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Angela Merkel vor der Aschewolke: Unternehmen Fähnlein Fieselschweif

Die Odyssee mit Merkel durch Europa mutet immer mehr an wie der Jahresausflug einer Pfadfindertruppe. Ein (Fast)-Live-Bericht vom Versuch der Kanzlerin und ihres Begleittrosses, nach Hause zu kommen.

Von Andreas Hoidn-Borchers, Rom

Dies hier ist ein (Fast)-Live-Bericht vom verzweifelten Versuch der Bundeskanzlerin und ihrer Begleitgruppe, von ihrer Amerikareise wieder nach Hause zu kommen, geschrieben im Vip-Bereich des Flughafens Ciampino in Rom. Angela Merkel hat sich gerade mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann in einem der schweren braunen Ledersofas niedergelassen und gerade kommt auch der deutsche Botschafter Michael Steiner, um seine Aufwartung zu machen - Steiner ist übrigens der Mann, der Merkels Vorgänger Schröder als außenpolitischen Chefberater diente und seinen Hut nehmen musste, weil er mal in Moskau im Flieger ein bisschen zu ungehobelt reagiert haben soll, als es beim Auftanken nicht fix genug voranging und kein Kaviar serviert wurde. Er wäre eindeutig der falsche Mann für diese Irrfahrt. Keine guten Nerven.

Wie es weitergeht? Nur ohne Gewähr zu sagen. Sicher ist nur, dass wir aus Lissabon kommen, zuletzt auf dem Luftwaffenstützpunkt Grand Forks nördlich von Chicago aufgetankt hatten und davor in San Francisco waren. In Lissabon gab es das Gerücht, dass Silvio Berlusconi uns seinen Sonderzug zur Weiterfahrt nach Deutschland zur Verfügung stellen würde, was vereinzelte Herren schon zu Witzen über eventuell vergessene, ähm, Damenunterbekleidung animierte. Muss man entschuldigen in dieser Situation, wo alle so gejetlagged sind, dass sie sich permanent die Frage stellen: Ist heute noch gestern oder ist schon übermorgen? Und wo sind wir noch mal gerade?

Gerücht von Silvios Sonderzug

Das Gerücht hätte es als Fakt fast in die Nachrichten geschafft, entpuppte sich dann aber doch als Erfindung eines Kollegen von Springer. Schade eigentlich. Kein Gerücht ist, dass wir gleich in den Bus umsteigen und Richtung Norden fahren werden. Wir sollen bis Bozen kommen und dort übernachten. Weiter geht es erst mal nicht, weil dann die Busfahrer ihre Ruhezeiten einhalten müssen. Sie sind jetzt noch auf dem Weg von Mailand hierher. Mailland war eigentlich als heutige Landestation der fliegenden Exilregierung vorgesehen, aber da war dann auch wieder die verdammte Aschewolke schneller. Auch auf den gepanzerten Wagen der Kanzlerin, der wegen der Sicherheitsbestimmungen sein muss, muss noch gewartet werden, er ist unterwegs nach Mailand, wohin er aus Berlin geordert worden war. Shit happens momentan ziemlich reichlich.

Inzwischen erinnert das ganze Unternehmen ein wenig an einen Jahresausflug von Fähnlein Fieselschweif und seinen Pfadfindern mit der Kanzlerin als Anführerin. Angela Merkel hat nämlich versprochen, uns alle nach Deutschland zu bringen. Es gilt der Dreisatz: So schnell nach Hause wie möglich. Ohne ein Risiko einzugehen. Ohne jemanden zurück zu lassen. Nur bei ganz dringenden Amtsanliegen würde sie versuchen, sich ohne uns durchzuschlagen. Aber die gibt's ja gerade nicht. Gott sei dank. Das ist tröstlich und schön. Ganz im Ernst - um besonders gebeutelte Fälle kümmert sie sich extra: Einem Kollegen, der es wohl nicht rechtzeitig zur Konfirmation seines Sohnes schafft, erfüllte sie den Wunsch eines Autogramms für den Filius - und brachte das unterschriebene und mit Widmung versehene Foto persönlich im Flieger vorbei. Spätestens dann versteht man, warum sie in der Union den Spitznamen "Mutti" bekam. (Mal sehen, was ihr Wirtschaftsexperte Jens Weidmann kriegen wird. Dessen Tochter hat morgen früh nämlich Kommunion.)

Keiner wird zurückgelassen

Bis Mitternacht will Merkel übrigens entscheiden, ob sie für die Trauerfeier in Krakau absagt oder versucht, morgen irgendwie dorthin zu kommen. Unser Tipp: Wir werden durch den Bundespräsidenten würdig vertreten sein. Die Kanzlerin könnte sich von Bozen aus wohl auch mit dem Hubschrauber abholen lassen, der dürfte fliegen und käme angeblich auch über die Alpen, böte aber nur Platz für 20 Personen. Wir sind aber dreimal so viele, und Merkel hat versprochen: wir bleiben zusammen, keiner wird zurückgelassen.

Unsere kleine Reisegruppe hat übrigens sogar Zuwachs bekommen Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen ist vom Ecofin-Rat in Madrid nach Lissabon geflogen, ganz normal, Linienflug mit Iberia (dass das noch geht!), in der Hoffnung, in Merkels Tross nach Deutschland zu gelangen. Wenn das eine schafft, dann die Kanzlerin, sagt Asmussen. Wir hoffen mit ihm. Ganz ehrlich.

Jetzt ruft übrigens, wenn wir das richtig deuten, der italienische Ministerpräsident die Kanzlerin an. "Hello Silvio", flötet Angela Merkel in ihr Handy, "oh, I'm fine." Sein portugiesischer Kollege Sokrates war übrigens a little bit more gentlemanlike. Er hat die Kanzlerin persönlich am Flughafen abgeholt. Eben ein netter Kerl, wie auch Merkel findet. Aber was wissen wir schon. Vielleicht ist auch bei Silvio alles Asche und er hat aus irgendwo nördlich des Limes angerufen. Stuck inside of Wanne-Eickel oder so ...

Und schon brechen wir auf. Merkel verabschiedet sich mit Arrivederci und Grazie vom Personal. Und ab geht's in Limousine und Bus. Bolzano, wir kommen. Und dann sehen wir weiter.

PS: Jetzt ist es doch passiert. Die Exilregierung fährt ohne die vierte Gewalt weiter. Die Kanzlerin hat uns mitten in der Toscana zurückgelassen, auf der Höhe von Montepulciano, was eigentlich eine schöne Gegend ist, auch von der Aschewolke ist nichts zu sehen - aber leider stehen wir auf dem Standstreifen der Autostrada, weil an unserem Bus der hintere rechte Reifen geplatzt ist. Völlig zerfetzt das Teil, und die Achse ist auch verbogen. Wie gesagt: Shit happens verdammt oft in diesen Tagen.

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Angela Merkel hat ziemlich lange ein paar hundert Meter vor uns gewartet und dann ist ihr Sprecher gekommen und hat freundlich gefragt, ob es okay wäre, wenn die Kanzlerin jetzt vielleicht doch mal vorfahren würde. Was soll man da schon sagen...

Vielleicht: Man sieht sich in Bozen. Womöglich kommt sie ja durch.

Viel Glück, Kanzlerin. Achs- und Reifenbruch