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Spitzbergen: Kurs auf den Nordpol

Wo ist der Eisbär? Geduld. Auf der Expedition mit dem alten Postdampfer nach Spitzbergen kommen erst die Fjorde, die Gletscher und die Robben. Aber dann steht er plötzlich da, der weiße Riese ...

Von Elfriede Roth

Hochsommer auf Spitzbergen, 24 Stunden lang Sonne am Stück - theoretisch. Praktisch hängen die Wolken tief über dem kleinen Flughafen von Longyearbyen. Draußen ist es düster, grau und schmuddelig. Trotz des Wetters ist die aus Oslo kommende "Braathens"-Boeing 737 bis auf den letzten Platz gefüllt. Überwiegend mit Trekking- und Expeditionstouristen, leicht zu erkennen an der wetterfesten Einheitskleidung mit Fuchs- und Wolfsemblem. "Wissen Sie, warum Sie hierher wollten?", fragt die schlanke Blonde in der Ankunftshalle ihre Nachbarn am Gepäckband und gibt die Antwort gleich für sich selbst. "Ich eigentlich nicht. Nur, dass ich schon als Kind Eisbären sehen wollte."

Einer steht schon bereit auf dem Airport. Er, der weiße Riese der Arktis. Zwar nur ausgestopft, aber täuschend echt. Ihn einmal in seinem kalten Lebensraum zu sehen, reicht schon als Grund, auf die größte Insel des Svalbard-Archipels im Eismeer zu fliegen. Die ist nur noch rund 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Von seinem Gedenkstein blickt John Longyear über den kleinen Ort, der nach ihm benannt ist. 1906 gründete der Amerikaner aus Boston hier die erste Kohlegrube. Nicht gerade idyllisch, dieses Longyearbyen. Eine Ansammlung von Holzhäusern, die sich an der Straße reihen. Statt Autos parken Schneemobile vor den Türen, ohne Schnee wie Schiffe auf dem Trockenen. Rund 1800 Menschen leben hier, darunter viele junge Ausländer, die an der nördlichsten Universität der Welt arktische Biologie oder Geophysik studieren.

Elch oder Rentier?

"Ein Elch! Ich glaub's nicht!", Elke, die Blonde vom Flughafen, reißt im Bus den Fotoapparat ans Auge. Der Geweihträger trottet gemütlich über den Parkplatz zum Supermarkt. "Das ist ein Ren", korrigiert Lehrerin Gretel aus Stuttgart. Ein typisches Spitzbergen-Exemplar, gedrungener und kurzbeiniger als seine Verwandten auf dem Festland. Wenn schon, Elkes Begeisterung schmälert das nicht.

Es gibt genug zu staunen in dieser kargen, rauen Welt zwischen dem 74. und 81. nördlichen Breitengrad. Mit den Guides Thomas und Kyrre geht es ins Endalen, die Landschaft rund um Longyearbyen. Klein, aber perfekt sind die Pflanzen, die zwischen Geröll und Flechten blühen, und sie haben witzige Namen: Stengelloses Leimkraut, Svalbard-Mohn, Arktisches Hornkraut, Scheuchzers Wollgras, Rasen-Steinbrech oder Alpensäuerling. Nur, wer mit gesenktem Kopf wandert, entdeckt die winzigen Juwele.

"Schaut Euch das an." Thomas ist entsetzt. Seit drei Jahren arbeitet er als Guide auf Spitzbergen, nachdem er seinen Heimatort bei Magdeburg gen Norden verlassen hat. Er liebt die Insel. Thomas hält einen gut 50 Zentimeter langen Zweig hoch: abgebrochen. Das kleine Teil musste rund 50 Jahre wachsen, bevor es zertrampelt wurde, lernen wir. Es gehörte zu einer Polarbirke, die kriechen hier auf dem Boden lang und ragen höchstens fünf Zentimeter in die Höhe. Ein Vogel fliegt auf, zwitschert. Es ist die Schneeammer, der einzige Singvogel von Svalbard.

Die Huskys haben den Eisbär auf Distanz gehalten

80 Huskys, eine Frau, drei Kinder. So sieht es bei Karl aus, dem Hundeführer. Heute raucht mal wieder die Hütte, denn der 58-Jährige und seine Frau Berit brutzeln für die Touristengruppe aus Deutschland Rentier- und Walfleisch in einer hängenden Riesenpfanne über offenem Feuer. Dazu servieren sie einen Diavortrag über ihre Schlittenabenteuer. Einer ist auf den Fotos besonders gut getroffen: der Eisbär. Aber Karls Huskys, die Blauäugigen aus Sibirien und die Braunäugigen aus Alaska, haben den Großen Weißen auf Distanz gehalten, erzählt Karl. Nur im Fall von Notwehr hätte er auf den gesetzlich geschützten Eisbären schießen dürfen. Immerhin zwei bis drei trifft es hier pro Jahr.

Vor Karls Hütte weht ein scharfer Wind, der aus acht Grad plus gefühlte null macht - höchstens. Immer noch zu warm für die Huskys, die sich nach dickem Schneegestöber sehnen. "Let's take care of nature", gibt uns Naturfreak Karl zum Abschied mit auf den Weg. Für sein Engagement wurde er von der Umweltstiftung WWF ausgezeichnet. Es ist bald Mitternacht, draußen scheint die Sonne. Franz, ein echter Wiener, ist mit seinem monströsen Teleobjektiv noch immer auf Motivsuche. "Was brauch i um Mitternacht a Sonn!", hat einer seiner Freunde Franzens Nordlandpläne kommentiert. Keine Ahnung, dieser Mensch, was er verpasst.

Nach drei Tagen Sightseeing in Longyearbyen ist es endlich so weit. Die "Nordstjernen", unser Schiff, mit dem wir noch weiter gen Norden wollen, hat im Hafen festgemacht. Das vielsprachige Touristenvolk aus Italien und Frankreich, Norwegen und Schweden, Holland und Deutschland darf an Bord.

87 sind wir. Maximal könnte der alte Hurtigrutendampfer, der vor 50 Jahren in Hamburg gebaut wurde und bis 1996 regelmäßig auf der traditionellen Postschiffroute fuhr, 120 Passagiere aufnehmen. Die ersten von uns haben ihr Gepäck verstaut und kommen wieder an Deck, manche mit langen Gesichtern. Die Kabinen sind klein und eng. Doch das ist schnell vergessen, zu beeindruckend ist das, was draußen vorbeizieht. Bald legt die "Nordstjernen" am Gr¿nfjord in Barentsburg an. Eine russische Siedlung für Kohleabbau auf dem von Norwegen verwalteten Archipel. Leer stehende, teils verfallende Häuser. Aus der Heimat kommt kein Geld mehr. So halten hier zurzeit nur mehr 300 Russen aus. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren es fünfmal so viele. Gespenstisch.

Die Sedow kreuzt aus dem Nebel auf

Wieder an Bord. Aus dem Nebel kreuzt ein besseres Russland auf. Majestätisch, mit vier Masten. Es ist die "Sedow", das größte traditionelle Segelschiff der Welt. Mit 15 Knoten (knapp 30 Stundenkilometern) schaukelt uns die "Nordstjernen" durch die Wellen und schließlich in den Schlaf.

Am Morgen hält sich kaum einer lange beim Frühstück auf. "Dat kann man ja nich vorbeiziehn lassen", sagt Udo und filmt die ersten grün-blauen Gletscher zwischen grün bemoosten zackigen Bergen im Magdalenefjord. Kein Wunder, dass Entdecker Willem Barents der Name "Spitzbergen" eingefallen sein soll, als er 1596 diese Kulisse erblickte. Udo aus Moers ist mit seiner Frau Anne schon fünf Wochen im Wohnmobil durch Norwegen gefahren, bevor die beiden in Longyearbyen an Bord gingen. Weltenbummler, wie sich schnell herausstellt.

Der erste Landgang in Zodiacs steht an. Fünf dieser Beiboote sind an Bord. Guide Thomas hat Verstärkung bekommen. Etwa in Gestalt von Liv Arnesen, einer 53-jährigen Norwegerin, die 1994 als erste Frau allein auf Skiern am Südpol war. Die Gäste werden in Gruppen aufgeteilt. Wir sind die "Polarfüchse", andere heißen "Belugas" oder "Papageientaucher". Rein in eine der voluminösen Rettungswesten, den Nippel durch die Lasche gezogen. Fernglas und Kamera eingepackt, und ab geht's an Land in Gravneset, wo dicke Steine zuhauf geschichtet sind. Rund 130 Gräber von holländischen Walfängern liegen hier, daneben Reste von Öfen, in denen Waltran geschmolzen wurde. Immer dabei unsere Guides mit schussbereiter Büchse auf dem Rücken.

Aber erst mal springt nur ein junger Polarfuchs zwischen den Beinen der Landgänger herum. Die Kameras klicken. "So was hab selbst ich noch nie gesehen", stellt Guide Thomas fest. Dann erzählt er uns von Dickschnabellummen, die über 200 Meter tief tauchen können, Schmarotzerraubmöwen, Krabbentauchern und uralten Flechten an den Steinen.

Landgang in Likneset. Wieder so ein Name, der für den Walfang im 16. und 17. Jahrhundert steht und für viele Tote, die hier begraben liegen. Und wir erfahren von dem Schweden Andrée, der im äußersten Nordwesten von Spitzbergen im Jahr 1897 eine Ballonfahrt zum Pol versuchte. Er blieb verschollen, bis eine Expedition seine Leiche 1930 im Eis der kleinen Insel Kvit¿ya fand. Schaurig schön, was Thomas so zu berichten weiß.

An Bord hat gerade die Xylophonmelodie zum Abendessen gerufen. Da tönt aus dem Lautsprecher: "Sattelrobben backbord!" Sie spielen um unser Schiff herum, mehr als hundert sind es. Keiner interessiert sich mehr für Lachs und Lamm. Fernglas und Kamera sind gefragt. Kapitän Raymond Martinsen lässt die "Nordstjernen" mit langsamer Fahrt schleichen. Sie schwimmt im Pulk der Flossentiere. Die Bedienung im Restaurant kennt das schon. Wird eben später serviert.

Abends am Breibogen, wo das Schiff über Nacht ankert, hat der harte Kern seinen Auftritt, natürlich die Norweger und die Schweden. Ruck, zuck schälen sie sich aus den dicken Klamotten und laufen ins zwei Grad "warme" Wasser. Zur Belohnung bekommen sie eine Urkunde.

Dann taucht der erste Eisbär auf

Morgens um 6.30 Uhr zieht Kaffee- und Brötchenduft durch die Gänge der "Nordstjernen". An Deck qualmen die Nikotinsüchtigen, grüne Berge an Land und eisige im Wasser gleiten vorbei. "Wir sind zu schnell", sagt Chefoffizier Tor Amundsen und drosselt die Geschwindigkeit. Wenn wir im Bockfjord ankommen, sollen alle an Deck sein. Und dann taucht er tatsächlich auf, erst ist es nur ein kleiner weißer Fleck vor rotbraunen Bergen. Doch der bewegt sich. Blick durchs Fernglas: Bingo. Der erste Polarbär, am dritten Tag der Seereise, um 9.30 Uhr. Gemütlich trottet er am Strand von Vulkanhamna entlang, hält mal an, reckt die schwarze Nase in die Höhe. Auch wenn man ihn in Fernsehfilmen größer und besser sieht - die Konserve ist nichts gegen die Wirklichkeit.

In der nächsten Bucht heißt es wieder: rein in Rettungswesten und Beiboote und an Land. So schön, wie der Bär vom sicheren Schiff auch anzusehen war - was, wenn er jetzt um die Ecke böge? Doch unsere Guides schieben ja mit ihren Gewehren Wache. So können wir uns in Ruhe die 20 Grad warmen Quellen ansehen, Überbleibsel eines erloschenen Vulkans. Weltenbummler Udo kommentiert ins Mikrofon seiner Filmkamera: "Sieht hier aus wie die Hot Springs im Yellowstone Park."

Verrückt: Je näher wir an den Nordpol kommen, desto schöner wird das Wetter. Klimawandel? An Deck kein Stuhl mehr frei, jeder genießt die Sonne. Dieses Jahr sind fast 40 Prozent mehr Passagiere als im vergangenen Jahr an Bord, sagt Kapitän Martinsen.

14.05 Uhr. Die "Nordstjernen" auf dem Weg zum Monacogletscher. Guide Thomas schaut scharf durch sein Glas. Ist er's oder ist er's nicht? Es stellt sich heraus: Der Er ist eine Sie. Eine Bärenmutter sonnt sich mit zwei Jungtieren auf einem Felsplateau. Der Monacogletscher, fünf Kilometer breit, 30 Kilometer lang und bis zu 60 Meter hoch, liegt nun vor uns. Ein lauter Knall. Mit Getöse rauscht eine riesige, abgespaltene Eisplatte ins Wasser. In respektvoller Entfernung geht die "Nordstjernen" vor Anker. Die flinken Beiboote werden ins Wasser gehievt. Eine Gruppe nach der anderen fährt die Gletscherwand ab. Eisbrocken stoßen gegen die kleinen Boote. Das Eis schimmert in faszinierenden Blautönen. Rund 6000 Jahre soll es alt sein.

Walrosse stinken

Um 22 Uhr trötet die Schiffssirene. Moffen ist erreicht. Eine Art Sandbank, auf der sich dicke Walrosse aalen. Enttäuschend für die Knipser, dass unser Schiff den geschützten Tieren nicht näher als 300 Meter auf den Pelz rücken darf. Hat aber auch sein Gutes: Die Kolosse sollen übel stinken.

An Bord wird gefeiert, wir sind am 80. Breitengrad. Es gibt Aquavit und bunte Cocktails. Zwischen uns und dem Nordpol fährt garantiert kein anderes Schiff. Wieder fällt es schwer, in die Koje zu gehen. Draußen zieht ein Bergpanorama vorbei, das mal schneebedeckten Alpen gleicht, mal rot wie Australiens Ayers Rock leuchtet.

Früh um acht Uhr stoppt die Maschine. Sonne, ideal, um durch Ny-Ålesund zu spazieren, die internationale Forschersiedlung am 78. Breitengrad. Parabolspiegel und gewaltige Messinstrumente konkurrieren als Landmarken mit den drei Königsbergen "Dänemark", "Schweden" und "Norwegen".

Das deutsche Alfred-Wegener-Institut hat sich ein nettes blaues Häuschen als Bleibe ausgesucht, gleich neben der Büste von Polarforscher Roald Amundsen, der vor bald 80 Jahren auf dem Flug nach Spitzbergen abstürzte und seither verschollen ist. Die Touristen, die in Ny-Ålesund an Land gehen, interessiert aber besonders das nördlichste Postamt der Welt. 80 Karten haben Gretel und Freundin Barbara geschrieben. Im kleinen Holzhaus dürfen sie sie selbst mit Tiermotiven abstempeln. Das offizielle Siegel gibt's obendrauf. Noch schnell in den Souvenirshop und schon ist Zeit zum Aufbruch.

Darauf hat ein skurriler Spielmannszug nur gewartet. 14 der rund 250 Forscher, die hier im Sommer arbeiten, ziehen mit Pauken und Trompeten zum Anleger und verabschieden das Schiff. Die Katzenmusik der Wissenschaftler enthält die einzigen Misstöne der Reise.

Unter blauem Himmel lässt die "Nordstjernen" für einen letzten Landgang vor der Insel Blomstrandhalv¿ya Anker fallen. Bei 20 Grad (plus!) in der Sonne wandern wir zu Vogelkolonien und Überbleibseln einer gescheiterten Existenz. Zurückgelassene Maschinen, die in diesem Klima nicht so schnell verrotten, stehen aufgebaut wie in einem Freiluftmuseum. Sie gehörten drei Engländern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Ort Ny-London ihr Glück beim Marmorabbau versucht haben. Doch der schöne Stein zerbröselte, sobald er auf dem Schiff wärmere Gefilde erreichte.

Für uns gibt es nun keinen Aufschub mehr. Die "Nordstjernen" nimmt Kurs gen Süden nach Longyearbyen.

Am Flughafen begegnen wir ihm wieder, dem großen Weißen, dem Ausgestopften. Immer noch beeindruckend. Aber der kleine echte am Strand vom Bockfjord, der war doch viel schöner.

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