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Rüdiger Nehberg wird 75: Einst Abenteurer, heute Aktivist

Runde Brille, sorgfältig gestutzter Vollbart und immer ein Insekt zum Verspeisen griffbereit - so kennt man Rüdiger Nehberg. Seine Abenteuerlust mündet mittlerweile im vehementen Einsatz für Menschenrechte.

Es war einmal ein abenteuerlustiger Bäcker, der in die weite Welt hinauszog, gefährliche Mutproben bestand und im ganzen Land berühmt wurde - das Leben von Rüdiger Nehberg liest sich wie ein Märchen. Er war selbstständiger Konditor in Hamburg mit bis zu 50 Mitarbeitern, als er immer wieder aus der Welt der Torten in die der Torturen floh. Nehberg überquerte den Atlantik auf einem Baumstamm, war verschollen im Urwald, tauschte Marzipan und Mürbeteig gegen Mehlwurm und Moskito. Der Survival-Fan wurde zu "Sir Vival", der Abenteurer zum Augenzeugen: "Erst war es Neugier und Abenteuerlust, der Sinn kam dazu, als ich Augenzeuge geworden war", erzählt der Menschenrechtler, der heute 75 Jahre alt wird.

Mit Radtouren um die halbe Welt fing es an. Per Fahrrad fuhr der Sohn zweier Bankangestellter, der schon als kleiner Junge gern ausgebüxt war, als 17-Jähriger nach Marokko. In Marrakesch wollte er die Schlangenbeschwörung erlernen, während sein Vater ihn in Paris wähnte. "Wenn du so weitermachst, wirst du nicht alt", warnte dieser ihn dann auch. Nun wird Nehberg 75 - "und der erste Geier ist bereits eingeschwebt", erzählt er und zeigt das Stofftier, das ihm ein Spaßvogel jüngst geschenkt hat. "Den konnte ich noch abwehren", sagt er grinsend. Auch sonst nimmt er das Thema mit Humor, sammelt vieles von dem, was ihm herausoperiert wurde in Alkohol und nennt sich selbst den "Reste-Rüdi". Angst habe er "nur vor Menschen", sagte er der "Frankfurter Rundschau", nicht vor der Natur, denn: "Die ist ja berechenbar." Und er ist weiterhin rastlos. "Ich habe mehr Pläne als Restlebenszeit", schreibt er in dem pünktlich zu seinem Geburtstag als Buch erschienenen "Resümee eines bewegten Lebens". Schwerhörigkeit, Knieprobleme und ähnliche altersbedingte Wehwehchen könnten daran nichts ändern. "Ich brauche Action bis zum Umfallen."

Würmer kochen und würzen wie Muscheln

Früher hat Nehberg, der heute mit seinem Auto nicht ohne Navi durch den Großstadtdschungel fährt, Survival-Trainings gegeben. 1977 durchquerte er mitten im damaligen Bürgerkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea die Danakil-Wüste und geriet prompt in Rebellengefangenschaft. Als erstem Menschen überhaupt gelang es ihm 1972, den rund 1000 Kilometer langen blauen Nil durch Äthiopien und Sudan per Boot zu befahren. Zweimal wiederholte Nehberg diese Tour, wobei 1975 ein enger Freund direkt vor seinen Augen von Räubern erschossen wurde - ein Ereignis, das ihn bis heute prägt, wie er sagt. Nehberg nennt es sein größtes Versagen.

Auf sein Image als "Würmerfresser" geht er selbst im gerade erschienenen Buch "Sir Vival blickt zurück" noch mal ein. Er erklärt, wie aus einem Wurm ein "leckeres Stück Fingerfood" wird: "Ich würde den Regenwurm ins Wasser legen, ihm nach wenigen Minuten den Mageninhalt heraus massieren, ihn kochen und würzen wie eine Muschel."

Engagement mit Erfolg für die Yanomami-Indianer

Dabei interessieren ihn seit langem größere Dinge, er will seinen Abenteuern einen Sinn geben. So setzte er sich unermüdlich und immer wieder mit spektakulären Aktionen - bis hin zur Atlantiküberquerung auf einer massiven Tanne oder dem Abseilen ohne jegliche Ausrüstung im Urwald - für die Yanomami-Indianer im brasilianischen Regenwald ein. 18 Jahre lang engagierte er sich für das Volk am Amazonas. 1990 gab er seine Firma auf, trennte sich von seiner ersten Frau und widmete sich seiner neuen Mission. Seine insgesamt drei riskanten Atlantiküberquerungen dienten auch dem Ziel, die Welt auf das Yanomami-Schicksal aufmerksam zu machen. Dass ihm dies gelang und das Volk 2000 unter Schutz gestellt wurde. "Mit dem Erfolg bei den Indianern wurde mir klar: Alles ist möglich, man braucht nur die richtige Strategie, gute Partner und Geduld", sagt Nehberg, der etwas am meisten bedauert: "Ich bin zufrieden mit meinem Leben, aber ich hätte mehr daraus machen können." Angst vor dem Tod hat er nicht. "Ich sehe dem Tod lässig entgegen. Ich bin gespannt auf das, was danach kommt", sagte Nehberg dem "Mannheimer Morgen".

Vom Abenteurer zum Aktivisten

Getreu seinem Motto "Lieber kurz und knackig leben als lang und langweilig" hatte ihn zunächst "nur" die Abenteuerlust gepackt. Es war ein Reifeprozess, der dazu führte, dass der Abenteurer zum Aktivist für Menschenrechte wurde. Oft wurde er, für den Entwicklungshilfe "leider sehr oft verantwortungslos vergeudetes Steuergeld" ist, kritisiert. Warum er sich etwa in fremde Kulturen einmische und sich nicht um die Probleme vor der eigenen Haustür kümmere? Es gebe Gräuel, die nur mit einem "weltweiten Aufschrei" beendet werden könnten, sagt Nehberg. Dazu gehöre das Drama um die Verstümmelung weiblicher Genitalien in einigen Ländern.

Seit Jahren engagiert er sich gegen die Genitalverstümmelung, bei der nach UN-Angaben pro Jahr rund drei Millionen Mädchen brutal verletzt werden. Nehberg hat den Verein Target gegründet. Den Durchbruch brachte 2006 eine von Target initiierte internationale Konferenz hochrangiger islamischer Gelehrter in Kairo. Das Ergebnis besitzt den Wert einer richtungsweisenden Fatwa, eines Rechtsgutachtens: "Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen. Es verstößt gegen höchste Werte des Islam." Mit "Goldenen Büchern", die sie verteilen, wollen Nehberg und seine Mitstreiter die Fatwa von Kairo überall verbreiten. Seine letzte große Mission sei, den saudi-arabischen König dazu zu bewegen, in Mekka zu verkünden, dass weibliche Genitalverstümmelung mit der Ethik des Islams nicht vereinbar ist, sagte Nehberg: "Wenn er das vor vier Millionen Pilgern macht, dann entzieht man diesem Verbrechen den Boden". Und nach der Verkündung in Mekka eine Karawane des Dankes vom Atlantik bis ans Rote Meer, so ein richtiger Sandsturm - das wäre ein Abschluss ganz in Nehbergs Sinn.

Ruhesitz in Schleswig-Holstein

Im beschaulichen Rausdorf in Schleswig-Holstein wohnt der gebürtige Bielefelder mit seiner Frau Annette in einer umgebauten historischen Mühle. Erst im Sommer 2009 hatte das Paar geheiratet - zwölf Jahre nachdem Nehberg die damals allein erziehende Mutter zweier Kinder bei einem Vortrag kennengelernt hatte. Auf einen selbst gebackenen Kuchen ihres Mannes darf sie sich bei der Familienfeier daheim jedoch nicht freuen: "Ich habe mein Rezeptbuch und meine Klamotten verschenkt und nie wieder einen Kuchen gebacken." Über seine ebenso wie er engagierte Frau schwärmt er: "Ihr kann es gar nicht zu viel sein an Ideen." Sie sei für ihn "die perfekte Ergänzung". "Wir sind ein unzerstörbares Duo." Er weiß, dass sie seinen Kampf auch nach seinem Tod fortsetzen würde. Wie jeder Märchenheld hofft eben auch Nehberg auf ein Happy End.

DPA/APN/AFP / DPA

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