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Wahlkampf Eine Sprachwissenschaftlerin erklärt die Rhetorik von Schulz und Merkel

Framing spielt im Wahlkampf eine große Rolle. Politiker und Parteien setzen mit ihrer Wortwahl gezielt Bedeutungsrahmen. Im Interview erklärt Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling die Frames von Angela Merkel und Martin Schulz.
Was ist Framing und was bedeutet es in der Politik? Könnten Sie das einmal kurz für jemanden erklären, der Ihr Buch "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht"  noch nicht gelesen hat?
Framing heißt letztendlich nichts anderes als "einen Rahmen setzen" und daher kommt der Begriff auch ursprünglich. Er wird international genutzt für den folgenden Effekt: Wann immer Sie über Sprache Ideen in den Raum stellen, aktiviert das Gehirn automatisch, unbewusst und in Millisekunden einen Deutungsrahmen im Kopf.
Dieser Deutungsrahmen hat alles, was wir zu einer Sache in der Welt wissen, abgespeichert. Wenn ich also zum Beispiel sage "Lampe", dann aktiviert der Kopf jetzt gerade einen Frame in dem ist drin "Licht", vielleicht "besser lesen können", vielleicht "Wärme". Das ist Framing.
Nutzen Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz es auch?
Ja, selbstverständlich nutzt Angela Merkel Frames und Martin Schulz nutzt Frames, weil keiner von uns denken oder sprechen kann über die Politik oder andere Themen im Alltag ohne Frames.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel aus der Politik?

Sie und ich, wir beide, können ja sagen, uns ist Gerechtigkeit richtig wichtig. "Für mich bedeutet Gerechtigkeit, dass jeder sich auf seine eigene Leistung verlassen darf und nicht das halbe Land finanziell noch an der Ferse mit rum klebt. Deswegen bitte ein bisschen weniger Steuern."

Und dann sagen Sie vielleicht: "Na, Moment, Gerechtigkeit ist ja etwas anderes. Ich möchte mehr Gerechtigkeit und das bedeutet: Das größte moralische Mandat in unserer Gesellschaft ist, dass wir aufeinander schauen und uns schützen. Diesen Schutz nehme ich auch in Anspruch, jeden Tag, wenn ich einmal krank werde oder wenn ich zur Arbeit fahre, was auch immer. Und deswegen heißt soziale Gerechtigkeit natürlich, dass wir das Mandat des Aufeinanderschauens noch weiter ausbauen müssen und das bedeutet natürlich, dass jeder gleichermaßen entsprechend seinen finanziellen Kapazitäten beiträgt." Und an diesem Beispiel sehen Sie schon, wie unterschiedlich ein Begriff wie Gerechtigkeit ausgeführt werden kann. Alle Parteien wollen Gerechtigkeit. Oder Freiheit. Oder Fairness. Und dann müssen Sie sich irgendwie denken, was genau er damit meint? Das wäre ein riesiger Vorteil, wenn die Parteien da von sich aus nachlegen und das richtig detailliert durchdeklinieren, der eigenen Ideologie entsprechend definieren.
Wie definiert sich die Ideologie von Schulz und Merkel?
Die politische Entscheidung hin zu einer Partei oder einer anderen, ist eine ideologische. Und die CDU hat durchaus ideologisch fürsorgliche Aspekte. Sie hat aber auch eine gute Portion ideologischer Strenge mit drin. Deswegen sind sie ja dem rechten politischen Lager zugeordnet. In der CSU ist man da manchmal ein bisschen deutlicher als in der CDU. Die SPD mit Gegenkandidat Schulz ist primär eine fürsorgliche Partei, was die Ideologie betrifft. Das heißt, jeder Mitbürger, der ähnlich wie die CDU, ähnlich wie Angela Merkel und der konservativen Flügel in Deutschland, durchaus auch einmal streng denkt und sagt: "Das nationale Eigeninteresse auch einmal über das Interesse anderer zu stellen, ist auch schon wichtig. Wir müssen hier nicht jeden mit offenen Armen willkommen heißen. Die Menschen müssen diszipliniert arbeiten und das tun sie eigentlich nur, wenn man sie auch fordert und nicht nur fördert." Jeder, der sich da ideologisch zu Hause fühlt, wird Merkel wählen.
Hat Angela Merkel rhetorisch Vorteile vor Schulz?
Merkel spricht ideologisch eine andere Bevölkerungsgruppe an, aber sprachlich gesehen hat sie natürlich viele Vorteile. Zum Beispiel begreifen wir sie alle als Mutti Merkel. Das ist für sie fantastisch, das könnte besser nicht laufen. Wir denken sowieso schon implizit über die Nation als Familie. Früher hatten wir einmal den Papa Heuss. Wir haben auch den Staatshaushalt. Das ist einer von vielen Sprachmomenten, die natürlich der CDU und Angela Merkel in die Hände spielen. Das kann sicherlich auf der linken politischen Seite noch ausgebaut werden. Man müsste sich natürlich einmal ransetzen und rasch ein paar starke Bilder entwerfen. Vielleicht nicht unbedingt den Papa Schulz, das wäre dann merkwürdig, wenn Mutti Merkel und Papa Schulz Wahlkampf machen, aber so in die Richtung. Fassbare Bilder schaffen, das funktioniert eigentlich immer.
Wie sieht es aus mit Martin Schulz? Erst war der Schulz-Zug in aller Munde, nun ist es ziemlich ruhig geworden um den SPD-Kanzlerkandidaten.
Erst einmal finde ich, dass wir im öffentlichen Diskurs viel zu viel reden und Zeit damit verbringen zu debattieren, wie jetzt die eine oder die andere Partei den Bürgern gefallen kann. Zum Beispiel: Was ist jetzt die Strategie? Wie können wir die SPD nach vorne bringen? Ich finde, dass diese Fragen eigentlich viel weniger Zeit verdient haben. Es gibt ganz andere Dinge wie: Was will eine Partei inhaltlich? Aber das ist natürlich ein Stück weit Trend, darüber zu sprechen, wie Parteien sich strategisch aufstellen, diskursiv strategisch, und uns dann eben anschauen, wie Martin Schulz bei seinem Einstieg natürlich gehypet wurde und man alles wahnsinnig fest gemacht hat an ihm als Person. Sozusagen Martin Schulz als Autorität, die jetzt alles wuppen wird. Ich denke, Das muss man zwei geteilt sehen. Auf der einen Seite ist Charisma wichtig, gerade, wenn man so authentisch ist wie Martin Schulz. Man hätte es aber ein bisschen weniger an ihm fest machen können und stattdessen diese neue Figur ganz direkt und unmittelbar auf politische Themen übertragen können. Und damit hätte man die SPD an und für sich gerade in diesem Moment anders kommunizieren können. Das ist ein bisschen versäumt worden.
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