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Stillstand am Himmel: Wie die Aschewolke Europa lähmte

Die Aschepartikel aus dem isländischen Vulkan haben den Luftverkehr in Europa eine Woche zum Erliegen gebracht. Wie konnte es dazu kommen? Eine Chronologie der Ereignisse.

Von Swantje Dake

Mehr als jeder zweite Flug ist in den vergangenen sechs Tagen in Europa gestrichen worden. 100.000 Verbindungen fielen aus. Sieben Millionen Passagiere waren laut einer Studie des britischen Geldhauses Royal Bank of Scotland weltweit gestrandet. Die großen Verlierer des Chaos sind Fluglinien, Flughäfen und Reiseveranstalter. 1,26 Milliarden Euro betragen die geschätzten Kosten des Asche-Chaos für die Airports, wie der Verband der europäischen Flughäfen errechnete. Die Behörden und Unternehmen im Bereich der Flugsicherungen verloren nach Angaben des Branchenverbandes 25 Millionen Euro pro Tag. Die Fluggesellschaften müssen laut des internationalen Luftfahrtverbandes IATA mindestens 1,3 Milliarden Euro Verlust verkraften.

Dabei fing alles recht harmlos und weit entfernt vom Kontinent an: In der Nacht vom

20. auf den 21. März

bricht nach fast 200 Jahren der Gletscher-Vulkan Eyjafjalla auf Island wieder aus.

Mittwoch, 14. April: Der Vulkan verstärkt seine Aktivität.

Mehr als 700 Menschen müssen auf Island ihre Häuser verlassen, die Erde bebt. Als Folge des Ausbruchs wälzen sich riesige Mengen Schmelzwasser durch den südlichen Teil der Insel. Lavaasche in der Luft stoppt den Flugverkehr bis nach Nordnorwegen.

Donnerstag, 15. April:

Die Aschewolke lähmt den europäischen Luftraum: Norwegen sperrt seinen Luftraum zuerst, Großbritannien und Skandinavien folgen. Am Amsterdamer Flughafen Schiphol warten Passagiere auf den Weiterflug. Es heißt, das Durchfliegen der Aschewolke sei gefährlich, da Aschepartikel sich auf den Triebwerksschaufeln festsetzen, verkrusten und die Strömung verändern können. Im schlimmsten Fall kann das Triebwerk dann ausfallen. Zudem hätten die kleinen Teilchen einen abreibenden Effekt wie ein Sandstrahler, die Fenster zerkratzen und die Sicht wird beeinträchtigt. Zudem könnten die Sensoren der Messgeräte für Höhe und Geschwindigkeit ausfallen.

Acht Länder sperren im Laufe des Tages ihre Flughäfen komplett, in Deutschland sind Starts und Landungen nur noch teilweise freigegeben. Frankfurt fungiert als Ausweichflughafen für umgeleitete Flieger von norddeutschen Flughäfen und nordeuropäischen Ländern. Europaweit sagen Fluggesellschaften rund ein Viertel der täglich etwa 28.000 Verbindungen ab.

Freitag, 16. April: Ruhe am Himmel über Europa.

Etwa 60 Prozent aller Flüge fallen wegen der Vulkanasche aus. Zwölf Länder sperren ihren Luftraum ganz oder teilweise. Neben Nordeuropa sind jetzt auch Österreich, Tschechien und die Schweiz sowie Frankreich betroffen. Freitagfrüh wird auch der größte deutsche Flughafen in Deutschland, Frankfurt, gesperrt. Hunderte Passagiere müssen im Transit bleiben, da sie kein Visum für Deutschland haben. Als letzter deutscher Flughafen schließt München am Abend.

Der gesperrte Himmel löst einen Massenansturm auf Busse, Bahnen, Mietwagen und Fähren aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel strandet wie hunderttausende andere Reisende ebenfalls, landet beim Rückflug aus der USA zunächst in Lissabon. Unterdessen geben die Behörden in Schweden und Norwegen den Flugverkehr wieder begrenzt frei.

Samstag, 17. April: Der Vulkan stößt weiter Dampf und Asche aus.

In den meisten Teilen Nord- und Mitteleuropas können Passagiermaschinen weder starten noch landen. Die Flugverbote werden peu a peu verlängert. Hunderttausende Menschen sitzen in Europa fest.

Urlauber sitzen auf Inseln in der Mittelmeerregion fest, weil die Flugzeuge in Nordeuropa nicht starten können oder die Flieger in der Heimat nicht landen könnten. In Südeuropa ist der Luftraum teilweise offen. Einige Airlines fordern die Aufhebung des Flugverbots. Die Lufthansa verlegt einige Maschinen innerhalb Deutschlands ohne Passagiere. Probleme treten bei den Flügen nicht auf.

Sonntag, 18. April:

Viele Staatsgäste können auf Grund der Flugverbote nicht zur Beisetzung des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski kommen. Auch Bundeskanzlerin Merkel irrt weiter durch Europa. Sportturniere werden abgesagt oder verschoben, Fußballmannschaften reisen per Zug zu ihren Auswärtsspielen. Der Höhepunkt des Flugchaos ist erreicht. Auf 313 europäischen Flughäfen herrscht Stillstand. Damit sind 80 Prozent der Airports in Europa dicht.

Die Deutsche Flugsicherung lässt für wenige Stunden eingeschränkt Flüge zu, wenige Maschinen starten und landen. Das weitgehende Flugverbot bleibt aber bestehen. Norwegen gibt seine Flughäfen wieder für Passagierflüge frei. Fluggesellschaften fordern Testflüge, um die Aschekonzentration in der Luft zu messen. Die Kritik an Verkehrsminister Peter Ramsauer, der an den Flugverboten festhält, wird lauter.

Montag, 19. April:

Das Flugverbot bleibt in Deutschland bestehen - und in weiten Teilen Europas. Menschen freuen sich über Bustickets für stundenlange Fahrten von Spanien nach Frankreich. Die Kritik von Seiten der Fluglinien wird immer lauter. Die Asche würde Piloten und Flugzeuge nicht beeinträchtigen, heißt es. Ein Forschungsflugzeug fliegt am Nachmittag über Deutschland, um die Aschekonzentration zu messen. Die Aschewolke ist tatsächlich vorhanden, sei aber löchrig, so das Resultat.

Das Flugverbot wird gelockert. Maschinen dürfen nach dem Sichtflug-Prinzip starten und landen. Die Lufthansa lässt 50 Langstreckenmaschinen starten, um 15.000 gestrandete Urlauber aus Übersee zurück zu holen. Der deutsche Reiseveranstalter Tui lässt 16 eigene Flugzeuge und 15 gecharterte starten. Die Pilotenvereinigung Cockpit lehnt Sichtflüge ab, das Risiko liege bei den Piloten. Die britische Marine holt Urlauber mit Kriegsschiffen zurück. Einige Länder in Europa öffnen ihren Luftraum wieder.

Dienstag, 20. April: Das Flugverbot wird gelockert

Mehrere europäische Länder wie die Schweiz und Frankreich, geben im Laufe des Tages ihre Lufträume wieder frei. In Deutschland bleibt das Flugverbot bestehen, fast jeder zweite Flieger hebt dennoch ab, die Piloten fliegen auf Sicht. Die Hälfte aller Flüge in Europa wird durchgeführt. Die Reiseveranstalter setzen ihre Maschinen dazu ein, gestrandete Urlauber von den Inseln im Mittelmeer, von den Kanaren und aus der Türkei zurückzuholen. Wer nicht bis Deutschland geflogen wird, wird häufig auf dem europäischen Festland abgesetzt und muss per Bus und Bahn nach Hause reisen.

Mittwoch, 21. April:

Der deutsche Luftraum wird ab 11 Uhr wieder freigegeben. Die meisten Flughäfen in Europa haben geöffnet und kehren langsam wieder zur Normalität zurück. Von den normalerweise an einem Mittwoch gezählten 28.000 Flügen sollten bis zum Abend 21.000 starten und landen. Das entspricht einem Ausfall von nur 25 Prozent. Am Dienstag war noch rund die Hälfte aller Verbindungen gestrichen.

mit DPA, AFP, APN, Reuters / Reuters

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