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Wahlspots von CDU und SPD Merkel pur, Steinbrück im Abgang


Die TV-Spots sind draußen. Schräg ist das CDU-Video: Wackelkamera zu Theatermerkel in Isokammer. Und die SPD? Platziert gefühlt 80 Themen in 80 Sekunden. Ein Überblick im Fotoblog "LinsenGericht".
Von Marius Gerads und Lutz Kinkel

Da sitzt sie nun, die Kanzlerin: dunkelroter Blazer, Bernsteinkette, in einem schwarzen Sessel. Irgendwo in Berlin. In der Isolationskammer der Macht. Vor ihr: nichts. Hinter ihr: weiße Wand. Die Botschaft: Es geht um Merkel, Merkel und Merkel. Um Merkel pur. Und dann beginnt sie zu reden. Sätze wie: "Das Richtige ist, was am Ende den Menschen hilft." Wohlfühlrhetorik. Die Kamera blickt ihr kurz darauf über die Schulter. Merkel steht auf einem Dachbalkon - offenbar Unter den Linden* - und schaut auf Kräne, Baustellen und historische Fassaden. Sie tut es. Sie packt es an. Das sollen diese Bilder vermitteln.

Dann sitzt sie wieder auf dem schwarzen Sessel. Und redet. Seltsam theatralisch. Langsam, jedes Wort betonend, mühevoll das Gesagte mit Gesten oder Mimik unterstreichend. Die Kanzlerin als steife Darstellerin der Kanzlerin. Nur einmal, ganz am Anfang, erlaubt sie sich einen Anflug von Humor. Sie sagt: "Oft betreten wir Neuland" - und benutzt damit ein Wort, das ihr im Zusammenhang mit der NSA schon einmal um die Ohren geflogen ist.

Im Hintergrund klimpert eine Gitarre. Vielleicht auch Harfe, mitunter ein Synthi? Es ist, freundlich gesagt: Fahrstuhlmusik. Ambient. Irgendwas zwischen Yoga und Weihnachten. Noch skurriler ist die Kamera, die vor Merkel herumwackelt, als habe der Kameramann ein paar Eimer Sangria getrunken. Soll das jugendlich-kess wirken? So ein bissl MTV? "Echt und direkt und kein Hollywood", sagt ein CDU-Sprecher. Nun ja.

Gäbe es eine Gesamtaussage des Videos, würde sie heißen: Weiter so. Keine Experimente. Und: Ich bin's. Eure Kanzlerin.

Die SPD hat den Slogan "Das Wir entscheidet". Und ihr TV-Spot setzt das sklavisch um. Es geht nicht um Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Es geht um die Bürger. Ein rotes Rednerpult ist das optische Leitmotiv. Es steht mal in einer Schreinerwerkstatt, wo ein beleibter Mann dafür plädiert, dass sich jeder von seiner Arbeit ernähren können muss. Oder auf einem Camping-Platz, wo eine Familie über die schlechten Renten sinniert. Oder, oder, oder. In 80 Sekunden kommen gefühlt 80 Menschen mit 80 Themen zu Wort: Kitaplätze, Bildung, Bankenrettung, Zwei-Klassen-Medizin, Mindestlohn, Altersarmut, Politikverdrossenheit (Achtung: Luft holen nicht vergessen), und so weiter und so fort.

Mitunter zeigt die Kamera auch das Set. Also einen zweiten Kameramann, der vor dem Pult steht und die Bürger abfilmt. Das ist Bertolt Brecht! Episches Theater! Eine Inszenierung, die klar machen soll: Das ist eine Inszenierung. Wir sagen es Euch. Wir grundehrlichen Sozialdemokraten.

Zum Schluss die Blende auf Steinbrück. Da steht er. Im Anzug, mit blütenweißem Hemd, definitiv sein Sonntags-Outifit. Und bittet um die Stimmen der Wähler. Damit er den Auftrag erfüllen kann, den die Menschen zuvor formuliert haben.

Gäbe es eine Gesamtaussage des Videos, würde sie heißen: Bloß nicht weiter so. Zeit für einen Wechsel. Die Bürger wollen es so. Und lasst mich Euer leitender Angestellter sein: Peer Steinbrück.

* Hier stand zunächst, dass Merkel auf einem Balkon am Pariser Platz gedreht worden sei. Dies kann aber aufgrund der Kulisse nicht sein. Dank an Jan Rosenkranz.


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