HOME

Stern Logo Wahl

Sat.1-"Wahlarena" gegen ARD-"Anne Will": "Senden Sie Ihre Webcam!"

Zugegeben: Nach der ersten Sekunde Sabine Christiansen ist klar, warum niemand sie vermisst hat. Dennoch war ihre Sat.1- "Wahlarena" spannender als "Anne Will" in der ARD. Warum? Weil alle mit Wirtschaftsminister Guttenberg raufen durften.

Von Lutz Kinkel und Annika Müller

Ach ja. Sabine Christiansen. Zwei Jahre war sie nicht mehr auf einem großen deutschen TV-Sender zu sehen. Und nun steht sie da in knallengen Jeans, hohen Absätzen und mit merkwürdig starrer Miene - ein Schelm, wer Schönheitschirurgisches dabei denkt. Neben ihr, breitbeinig, Co-Moderator Stefan Aust, ehemals Chefredakteur des "Spiegel". Natürlich versemmelt La Christiansen gleich die erste Ansage. Die Zuschauer dürften in der neuen "Sat.1-Wahlarena" mitmachen, sagt sie. "Zum Beispiel, indem Sie uns eine Webcam senden." Ja, dann alle bitte schnell Pappkarton und Briefmarke raussuchen, spätestens in drei Tagen liefert die Post die Webcam aus.

Niemand hat Christiansen in den vergangenen zwei Jahren vermisst. Jetzt wird wieder klar, warum. Immerhin hat sie einen spannenden Gast zu bieten: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Und ein Konzept, das eine Light-Variante des "heißen Stuhls" ist - alle auf einen, aber bitte höflich. Funktioniert das?

Rollenspiele bei Anne Will

Als Christiansen und Aust in ihre Sendung stolpern, hat Anne Will in der ARD schon eine halbe Stunde Talk hinter sich. Bei der Auswahl der Gäste hatte ihre Redaktion, offenbar um der privaten Konkurrenz Paroli zu bieten, ausnahmsweise nicht den ermüdenden Parteienproporz befolgt (ein Schwarzer, ein Roter, ein Gelber, ein Grüner und ein bisschen Totalopposition von der Linken), sondern eine illustre Runde eingeladen: Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, CDU, Orientexperte Peter Scholl-Latour, Historiker Michael Wolfssohn, Gregor Gysi von der Linkspartei und die Autorin Siba Shakib. Thema: der Afghanistan-Einsatz.

Doch, es ist wie verhext, innerhalb von Millisekunden haben sich die erwartbaren Rollen eingespielt. Jung predigt, dass die Bundeswehr das Land stabilisiere, damit Brunnen gebohrt, Straßen planiert und Schulbesuche von Mädchen ermöglicht werden können. Gysi keift "Das ist Krieg!" und Scholl-Latour belehrt jeden, der es noch hören kann, dass er sowieso keine Ahnung von der Kultur des Landes habe. Es erhebt sich die große Kakophonie, die seit den ersten Tagen des Einsatzes durch die Lande dröhnt. Will kann Scholl-Latour nicht bändigen und rettet sich in ein Einspielfilmchen. Uff, kurze Pause.

Noch eine SMS auf Sat.1

Drüben auf Sat.1 schreitet zu Guttenberg ins Studio, legt sein Tom Cruise-Lächeln auf, stellt sich vor ein durchsichtiges Redepult und lässt sich von Aust und Christiansen kritisch befragen. "Kann man als wohlhabender Baron die Sorgen kleiner Leute verstehen?", will Aust wissen. "Das ist ein Klischee", kontert zu Guttenberg und erzählt mit ernster Miene von seinen Begegnungen mit eben diesen Leuten. So schnell ist der Mann eben nicht aus der Ruhe zu bringen. Der Zuschauer schon eher.

Denn Sat.1 hat, wohl in der Sorge, es könnte ähnlich miese Quoten wie RTL mit der "Townhall" einfahren, ein paar Gimmicks zu viel in die Sendung eingebaut. Hinter zu Guttenberg, am Rednerpult rechts, überträgt eine riesige Videoleinwand eine Nahaufnahme seines Gesichts, während er spricht. Hinter Aust und Christiansen, an den Rednerpulten links, zeigt eine riesige Videoleinwand Fotos von zu Guttenberg, seiner Frau, oder eine Live-Schalte zu Sebastian Krumbiegel von den "Prinzen", der in Leipzig die Sendung verfolgt und ein paar Fragen stellen darf. Die Kamera saust mitunter in einer 360-Grad-Drehung durch das Studio, am unteren Rand des Bildschirms wird ein Laufband eingeblendet, das SMSen von Zuschauern einspielt. Kinder! Wer soll sich da noch konzentrieren? Und auf was eigentlich?

Betroffenheitscouch und Stoffsammlung

Anne Will weiß das auch nicht so genau. Sie bekommt ihren Diskussionsladen nicht in den Griff und schon gar nicht über das Altbekannte hinaus. Jung benutzt zum gefühlt 120. Mal das Wort "stabilisieren" und Scholl-Latour versucht ihm weiter zu erklären, dass überhaupt nichts stabil sei, sondern ihm die Afghanen nur das sagten, was er hören wolle - so sei die Kultur eben. Anne Will geht zur Betroffenheitscouch, auf der zwei Soldaten sitzen, die vor Ort waren. Einer hat bei einem Anschlag seinen Unterschenkel verloren. Endlich mal ein ruhiges, zugleich bewegendes Gespräch. Beide Soldaten sagen, der Einsatz sei zu befürworten. Es gäbe Fortschritte. Gysi mag das nicht hinnehmen und fragt einen Soldaten direkt, ob er den "Krieg" richtig fände. Der holt tief Luft und … Anne Will gibt die Frage an ihre Runde weiter. Das ist falsch verstandenes Bemuttern.

Christiansen und Aust sticheln gegen den wirtschaftspolitischen Plan, der aus Guttenbergs Ministerium in die Öffentlichkeit gelangt war. Darin stehen viele Sachen, die in der Krise schlecht ankommen: Steuererleichterung für Unternehmen, keine Mindestlöhne, Erhöhung der Mehrwertsteuer etcetera. Das Papier sei eine "Stoffsammlung" gewesen, retouniert der Minister. ""Es hat meinen Segen nicht bekommen. Punkt. So ist das." Und er ringt sich sogar zu einem - für Politiker ungewöhnlichen - Eingeständnis durch. Ob er die Krise geahnt habe, fragt Aust. Nein, sagt zu Guttenberg sofort. Und ergänzt: "Ach ich habe vor der ein oder anderen Entwicklung die Augen verschlossen." Solche Antworten wirken entwaffnend, und geben einen Hinweis darauf, warum Guttenberg derzeit der beliebteste Politiker ist.

Alle schießen auf zu Guttenberg

Und in der ARD? "Stabilisieren!", "Krieg!", "Kultur!" - die Diskussion wird tumultartig, Will ordnet sie nicht, sondern bricht einfach ab. Sie versucht noch, Jung ein kritisches Wort über den SPD-Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier zu entlocken. Der sei doch für den baldigen Abzug. Aber Jung bleibt an der Stabilisierung kleben. Kein Wahlkampf heute. Schon wieder nicht. Egal. Schluss.

Alle dürfen auf zu Guttenberg schießen. Die Zuschauer, der Sebastian Krumbiegel, die Moderatoren, und nun kommt auch noch Oskar Lafontaine, der größtmögliche Anti-Guttenberg (GröAnGu) und eine angesäuerte mittelständische Unternehmerin ins Studio. Die Runde nimmt an einem Tisch Platz, der auch das Raumschiff Enterprise geschmückt hätte. Lafontaine pickt sich das Thema Mindestlohn raus, und argumentiert, dass Menschen, die derzeit Niedriglöhne verdienten, auch im Alter bettelarm sein würden. Das sei ein Skandal und ein Beispiel dafür, dass sich Leistung nicht lohne. Guttenberg hält das schon etwas staubige Argument dagegen, dass ein Mindestlohn Arbeitsplätze vernichte. Stattdessen soll ein staatlich gesichertes Mindesteinkommen helfen. Der Widerspruch bleibt ungelöst. Gut so. Der Unternehmerin, die nach Hilfen für illiquide Mittelständler ruft, singt zu Guttenberg sehr diplomatisch rein, dass der Staat nicht an allem Schuld sei. Knallbummpeng, und schon ist auch hier die Sendezeit vorbei.

Fazit: Bei Anne Will haben sich mal wieder alle mit allen verquatscht. Die "Wahlarena" wirkt fokussierter, weil nur ein Politiker im Mittelpunkt steht, außerdem gibt es keine Betroffenheitscouch, sondern der Betroffene wird direkt an den Tisch gesetzt. Da gehört er auch hin. Aber bitte: Sat.1 muss medial abrüsten. Dieser Overkill an Einspielfilmen, SMS-Laufbändern, Twitter-Fragen und Krumbiegeleien ist nervtötend. Schön, dass die TV-Sender das Internet entdeckt haben. Jetzt müssen sie nur noch lernen, es geschmeidig zu nutzen.

Von:

und Annika Müller