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Bildungsurlaub: Mit dem Kind durch die Antike

Wie kriegt man den Nachwuchs dazu, in den Ferien zu lernen? Ganz einfach: mit einem Bildungsurlaub in Kleinasien, bei dem Geschichte für die Kleinen zum großen Abenteuer wird.

Von Uli Hauser

Aristoteles war hier, der Apostel Paulus - und mein Sohn. Er stürmt die Akropolis hoch, lehnt sich gegen einen purpurfarbenen Pfeiler und sagt: "Papa, liest du mir noch was von Odysseus vor?" Was hat der Papa Spaß. In Deutschland nölen einem die Blagen die Ohren voll mit Gameboy und Tamagotchi und Fernsehgucken, in Asia Minor kriegst du sie mit den alten Geschichten. Von Hades, Hermes und Helios, der tags seinen Wagen über den Himmel lenkt und nachts in einer einer goldenen Schale ausruht. Es ist ein Bild für die Götter: Vater und Sohn auf den Stufen des Athena-Tempels, vor längst vergangener Pracht, versunken in heroischer Vergangenheit. Wir hocken im antiken Assos, 70 Kilometer südlich von Troja, im Westen der Türkei. Die 2700 Jahre alten Ruinen bieten eine umwerfende Kulisse. Von einem fast 300 Meter hohen Hügel fällt die Stadt zum Wasser hin ab wie eine ausgebreitete Schürze, ein Traum in bester Lage. So muss eine Stadt beschaffen sein, soll Platon gesagt haben. Der Blick geht übers blaue Meer, in der Ferne schimmert Lesbos. Die See ist glatt wie Glanzpapier. Nicht weit von hier ließ Odysseus mit 500 Getreuen die Leinen los und irrte zehn Jahre durch die Gegend.

Bildungsbürger, hört diesen Rat: Habt ihr Großes vor mit euren Stammhaltern, gönnt euch Kleinasien! Fahrt an die Küste des Lichts! Erziehungsberechtigte, lest bei sinkender Sonne die Vater-Sohn-Geschichten aus der "Ilias". Entdeckt sie wieder, die wilde Welt aus Schlachten und Gelagen, prunkvollen Reden und Prahlerei. Erzählt von den guten alten Zeiten, als die Frauen honigsüß lächelten und ihr Haar glänzte wie gesponnenes Gold. Als die Männer noch Helden waren und unter den Göttern wandelten. "Papa", fragt der Stammhalter, "willst du lieber Hektor, ein eher abwartender Krieger, sein oder Achill, ein brutaler Haudrauf?“ Was für Fragen! O, ewig junge Seele! Wir waren von Hamburg aus nur einen Tag unterwegs gewesen, die alten Schätze neu zu heben. Von Izmir, der lärmenden Metropole, sind es mit dem Auto vier Stunden bis zum nordwestlichsten Zipfel der Türkei. Auf der Strecke erinnert leider wenig daran, dass die Gegend zu Julius Cäsars Zeiten Urlaubsregion war für reiche Römer. Der Bauboom der Osmanen hat die einst liebreizende Landschaft verschandelt, der Strand liegt an der Schnellstraße. Viele Türken kommen trotzdem her: Der Golf von Edremit gilt als eine der sauerstoffreichsten Gegenden Europas. Kühle Luft aus dem fast 2000 Meter hohen Ida-Gebirge und leichte Seewinde sorgen für entspanntes Klima.

Den Archäologen über die Schulter geschaut

Wir aber freuten uns nach langer Fahrt auf einen Landstrich, der nicht zugebaut werden darf. Das antike Troas zwischen Çanakkale und Assos ist an der türkischen Ägäisküste die am dünnsten besiedelte Gegend mit den meisten archäologischen Fundorten. Wir sehnten uns nach dem Schatten eines Olivenhains, in den eine deutsche Architektin aus Essen selbst genähte Jurtezelte gestellt hatte. Hängematten schaukelten zwischen silbergrünen Bäumen, ein Bootssteg krönte den Kiesstrand. Wenige Kilometer hinter der Kleinstadt Küçükkuyu konnte man unterm Sternenhimmel dösen und nach dem Aufstehen ins azurblaue Wasser springen. Die Fische, wie es die Einheimischen machen, mit Anis ködern und ihnen beim Anbeißen zuschauen. Wer weiss denn schon, dass in der Türkei fast so viele griechische Denkmäler erhalten sind wie auf dem Peloponnes? Zeus-Altäre säumen Wanderwege im schluchtenreichen Ida-Gebirge, in Felsen finden sich Steingräber, am Strand Reste jahrtausendealter Sarkophage. Die ruhmreiche Gegend wird Archäologen auch noch im nächsten Jahrhundert Beschäftigung sichern. Im Sommer sind hier Experten der Tübinger Universität am Werk. Kinder können ihnen in Troja beim Schichten-Graben über die Schultern schauen. Wer nach Rüsten Aslan fragt, einem der besten Kenner von Landschaft und Geschichte, darf auf eine kleine Führung hoffen. Und bekommt Tipps für Entdeckungstouren abseits ausgetrampelter Pfade.

Zum Beispiel nach Neandria mit seinen immer noch monumentalen Befestigungsmauern aus Granit. Oder in die Ruinen von Alexandreia Troas, einer dieser geschickt verschachtelten Städte, in denen die Winde des Morgens und des Abends die Straßen kühlen. Kaiser Konstantin wollte den Ort im vierten Jahrhundert vor Christus zur Metropole des Oströmischen Reiches erheben, der Apostel Paulus setzte von hier aus über, Europa das Christentum zu bringen. Und jüngst fanden Archäologen hier eine Steinplatte mit Spielregeln für die Olympischen Spiele. Hier flaniert der Nachwuchs ehrfürchtig durch die frühere Fußgängerzone. Kriecht in Thermen, klettert auf Mauern, schürft nach Scherben. "Guck mal, Papa, ich hab schon wieder was Antikes gefunden!" Im früheren Hafen, wo einst römische Soldaten auf ihren Feldzügen nach Osten landeten, locken weitere Abenteuer. Römische Säulen liegen im Meer. Also den Schnorchel rausgeholt und in die Geschichte eingetaucht, nur wenige Meter vom Parkplatz entfernt. Niemand stört sich daran.

Kindermund tut Wahrheit kund

Es ist ein herrlich aufregendes Erkunden einer Welt, aus der die Wörter Philosophie und Ethik, Theologie und Politik stammen. Die Wege dorthin sind nicht ausgeschildert. In dem kleinen Dorf Koçali-Ezine fragen wir Männer unter Mandelbäumen nach einem alten Steinbruch, von dem wir in Troja gehört hatten. Sie unterbrechen ihren Mittagsschlaf und rufen nach ein paar Jungen, die uns zwischen ausgedörrten Weizenfeldern zu Kolossen aus Basalt führen. Vor 2500 Jahren in lange Stücke gehauen und dann liegen geblieben. Hinter Steineichen schreien Esel. Ein Friedhof der Geschichte, 20 Minuten von Troja entfernt, ganz für uns allein. Der rechte Platz, Überliefertes aus der Tiefe der Zeit im Licht unserer Tage zu betrachten. Zum Beispiel die aufregende Geschichte von Priamos, dem letzten König von Troja, der nicht nur Ländereien und langmähnige Rosse sein Eigen nannte. 50 tapfere Söhne sollen sich um seinen Herd versammelt haben, 19 von einer Mutter geboren und die anderen von Nebenfrauen im Palast. Das sind doch mal Nachrichten für Einzelkinder!

Man kann viel lernen aus der "Ilias", dem Urroman der Menschheit. Eben auch "Ehrfurcht vor dem Alter, Großmut gegen Bittende, Güte gegen Witwen und Waisen", wie der Schriftsteller Peter Bamm in seinem Klassiker "An den Küsten des Lichts" frohlockt. Wer die mit Wissen und Bildung durchtränkten Sätze liest, entschuldigt sich nachträglich bei seinen Latein- und Griechischlehrern. Aber man hat ja noch seinen Sohn, und der soll es mal besser machen. Im Hafen von Assos, wo auch über Säulen getaucht werden kann, sagt der Kleine plötzlich, er findet es blöd, dass die Griechen früher immer gekämpft haben. Sie hätten doch auch miteinander reden können. Und der Vater, beeindruckt und gerührt von solch in nur wenigen Tagen gereifter Weisheit, bildet sich nach dem dritten Glas Wein ein, dass es so oder ähnlich ein anderer Säulenheiliger auch schon mal formuliert hat. Vielleicht sogar Aristoteles.

Für junge Helden und ihre Begleitung

Den hier beschriebenen Vater-Sohn-Urlaub kann man so nicht buchen. Aber er ist einfach zu organisieren. Viele Charterlinien fliegen nach Izmir (etwa Tuifly oder Sunexpress, ab 300 Euro). Von dort sind es 250 Kilometer bis ins antike Troas. Ein Taxi kostet um die 90, ein Bus 20 Euro. Der Hafen von Assos bietet sich mit seinen wunderschönen Restaurants direkt am Wasser als Ausgangspunkt für Entdeckungstouren an. Empfehlenswert ist das Nazlihan-Hotel in einer alten Karawanserei direkt an der Promenade. Hier kann man auch ein Segelboot für mehrtägige Ausflüge buchen. Doppelzimmer ab 100 Euro, mehr Infos unter www.assoseden group.com oder Tel.: 0090/286/721 73 85. Wer ein deutschsprachiges Hotel bevorzugt, ist im Club Orient Holiday Resort zwischen Izmir und Assos gut aufgehoben. Kleine Strandanlage mit 62 Zimmern und Kinderbetreuung. Die Gastgeber Birsel und Jochen Lemke kennen sich bestens aus und bieten Unterstützung bei Ausflügen. Die Übernachtung im Doppelzimmer mit Halbpension kostet 84 Euro am Tag. Mehr Infos: www. cluborient.de oder Tel.: 0090/266/416 34 45. Ein Erlebnis ist das Eltern-Kind-Programm "Auf Odysseus Spuren". Die Essener Architektin Christiane Kalies hat in einen alten Olivenhain komfortable Jurtezelte gestellt. Zweiwochenprogramm mit Ausflügen nach Troja und Assos, Abenteuercamps in den Bergen, Bastel- und Vorlesestunden. Gleich nebenan ist allerdings ein weiterer Campingplatz. Ab 687 Euro. Mehr Infos: www.renatour.de, Tel.: 0911/89 07 04.

Buchtipps: Peter Bamm, „An den Küsten des Lichts“ (Schmöker von 1961, erhältlich im Antiquariat oder unter www.amazon.de); Rosemary Sutcliff, "Schwarze Schiffe vor Troja", Verlag Freies Geistesleben, 19,90 Euro; Adrian Mitchell, "Die Irrfahrten des Odysseus", Gerstenberg-Verlag, 12,90 Euro.

Informationen

zur Geschichte Kleinasiens: www.asiaminor.de.

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