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CSU: Huber zurück auf Los

Er war Parteichef, rauschte im BMW zu Gesprächen ins Kanzleramt, dirigierte Hunderte Mitarbeiter. Jetzt hockt Erwin Huber, 63, in einem Zehn-Quadratmeter-Büro. Er ist Abgeordneter des Landtags - und zaubert wieder ein bisschen.

Von Gabriele Rettner-Halder

Der Flur ist lang, sehr lang. Links und rechts Türen, Plastikschilder notieren, wer dahinter zu finden ist: Landtagsabgeordneter xy der Partei xy. Außerhalb Bayerns sagen die meisten Namen niemandem etwas. Mit einer Ausnahme. Erwin Huber. Generalsekretär a.D., Parteivorsitzender a.D., bayerischer Finanzminister a.D.

Huber a.D.

Huber ist im Dienst. Er hat sich in seinem 10-Quadratmeter-Büro zweckmäßig eingerichtet. Schreibtisch, Aktenschränke, ein Besuchertisch für zwei Personen. Eine kleine bronzene Büste des CSU-Heiligen Franz Josef Strauß beäugt das spartanische Refugium. Immerhin hat der Abgeordnete Huber eine Sekretärin. Die steht ihm zu. Wie jedem anderen Vorsitzenden eines Ausschusses.

Huber nippt an seiner Tasse mit dem Kräutertee. "Ich bin ein Überzeugungstäter", sagt er zu stern.de.

CSU schrumpft zum Traditionsverein

Kaum ein anderer Politiker ist karrieremäßig so rasiert worden wie Erwin Huber. Er kommt aus kleinen, aus ganz kleinen Verhältnissen. Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die auf einem niederbayerischen Einödhof rackerte. Abendschule, Studium, Finanzinspektor - da hatte er schon nach den Sternen gegriffen. Doch für Erwin Huber, den strebsamen Asketen, ging es immer weiter, seitdem er sich in der CSU engagierte. Bis zu jenen Wochen, als Edmund Stoiber stürzte und er sich mit Günther Beckstein das Bärenfell teilte: Beckstein Ministerpräsident, Huber Parteichef. Nun also erste Reihe. Große Entscheidungen. Schwarze Limousinen.

"Ich hätte mir nie vorstellen können, einmal CSU-Vorsitzender zu sein", sagt Huber, und es schwingt Stolz mit in seiner Stimme. Und dann fügt er trotzig hinzu: "Obwohl diese Erfahrung nicht positiv war, würde ich mich dem wieder stellen."

"Nicht positiv". In Berlin lächelten sie über Huber, weil er viel zu lieb zur Kanzlerin war und beim Reden immer so komisch auf und ab wippte. Die CSU, einst von der Schwesterpartei CDU bundespolitisch gefürchtet, schien zum regionalen Traditionsverein zu schrumpfen. Die Quittung des Wählers war hart und unmissverständlich: Bei den Landtagswahlen im September 2008 verlor die CSU die jahrzehntelange Alleinherrschaft über Bayern. Eine Zeitenwende. Huber musste von allen Ämtern zurücktreten. Horst Seehofer, der neue starke Mann, hätte ihn gerne zum Fraktionschef gemacht. Aber selbst das scheiterte am Widerstand aus den eigenen Reihen.

"Ich stehe voll im Saft"

Er hätte aussteigen können. Er hätte vielleicht aussteigen müssen, um sich die öffentliche Schmach zu ersparen. Aber Huber machte sich klein. Ging zurück auf Los. Stellte sich wieder hinten an. Als einfacher Abgeordneter im bayerischen Landtag. Er weiß, dass die Kollegen tuscheln. "Letztes Jahr war er noch Parteichef und heute sitzt er mit vielen anderen auf der Abgeordnetenbank. Dazu fällt mir nichts mehr ein", sagt einer seiner Parteifreunde. Andere schütteln einfach den Kopf. Keiner versteht, was Huber antreibt.

Huber weiß es vielleicht selber nicht. "Ich habe eine Mission", sagt er. Oder auch: "Mein innerliches Engagement ist gleich geblieben." Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht hat Huber kein Leben jenseits der Politik. Vielleicht ist er süchtig, so wie viele andere auch. "Ich stehe voll im Saft", sagt Huber. Er ist jetzt 63 Jahre alt - und die CSU im Jugendwahn.

Aber er ist entspannt. Das Gehetzte, das Gejagte, das Überanstrengte, das sich in seiner kurzen Zeit als Parteivorsitzender in seinem Gesicht spiegelte, ist gewichen. Es ist, als wäre eine tonnenschwere Last von seinen Schultern gefallen. "So eine große Partei wie die CSU muss auch in der zweiten Reihe gut besetzt sein", sagt er. Und meint damit sich selbst.

Testfall Donau-Ausbau

Die zweite Reihe, das Dienen, das Zuarbeiten und Strippen ziehen, das beherrscht er wie kein Zweiter, dafür ist er berühmt. Kürzlich ließ er das Markus Söder spüren, den neuen Umweltminister. Söder wollte sich mit großer Geste als Bewahrer der Schöpfung in Szene setzen und den Ausbau des Donau-Schifffahrtskanals verhindern. Huber, mittlerweile Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses, organisierte den Gegenantrag: Natürlich machen wir den Ausbau. Söder verlor die Abstimmung auf dem Parteitag krachend. Und Huber feierte eine kleine Wiederauferstehung. Er mag seiner Titel verlustig gegangen sein. Aber er kann's noch. Das war die Botschaft.

Horst Seehofer, der Spieler, blieb der Abstimmung fern. Kann sich Huber so verbiegen, dass er nun für Seehofer, den Mann, der ihn stürzte, das kleine politische Geschäft besorgt? Hat er nicht eine Rechnung mit Seehofer offen? Huber lässt sich nichts anmerken. Er lobt Seehofer auf Knopfdruck, er gönnt sich nicht einmal ein ironisches Lächeln. Die Welt der CSU hat sich neu geordnet, und Huber, der Eifrige, hat sich darin eingerichtet. Er ist jetzt der CSU-Bewacher des neuen FDP-Wirtschaftsministers Martin Zeil. Und er hält die Aufmüpfigen aus den eigenen Reihen, darunter Markus Söder, in Schach.

Nach einer Stunde ist die Audienz beendet. Erwin Huber hat zu tun. Vorträge, Reisen, Ausschusssitzungen. Leise schließt Huber die Tür zu seinem 10-Quadratmeter-Büro. Irgendwann wird er wieder ein größeres haben.

Mitarbeit: Lutz Kinkel
  • Gabriele Rettner-Halder