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Fußball-EM 2022 Sommermärchen mit elfjähriger Verspätung: Darum feiert der Frauenfußball jetzt seinen Durchbruch

Deutschlands Alexandra Popp (2.v.r.) bejubelt ihr Tor zum 2:1 gegen Frankreich mit ihren Teamkolleginnen. Die DFB-Frauen können zum neunten Mal die Fußball-Europameisterschaft gewinnen.
Deutschlands Alexandra Popp (2.v.r.) bejubelt ihr Tor zum 2:1 gegen Frankreich mit ihren Teamkolleginnen. Die DFB-Frauen können zum neunten Mal die Fußball-Europameisterschaft gewinnen.
© Nick Potts/PA Wire / DPA
Eigentlich sollte die Fußball-WM im eigenen Land 2011 den deutschen Frauenfußball endgültig etablieren. Doch von dem Hype blieb wenig übrig. Das könnte jetzt anders sein.

Eigentlich war 2011 alles angerichtet: Fünf Jahre nachdem die deutschen Fußball-Herren bei der WM im eigenen Land eine wahre Euphorie entfacht hatten, wollten auch die Damen vor heimischen Publikum ihr Sommermärchen feiern. Die WM 2011schien der perfekte Anlass zu sein. Was die seit vielen Jahren die Männer trotz fehlender Titel können, das sollte den erfolgsverwöhnten Frauen doch erst Recht gelingen.

Tatsächlich gab es 2011 viele gute Impulse: Das Eröffnungsspiel verfolgten 15 Millionen Menschen, die Stadien waren voll, und auch die Spiele ohne deutsche Beteiligung erzielten gute Einschaltquoten. Doch ausgerechnet die deutsche Mannschaft enttäuschte, bereits im Viertelfinale war gegen Außenseiter Japan Schluss.

Die Fußball-WM 2011 hatte keinen nachhaltigen Effekt

Neben dem sportlichen wurde auch das atmosphärische Ziel verpasst: Es entstand keine bleibende Euphorie, die in den Liga-Betrieb herübergerettet werden konnte: Zwar konnte die durchschnittliche Zuschauerzahl in der Nach-WM-Saison von mickrigen 836 auf 1121 gesteigert werden, doch schon in der kommenden Saison fielen die Zahlen wieder auf 890 zahlende Besucher – die Herren kamen im gleichen Zeitraum auf mehr als 42.000 Zuschauer pro Spiel. 

Es spricht einiges dafür, dass die deutschen Nationalkickerinnen mit elfjähriger Verspätung nun ihr Sommermärchen nachholen. Die Euphorie vor dem Finale gegen England ist auf jeden Fall groß. Die Spielerinnen konnten dank der beherzten Auftritte im Turnier viele Zuschauer überzeugen, die bislang einen Bogen um den Frauenfußball gemacht haben. 

Dass den Spielerinnen 2022 gelingt, woran das Team 2011 gescheitert ist, hat verschiedenen Gründe. Und die sind nicht nur in der sportlichen Leistung zu sehen. Die Fußball-EM 2022 kommt zu einem Zeitpunkt, da sich immer mehr Menschen entsetzt vom Profi-Fußball der Herren abwenden.

Die Begeisterung für den Profi-Sport ist abgekühlt

Das mag in den Zuschauerzahlen noch nicht sichtbar sein. Aber die Begeisterung für den Sport ist in den vergangenen Jahren sichtbar abgekühlt, in dem Maße wie immer mehr Geld in den Sport gepumpt wird und den fairen Wettbewerb zerstört. Als die Fußball-WM 2011 stattfand, hatte gerade Jürgen Klopp mit dem BVB die Meisterschaft errungen und die Bayern-Dominanz infrage gestellt. Anno 2022 blickt die Liga auf zehn Münchner Meisterschaften in Folge zurück – eine Änderung ist nicht in Sicht.

Gleichzeitig findet die Fußball-WM der Herren erstmals im Winter statt. In einem Land, das über keine eigene Fußballtradition verfügt, das klimatisch nicht geeignet ist und vor allem die Menschenrechte nicht achtet. 

Bislang hatten viele Fans keine Wahl: Auch wenn man mit den Entwicklungen im Profisport nicht zufrieden war, man beugte sich mangels Alternative. Doch die gibt es ja, und sie liegt direkt vor unserer Haustür: Alexandra Popp und Co. zelebrieren einen Fußball, der technisch und taktisch voll auf der Höhe der Zeit ist. Und den kann man sich Woche für Woche live im Stadion verfolgen. Fans von Traditionsmannschaften wie dem 1. FC Köln, Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, dem SC Freiburg oder Bayern München brauchen sich noch nicht mal neue Trikots zu kaufen – diese Mannschaften spielen alle in der ersten Bundesliga.

Ganz egal ob die deutschen Fußballerinnen heute den Pokal gewinnen oder nicht: Sie haben bei vielen Fans die Begeisterung für den Sport zurückgebracht. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.


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