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Stanislaw Tillich: Ohne Faxen für Sachsen

In Sachsen gibt's wenig SPD, dafür viel NPD und die CDU kann sich eigentlich nur selbst besiegen. An deren Spitze tritt der höfliche Sorbe Stanislaw Tillich bei der Landtagswahl an. Ein Porträt.

Von Niels Kruse, Sächsische Schweiz

Der Ministerpräsident zieht aus seiner Anzugtasche eines dieser schmalen Portemonnaies, in die die Scheine nur längs gefaltet hineinpassen. Zehn Euro hält er dem Fischverkäufer entgegen, doch der winkt ab: "Herr Tillich, der Räucher-Aal geht natürlich auf Kosten des Hauses", sagt er. Und weil der sächsische Regierungschef schon einmal da steht, bekommt er zum Fisch den Sound der Straße dazu: "Wenn Sie mich fragen, dann sollte der Staat jedem Arbeitslosen einen Besen in die Hand drücken", tönt es aus dem Verkäufermund. Der Landesvater lächelt bemüht, verabschiedet sich, beißt in den Fisch und sagt: "Schmeckt etwas sauer."

Es ist Superwahljahr, und die Sachsen müssen zweimal innerhalb des nächsten Monats an die Urne, am Sonntag wegen der Landtagswahl, vier Wochen später wegen der Bundestagswahl. Es ist die Zeit, sich volksnah zu geben: hier Hände schütteln und plaudern, dort Kinder streicheln und mit Rentnerinnen flirten. Es ist nicht die Zeit des Stanislaw Tillich, 50, Maschinenbauingenieur, Christdemokrat und seit Mai 2008 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen.

Warmer Blick, freundliches Lächeln, offenes Hemd

Seit Anfang August tourt der Regierungschef in einem grün beklebten Bus durch das Land. Ein Schriftzug mit seinem Namen ist darauf zu sehen, daneben sein Konterfei: warmer Blick, freundliches Lächeln, offenes Hemd. Neulich war er damit in Plauen, es war ein Reinfall: Der Ministerpräsident dachte, es sei ein gelungener Willkommensgruß, den Vogtländern zu ihrem neuen Autokennzeichen mit dem Buchstaben "V" zu gratulieren. Leider wollten die Bewohner genau das nicht, sondern ihr geliebtes "PL" behalten. Tillich wurde ausgepfiffen.

An diesen Mittwoch ist er in Pirna, dem Tor zur Sächsischen Schweiz. Und auch dieser Tag beginnt nur mäßig herzlich. Es ist schwül, auf dem Wahlkampfprogramm stehen "lockere Gespräche mit Passanten und Händlern". Doch das mit den lockeren Gesprächen ist so eine Sache: Der erste Smalltalk bei einer Friseurin dauert keine Minute, genauso schnell endet die nächste Plauderei beim Bäcker auf dem benachbarten Markt. Im Uhrenladen Weise in der Schuhgasse dreht ihm eine Kundin demonstrativ den Rücken zu, und aus der Parfümerie nebenan wird Tillich samt Begleitung prompt wieder rausgeworfen, weil die Inhaberin nicht geschminkt sei, wie sie behauptet.

Wer ist dieser Mann?

Nein, Tillich ist keiner dieser windschnittigen Politikertypen, die mit großer Geste auf die Menschen zugehen und ihnen anhand von knackigen Parolen verkaufen, dass alles besser werde, wenn man sie nur wähle. Andererseits: Ein Zuhörer, der mit ernster Miene die Sorgen seines Volkes aufsaugt und anschließend zur Chefsache erklärt, ist er auch nicht gerade. Und doch mögen ihn die Sachsen. Auf einer Beliebtheitsskala von minus fünf bis plus fünf bekommt er die ansehnliche Note 2,2. Fragt sich: Wie passt das zusammen? Wer ist dieser Mann?

Zunächst einmal einer, der das Musterland des Ostens in einer Zeit übernommen hat, die nicht gerade rosig ist. Die Wirtschaftskrise hinterlässt auch in Sachsen ihre Spuren, die Arbeitslosigkeit steigt, die viel gepriesene Hightech-Industrie verliert Aufträge. Tillich regiert mit ruhiger Hand, pragmatisch aber weitgehend visionslos. Viele erinnert er deshalb an Angela Merkel, was nicht nur nett gemeint ist.

"Stanislaw Tillich - der Sachse"

Glaubt man der Botschaft auf den CDU-Werbeflächen, dann ist Tillich vor allem eines: ein Sachse. "Stanislaw Tillich - der Sachse", so steht es geschrieben, weiß auf grau. Die Wahlkampfstrategen mussten sich viel Hohn und Spott für diesen vermeintlich schlichtesten aller denkbaren Slogans anhören. Aber: Was woanders eine nicht weiter erwähnenswerte Nichtigkeit wäre, die Herkunft des Regierungschefs, zieht im Süden durchaus.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der erste Sachse an der Spitze des Landes und die natürliche Umgebung des Ministerpräsidenten

Der Sachse, der auch Sorbe ist

Denn seit der Wiedervereinigung wurde das kleine Bundesland nur von Wessis regiert: Zunächst fast zwölf Jahre lang von Kurt Biedenkopf, der bis heute als "König Kurt" gefeiert wird. Ihm folgte 2002 der spröde Georg Milbradt, der vergangenes Jahr wegen der taumelnden SachsenLB zurücktreten musste. Und nun also Stanislaw Tillich. Ein Sachse, der genaugenommen Sorbe ist, weil er als Abkömmling katholischer Sorben in Neudörfel in der Oberlausitz geboren wurde.

Das mit der Herkunft sei ihm wichtig, sagt Tillich. Damit wolle er betonen, dass er einer von ihnen sei, also ein Eingeborener. Einer, der zeigen könne, dass das ostdeutsche Vorzeigeland auch ohne Leute von drüben wachsen und gedeihen könne. Politische Erfahrung dazu hat er zweifelsohne. 1987 trat er in die (Ost-)CDU ein und saß bis zur Wende im Rat des Kreises Kamenz. Dass er es dabei zum Vizechef der Behörde für "Handel und Versorgung" gebracht hatte, und somit auf dem Weg in die DDR-Führungskader war, verschwieg Tillich allerdings in einem Fragebogen, den alle ostdeutschen Minister ausfüllen müssen. Erst Ende vergangenen Jahres wurde dieser Umstand bekannt und sorgte für eine aufgeregte Debatte über seine Verstrickung in das SED-Regime. Der Ministerpräsident tat nach anfänglichem Zögern Buße und mittlerweile ist der Drops gelutscht, vor allem in seinem Heimatland: "Ach wissen Sie", sagt eine fröhliche Rentnerin in Pirna, "wer damals etwas verändern wollte, musste sich eben mit dem System arrangieren".

Am liebsten mit der FDP

Was genau Stanislaw Tillich in Fall seiner Wiederwahl verändern will, bleibt weitgehend offen. In diesem Wahlkampf, der auch in Sachsen keiner ist, verfolgt er einen wirtschaftsfreundlichen Kurs. Er wünscht sich deshalb die FDP als Koalitionspartner. Anstelle der SPD, mit der die CDU seit 2004 regiert. Umfragen zufolge können die Liberalen mit rund zehn Prozent rechnen, die Union wird auf ungefähr 40 Prozent kommen und damit das Ergebnis der letzten Wahl halten können. Allerdings ist der Hälfte der Sachsen noch immer unentschieden. "Es macht mir Sorgen, dass mir alle auf die Schulter klopfen und sagen, das wird schon gut gehen", sagt er und kämpft unverdrossen weiter.

Es ist nicht so, dass er ständig auf Unverständnis stoßen würde. Den rund 40 Selbständigen in Heidenau, der zweiten Station dieses Tages, die im Restaurant "Trasius Welt" bei Blutorangen-Kaktusfeigen-Limo den Ausführungen des netten Herrn Ministerpräsidenten lauschen, verspricht er Investitionsgutscheine. 8000 Euro sollen Firmen bekommen, wenn sie übergangsweise einmal außerhäusigen Fachverstand benötigten, etwa von Universitäten. Das finden die Leute gut. Was auch daran liegt, dass sie den Tillich gut finden und er sie. Solche Runden sind seine natürliche Umgebung.

Er wägt ab und differenziert, kommt aber zu keiner Meinung

Und er macht, was er am besten kann und ihm Ruf eingebracht hat, er sei der Mann ohne Eigenschaften. Ob Schulpolitik, Standortförderung oder Arbeitslosigkeit: Tillich wiegt die Dinge so lange hin und her, wägt ab und differenziert, oft aber ohne zu einer abschließenden Meinung zu kommen. Das wirkt manchmal angenehm bedacht, manchmal aber hilflos. Etwa wenn es um das Thema NPD geht, die in der Sächsischen Schweiz ihre Hochburgen hat.

"Meine Frau kommt aus Kamerun", sagt ein Rechtsanwalt. "Wie verhindern Sie, dass unsere Tochter diskriminiert wird?", fragt er den Ministerpräsidenten. Zum einen, hebt Tillich an, hätten die Rechten bei der Europawahl ja deutlich verloren, aber zum anderen ginge das Thema alle an. Deshalb sei wählen sehr wichtig und es gebe da Projekte, die gegen Rechts arbeiteten und Demokratie vermittelten. "Und was mich betrifft, trage ich mit meiner täglichen Arbeit ein Teil dazu bei, dass die NPD immer weniger Chancen bekommt." Visionen klingen anders, aber mit Visionen braucht man den Ostdeutschen im Jahr 20 nach der Wiedervereinigung nicht zu kommen. Oder wie die Union auf ihren Wahlplakaten sagt: Keine Faxen - für Sachsen.