit-Talk mit einem "Spezial" genau gegen die liebe Kollegin von der ARD, gegen Anne Will. Beide sollten sie der mörderisch spannenden Frage nachgehen, ob der öde Wahlkampf im Bund denn jetzt noch einmal in die Gänge kommt. "Wird der Wahlkampf noch mal spannend?", fragte Will. Und Illner wollte wissen: "Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?"

Dabei hatte Will schon vor Sendebeginn leichte Vorteile. Sie hatte ihre Gäste, zumindest auf dem Papier, besser ausgewählt. Immerhin war Guido Westerwelle da, der FDP-Chef, und dazu Sigmar Gabriel, der an sich angriffslustige SPD-Minister, Oskar Lafontaine, der Linke von der Saar, wurde zugeschaltet. Illner konnte nur mit Jürgen Trittin als Star auftrumpfen, Wolfgang Schäuble, der auch da war, taugt dafür einfach nicht.

Rhetorik des Lagerwahlkampfs

Aber einerlei: Die Argumentationslinien dieses Abends waren ohnehin vorgeben: Ob bei Will oder Illner, allenthalben bemühten die Diskutanten die Rhetorik des Lagerwahlkampfs. Linke gegen Liberale, Rot-Rot gegen Schwarz-Gelb, jetzt gehe es um die Wurst, Gut gegen Böse. Ob Westerwelle oder Gabriel bei Will, Genscher oder Katja Kipping von der Linken bei Illner: Allen war anzumerken, dass sie nach einem müden Wahlkampf nur danach lechzen, in der scharfen, einfachen Abgrenzung und Dämonisierung des Gegners Profil zu gewinnen. Lagerkampf.

In den Sendungen gab es allerdings eher Lagerkrampf. Denn beide Moderatorinnen versuchten sich an der Quadratur des Kreises: Wie soll man denn über Auswirkungen von Landtagswahlen auf den Bund diskutieren, wenn Rot-Rot-Grün, also die Neuerung des Wahlkampfs, von den Beteiligten ohnehin von vorneherein ausgeschlossen wird? Rot-Rot gibt's vorerst nicht, das sagte sogar Lafontaine per Schalte. Also: Zu holen war wenig in dieser Diskussion.

Schlaglichter der Erkenntnis

Und so lebten die Debatten in beiden Sendern von Schlaglichtern der Erkenntnis, die einzelne Gäste zuließen. SPD-Mann Gabriel etwa, als er sagte, der Abend habe immerhin verändert, dass nun die Zeit der Umfragen vorbei sei, der Wähler habe gesprochen, und der Wähler könne ja einiges verändern. Oder Genosse Thomas Oppermann bei Illner, als er sagte, im Fünfparteiensystem könne man Erfolg nicht alleine haben, als es um die Frage ging, weshalb die SPD nun plötzlich trotz eigenen Verlusten die Erfolge der Linken feierte. Oder der baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger, der rhetorisch so ungeschickt auftrat, dass es kurzzeitig so klang, als greife Parteichefin Angela Merkel nach Monaten der Untätigkeit erst jetzt in den Wahlkampf ein.

Unterhaltsam waren jenseits dessen vor allem die Dialoge zwischen Westerwelle und Gabriel, weil die beiden auch die Gemütslage ihrer Parteien widerspiegelten: Dank seiner Wahlerfolge und seinem Teint wirkte der FDP-Mann so entspannt und so selbstsicher wie der Klassenbeste vor der Zeugnisverleihung. Gabriel dagegen erschien ruhig, unendlich ruhig, fast schon sediert-abgeklärt. Er hatte die undankbare Aufgabe, die FDP einerseits ob ihres Liberalismus' zu verfemen, andererseits aber zu sagen, dass man durchaus mit der FDP reden werde. Denn nur mit einer Ampel, das besagt die politische Arithmetik, hat die SPD überhaupt eine Machtoption jenseits der Großen Koalition. Westerwelle entgegnete dem Geschwurbel unverblümt und sichtlich vergnügt: "Zwischen uns läuft bisher nichts, und zwischen uns wird auch in Zukunft nichts laufen."

FDP ist obenauf, die SPD wirkt ratlos

Und so zeugte der Abend vor allem eines: Die FDP ist wieder obenauf, und die SPD weiß nicht so recht, wie sie die linken Mehrheiten in den Ländern nun tatsächlich im Bund nutzen kann. Ferner: Die Lagerkampf-Rhetorik ist eher wohlfeil, denn im Zweifelsfall muss es fast allenthalben - und vor allem auf Seiten der SPD - Kooperationsbereitschaft geben. Es war dabei eher Anne Will denn Maybrit Illner, die auf diese Diskussion der echten Machtoptionen drängte, freilich, ohne im Lagerkrampf-Geschwurbel durchzudringen.

Und so endete das Duell der TV-Stars von ARD und ZDF unentschieden, bestenfalls mit leichten Vorteilen für Will. Neue Erkenntnisse gab es wenig. Und so hatte am Ende des Abends Umweltminister Sigmar Gabriel recht, als er mit Bezug auf eine mögliche künftige Oppositionsrolle der SPD sagte: "Wer in der Politik ist, der möchte nicht Zuschauer sein." Diese Beobachtung ließ sich am Sonntagabend auch problemlos auf die Polit-Talk-Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen übertragen: Auch hier mochte man eigentlich nicht zuschauen. Im Ersten nicht, und im Zweiten auch nicht.

Von:

Johannes Schneider und