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Großer Preis von Australien: Von der Formel Gähn zur Formel Geil

Im zweiten Formel-1-Rennen der Saison krachte es schon in der ersten Kurve gewaltig. Es folgten spektakuläre Überholmanöver und ein Reifen-Poker, den Weltmeister Jenson Button für sich entschied. Keine Rolle spielen derzeit Sebastian Vettel und Michael Schumacher - ihre Autos sind zu labil und zu langsam.

Von Elmar Brümmer, Melbourne

Innerhalb von zwei Wochen hat die Formel 1 alle Vorurteile überholt: Von der Formel Gähn zur Formel Geil. Titelverteidiger Jenson Button ist auch im kleinen Silberpfeil erstmals die Nummer eins, Michael Schumacher im richtigen Mercedes muss beim Großen Preis von Australien dagegen mit dem Ehrenpunkt zufrieden sein.

Ein Regenschauer verwandelt die rasende Gartenparty im Albert Park von Melbourne in ein Feuchtgebiet, und es braucht nur eine Kurve, dann kracht es. Jenson Button legt die Grundlage zum einsamen Sieg, in dem er Fernando Alonso von innen zur Seite drängt, der Spanier kollidiert wiederum mit Michael Schumacher, dem der Frontflügel weggerissen wird. Sebastian Vettel hat im Red Bull freie Fahrt voraus, das Rennen scheint gelaufen. Bis eine Kettenreaktion im Mittelfeld die Autos von Kamui Kobayashi, Sebastien Buemi und Nico Hülkenberg zu Wracks macht. Das hat nur in sofern etwas mit der Entscheidung zu tun, als dass das Rennen neutralisiert wird.

Ein strategischer Poker beginnt


Der Regen lässt nach, und jetzt beginnt das strategische Pokerspiel: Wer bleibt wie lange auf den Intermediates genannten Mischreifen, wer geht das Risiko der profillosen Slicks? Dementsprechend verschieben sich die Positionen wild. Buttons Champion-Gefühle trügen nicht: In der siebten Runde befiehlt er der McLaren-Box, Trockenreifen bereit zu stellen. Schon in der nassen Anfahrt zur Garage glaubt er, einen dramatischen Fehler gemach zu haben. Doch es ist der Schachzug, der ihn am Ende mit zwölf Sekunden Vorsprung zum Sieger macht: "Rennen gewinnen hat nicht nur mit Denken, sondern mit Lenken zu tun..." Resultat: Zweiter Einsatz im McLaren, erster Sieg. Zusammengefasst von ihm in einem Wort: "Fantastisch!"

Das Mittelstück der 58 Runden ist pure Unterhaltung, wenn man es nicht aus rein deutscher Sicht betrachtet: Michael Schumacher kommt nach seinem Zusatzstopp mit Flügeltausch und einem verpatzten Reifenwechsel nicht an den Verkehrshindernissen im Hinterfeld vorbei. Sebastian Vettel wird – einmal mehr – Opfer der labilen Technik bei Red Bull: Von der Pole-Position aus hat er seine Führung locker ausgebaut. In Runde 26 explodiert die vordere linke Bremsscheibe, dann geht es nur noch geradeaus. „Das ist einfach Scheiße" sagt der Favorit, der statt der möglichen 50 Punkte nur zwölf auf dem Konto hat. Er kennt die Unzuverlässigkeiten des schnellsten Autos im Feld schon aus dem Vorjahr. Am liebsten hätte er den Helm über dem hängenden Kopf gar nicht mehr abgenommen: „Nach Bahrain wieder mit so einem Mist dazustehen – da kann man nicht stolz drauf sein." Offenbar war beim Boxenstopp ein Rad nicht richtig angezogen worden und hatte den Bremsschaden verursacht. Das bedeutet noch nicht das Aus für die Titelhoffnungen, aber es ist ein Rückschlag, vielleicht sogar ein schwerer Schock. Kann er der Kiste noch trauen?

Wilde Jagden im Albert Park


Dafür sorgen Felipe Massa, Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Mark Webber für wilde Jagden und eine Anzahl von Überholmanövern, die für eine ganze Saison reicht. Einzig Button und Kubica können unbedrängt ihr Ding machen, die Verfolger reiten reihenweise ins Outback des Grünstreifens raus. Der muntere Verschiebebahnhof läuft bis zur vorletzten Runde auf Hochtouren, Hamilton und Webber sind die Opfer ihres übermäßigen Ehrgeizes. Die anderen deutschen Piloten Nico Hülkenberg, Adrian Sutil und Timo Glock sind da schon längst draußen.

Nico Rosberg, der wie Schumacher unter dem Leistungsdefizit des Mercedes leidet, kommt durch den Überoptimismus von Webber und Hamilton am Ende wie schon beim ersten Rennen auf den fünften Rang. „Meine Reifen haben sehr stark abgebaut. Es sieht im Moment so aus, dass wir im Rennen langsamer sind als im Qualifying." Kollege Schumacher beschreibt das frühe Aus seiner Hoffnungen sarkastisch: „Ich war voller Tatendrang. Und zunächst haben auch alle brav Platz gemacht. Aber dann wurde geschoben, gemacht und getan. Und dann gings dahin." Peinlich, dass er erst in der allerletzten Runde an den Hinterbänklern vorbei und in die Punkte kommt. Teamchef Ross Brawn weiß: „Wir brauchen ein etwas schnelleres Auto." Etwas?

Schumacher gibt sich souverän


Schumacher gibt sich souverän, und denkt ans Ganze: „Wir haben heute Wiedergutmachung betrieben für das erste Rennen." Der Sieger kann nur zustimmen: „Hoffentlich hatte das nicht nur mit Wetter zu tun. Denn das, was wir heute gemacht haben, ist das, was wir Rennfahrer wollen." Wir Zuschauer übrigens auch. Nächste Chance nächsten Sonntag. Die Formel 1 bleibt beweispflichtig.

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