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Berlin vertraulich!: Blassgelber Silvaner-Wein

Wer Wähler für sich gewinnen will, muss sich auch auf neuen Kanälen verkaufen. Besonders ambitioniert sind dabei einige Politiker aus dem schwarz-gelben Lager: Ein Bundestags-Vizepräsident versucht's mit Selbstironie auf Youtube, und im Süden der Republik nehmen CDU-Kandidaten Silvana Koch-Mehrin filmisch aufs Korn, indem sie Weinqualitäten analysieren.

Von Hans Peter Schütz

Unstrittig, dass Spitzenpolitiker auch gute Schauspieler sein sollten. Dann würde über Frank-Walter Steinmeier nicht milde gelächelt, wenn er auf SPD-Parteitagen versucht, den markigen Gerhard Schröder zu geben.

Deutlich mehr schauspielerisches Talent als der SPD-Kanzlerkandidat beweisen die FDP-Politiker Hermann Otto Solms, Bundestags-Vizepräsident und Otto Fricke, Vorsitzender des Haushaltsausschusses. Sie treten bei youtube.de auf mit der Filmserie "Fricke & Solms." In der neuesten Folge treffen sie im Zug auf Ulrich Kienzle, der sich früher mit Bodo Hauser in der ZDF-Sendung "Frontal" zoffte. Jetzt legt er sich mit den beiden Liberalen wegen einer möglichen Enteignung der Aktionäre der HRE-Bank an. Die sei doch "kein Tabubruch", macht er Solms und Fricke an. Und überhaupt müsse die FDP mal ihr Programm verändern, wenn sie bei der Bundestagswahl ankommen wolle. Klar, dass die Liberalen sich da wehren. Hübsch das Ende des Filmchens: Sagt Fricke zu Solms "Bemerkenswert, Sie waren meiner Meinung!" antwortet Solms "Völlig falsch! Sie waren meiner Meinung!" Und sie spielen die Eifersüchtelei glaubwürdig gekonnt. Denn Fricke schimpft zum Schluss: "Bin ich froh, wenn ich den im Urlaub mal nicht sehen muss..."

Das FDP-Duo dreht ohne Skript. Jeder redet frei heraus, was ihm schnell mal einfällt. "Das ist halb so schlimm, wie ich dachte," sagt Fricke, der auf diesem Weg auch jüngere Wähler fürs Thema Wirtschaft und Finanzen gewinnen möchte. Elf Filmchen haben Fricke & Solms für den Internet-Wahlkampf bereits gedreht, 8ooo Klicks kassieren sie in der Regel pro Stück. Solms: "Diese Art der Selbstpersiflierung gefällt uns, denn da können wir zeigen, dass auch wir Spaß am Leben haben." Probleme mit der für einen Bundestags-Präsidenten gebotenen Würde hat er nicht: "Ich bin immer sehr würdig, aber nur, wenn ich als Präsident auftrete."

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Wer dieser Tage mit Silvana Koch-Mehrin vielleicht zu einem Gläschen Wein zusammen sitzt, sollte besser nicht "Prost, Silvana!" sagen. Die Spitzenkandidatin der Bundes-FDP für die Europawahl könnte das als spitze Anspielung missverstehen. Denn sie ist "Opfer" eines ebenfalls sehr pfiffigen Internet-Auftritts (www.silvana-fuer-europa.de) der politischen Konkurrenz im Europawahlkampf geworden. Zwei CDU-Konkurrenten, die wie sie in Baden-Württemberg um den Einzug ins Europaparlament konkurrieren, machen im Internet vermeintlich Weinwerbung. "Wir mögen Silvaner" erklären dort die CDU-Kandidaten Andreas Schwab und Daniel Caspary. Und schwärmen, wie es sich für in Baden geborene Politiker gehört, für die Rebsorte Silvaner, die dieses Jahr ihren 350. Geburtstag in dieser Gegend feiert. Man müsse dem Wein in diesem Jahr deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken, finden die beiden.

Ein Prosit für den Silvaner bringt das Duo aus - und schenkt dann der Weinsorte "besondere Aufmerksamkeit." Von der "eher blassgelben Farbe" des Weins ist dann die Rede, von seinem "leichten Körper", doch auch von "leicht säuerlichem Abgang" und "relativ leichtem Gehalt." Immerhin, er sei mit "harmonischer Restsüße" ausgestattet. Und leider sehe man die Silvaner-Rebe nur "noch selten bei uns in der Region."

Klingt nett harmlos, ziele jedoch genau auf die FDP-Konkurrentin. Als blassgelb wird sie in der Tat geziehen, weil sie europapolitisch wenig zu bieten habe. Außer im Wahlkampf lasse sie sich nur äußerst selten in Baden-Württemberg sehen, rügen die Kritiker, auch in der eigenen Partei in ihrem Wahlkreis Karlsruhe. Dabei stelle der Silvaner doch "höhere Ansprüche an die Lage," wie die CDU-Jungs mitteilen. Die pfiffige Idee gefällt Koch-Mehrin nicht sehr. Die Bitte von stern.de um einen Kommentar lehnte sie mit einem säuerlichen "Das ist der Rede nicht wert" ab. Caspary und Schwab finden das schade, denn sie hätten die Konkurrentin auch gerne zu einem Essen eingeladen, zumal FDP und CDU in Baden-Württemberg ja Koalitionspartner sind. Einen Wein wäre ihnen das wert gewesen - und ein "Prost Silvana!" hätten sie sich auch verkniffen.

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Politik muss ja nicht immer mit Bierernst gemacht werden. Bei den roten Bayern in Berlin findet sie zuweilen auch unter Einsatz des Zwerchfells statt. Auf einem Kulturabend der bayerischen SPD-Landesgruppe trat der Kabarettist Manfred Kempinger auf, auch bekannt als der "niederbayrische Michael Moore." Sein Programm hieß "Klappe auf", und dem Motto folgte er denn auch nachhaltig. Die SPD betrachtet Kempinger als "aussterbende Pflanze." Daher freue er sich immer, "wenn ich irgendwo einen Sozi treffe. Es könnte ja der Letzte sein." Die Genossen lachten. Herzhaft?

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Welcher SPD-Politiker hat das beste Auge für nachwachsende Parteitalente? Ganz klar, Peer Steinbrück. Im Dezember 2005 diskutierte er auf einer SPD-Konferenz in Nordrhein-Westfalen mit der Basis. Als ein alter Herr etwas sagen möchte, pfiff ihn die Diskussionsleiterin scharf an: "Stehen Sie auf!" Die Dame hieß Michelle Schumann. Und Steinbrück prophezeite: "In zehn Jahren ist Michelle Landesvorsitzende." Was Steinbrück unterschätzt hat: Das Aufstiegstempo von Michelle. Nur vier Jahre danach ist sie eine einflussreiche Wegbegleiterin des SPD-Bundesvorsitzenden Franz Müntefering. Wetten, dass damit ihr politischer Einfluss noch bedeutender ist, als wenn sie nur NRW-Landesvorsitzende geworden wäre?