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Frauen-EM Früher verspottet, heute erfolgreicher als die Männer – die Geschichte des deutschen Frauenfußballs

Fußballerinnen stehen glücklich vor einer Tribüne
Im August 1981 siegt die SSG 09 Bergisch Gladbach im Pokalfinale in Stuttgart gegen den TuS Wörrstadt mit 5:0 und ist damit erster Pokalsieger im deutschen Frauenfußball. Heute kommt der Frauenfußball auf zahlreiche internationale Titel.
© Roland Witschel / Picture Alliance
Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft kann gegen England ihren neunten EM-Titel holen. Jetzt zeigen es die DFB-Frauen ihren Kritikern, denn die Geschichte des deutschen Frauenfußballs ist von Verbot und Spott geprägt.

Fußball ist reiner Männersport? Von wegen! Nun sind es die Frauen, die für große Fußballstimmung im Land sorgen. Nach fünf Siegen in fünf Spielen und zuletzt einem 2:1-Sieg im Halbfinale gegen Frankreich steht Deutschland endlich wieder kurz davor, eine Fußball-EM zu gewinnen. Die Nationalmannschaft der Männer stand zuletzt im Jahr 2008 bei einer Europameisterschaft im Finale, verlor damals aber 1:0 gegen Spanien. Ihren letzten großen Titel holten die DFB-Männer 2014 bei der WM in Brasilien. Danach gab es bloß noch einen Confederations Cup-Sieg 2017.

Ihr Ansehen haben sich die Fußballerinnen mühsam erarbeitet. Es hat Jahrzehnte gebraucht. Bereits 1930 entstand in Frankfurt der erste Frauen-Fußballclub Deutschlands. Es gab allerdings keine Gegnerinnen und der Verein löste sich nur ein Jahr später nach zahlreichen Protesten wieder auf.

Fußballspielende Frauen lange schikaniert und belächelt

Fußballspielende Frauen wurden nicht ernst genommen und waren mit Vorurteilen und Schikanen konfrontiert. Für die Männer war Frauenfußball nichts Seriöses. Anfang der 50er-Jahre wurden die Frauen belächelt, Männer schauten sich Frauenfußball zur Belustigung an. Mit dem WM-Sieg der deutschen Männer-Nationalmannschaft im Jahr 1954 entstand jedoch zunehmend Euphorie für den Sport auf, welcher die Entwicklung des Frauenfußballs zugute kam. Auch Frauen begannen, in ihrer Freizeit Fußball zu spielen.

Ab 1955 verbot der Deutscher Fußball-Bund (DFB) den Frauenfußball allerdings einstimmig. Der Fußball widerspreche der weiblichen Natur, Frauen nähmen körperlichen und seelischen Schaden, hieß es von Ärzten. Der holländische Psychologe und Anthropologe Fred J. J. Buytendijk kam in seiner, aus heutiger Sicht sehr fraglichen, Studie zu dem Ergebnis, dass Frauen nicht zum Fußballspielen geeignet seien. "Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. [...] Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. [...] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich!", so die Studie.

Die Männer wollten den Sport einfach für sich behalten. Es gab Erniedrigungen und Vorurteile gegen Frauen, die Fußball spielten. Fifa-Schiedsrichter Rudolf Kreitlein sagte 1966 etwa: "Ich würde vorschlagen, den Fußball den Männern zu überlassen und die Damen sollen an den Kochherd." Dennoch ließen sich die Frauen nicht von der Freude des Fußballspielens abhalten und trafen sich privat "in wilden Mannschaften", um eben genau jene Sportart auszuüben. Ende der 60er gab es trotz des ausgesprochenen Frauenfußball-Verbots 1000 Frauenteams. Sie wurden zu Turnieren im Ausland eingeladen, der Frauenfußball kam zunehmend ins Rollen.

Wim Thoelke, Fernsehmoderator des ZDF-Sportstudio äußerte sich im Jahr 1970 vollkommen respektlos gegenüber fußballspielende Frauen. "Was sind denn das für Mädchen, die das betreiben und aus welchen Gründen tun sie das?", fragte er. Der Fernsehmoderator ließ weitere Töne von sich: "Junge, Junge, ja die brauchen sich gar nicht aufzuregen, die Zuschauer – die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn die Männer in den Schlamm fallen würden, das wär schlimm, weil dann müssten die Frauen zuhause waschen."

Fußballerin setzt sich bei Nominierung zum Tor des Monats gegen Männer durch

Ende 1970 zeigte sich der DFB dann aber doch von einer überaus gütigen Seite und erlaubte den Frauenfußball – wenn auch mit speziellen Regeln für Fußballerinnen: Sie durften ausschließlich bei gutem Wetter und nicht im Winter spielen, mussten Jugendbälle nutzen und die Spielzeit war auf zweimal 30 Minuten reduziert. Zunächst war außerdem das Tragen von Stollenschuhen verboten, da sich diese angeblich nicht für Frauen eigneten.

Die Siegesmannschaft des TuS Wörrstadt im Jahr 1974 mit Bärbel Wohlleben (hi., sechste von links)
Die Siegesmannschaft des TuS Wörrstadt im Jahr 1974 mit Bärbel Wohlleben (hi., sechste von links)
© WEREK / Imago Images

Nichtsdestotrotz – der Ball rollte. Vier Jahre später gab es die erste offizielle deutsche Meisterschaft für Frauen, aus der der Sieger TuS Wörrstadt mit Spielführerin Bärbel Wohlleben hervorging. Und von wegen eine Frau kann den Fußball nicht weiter als fünf Meter schießen, wie aus Männermunden zu hören war: Bärbel Wohlleben gelang ein erfolgreicher Distanzschuss von außerhalb des Strafraums, der sogar zum Tor des Monats gewählt wurde. Damit setzte er sich gegen ausgewählte Tore von Männern durch – unter anderem gegen den Ex-Schalker Rüdiger Abramczik. Wohllebens Tor war für den Frauenfußball von großer Bedeutung; er kurbelte Interesse und Motivation deutlich an.

Eine Fußballerin schießt den Ball an einer Torwärtin vorbei
Das erste Frauenländerspiel der Deutschen Frauen-Nationalmannschaft in Koblenz (Archivbild aus 1982)
© Horstmüller / Imago Images

Die Entwicklung des Frauenfußballs nahm weiter ihren Lauf. 1979 wurde der DFB-Pokal für Frauen eingeführt. Und auch im Ausland wurde der Frauenfußball populär. Der taiwanische Fußballverband lud die stärksten Frauen-Fußballmannschaften der Welt zu einem Turnier ein. Deutschland hatte aber noch keine Nationalmannschaft, also reiste 1981 die SSG 09 Bergisch Gladbach, die zu dem Zeitpunkt einen Erfolg nach dem anderen feierte und neun Mal deutscher Meister geworden war, an. Das deutsche Team gewann tatsächlich auch das Turnier in Taiwan.

DFB-Frauen gewinnen mehr Titel als DFB-Männer

Nationalspielerinnen jubeln mit EM-Pokal
Die DFB-Frauen präsentieren stolz den EM-Pokal bei der Fußball-Europameisterschaft 1989
© Sven Simon / Imago Images

Im Folgejahr war der Deutsche Fußball-Bund dann offensichtlich so weit, eine Frauen-Nationalmannschaft ins Leben zu rufen. Bei ihrem Debüt gegen die Schweiz erzielte sie gleich einen 5:1-Sieg. Indes vergingen in der DDR acht weitere Jahre, bis es eine solche Nationalmannschaft gab.

1989 bewiesen die DFB-Frauen dann mit ihrem ersten EM-Sieg, dass Fußball sehr wohl auch Frauensache ist. In der Folge wurden sie erstmals groß in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die entsprechende Würdigung zum Titelgewinn? Ein Kaffeeservice. 1991 war es dann zum Sieg ein Münzset, 1995 6000 D-Mark. 2003 erhielten die DFB-Spielerinnen für den Gewinn des Weltmeistertitels immerhin eine Prämie von 15.000 Euro. Bei der nächsten WM vier Jahre später holten die deutschen Frauen erneut den Sieg. Damit zählt der deutsche Frauenfußball zwei Weltmeister- und acht Europameistertitel. Und die Männer? Vier Weltmeister- und lediglich drei Europameistertitel.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) empfängt die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen nach dem WM-Sieg 2003
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) empfängt die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen nach dem WM-Sieg 2003
© PEMAX / Imago Images

Mit der WM 2011 im eigenen Land erreichte der deutsche Frauenfußball schließlich eine neue Dimension. Das öffentliche Interesse war größer denn je. Bis zu 19 Millionen Menschen verfolgten die Spiele im Fernsehen, die Stadien waren ausverkauft. Die DFB-Frauen schieden im Viertelfinale gegen Japan aus. Bei der EM 2013 in Schweden gewannen sie dann ihren achten und vorerst letzten EM-Titel. 

Heute zählt der DFB 821.920 weibliche Mitglieder und 304.849 Mädchen, die unter dem Dach des deutschen Verbands Fußball spielen (Stand: 2020). Tendenz leicht steigend. Kein Wunder bei der Erfolgsgeschichte.

Deutsche Frauen stehen vor neuntem Sieg bei Fußball-Europameisterschaft

Nun verzeichnen die DFB-Frauen unter Trainerin Martina Voss-Tecklenburg ihren nächsten Erfolg bei der EM in England. Sie stehen im Finale und treten am Sonntagabend gegen die Gastgeberinnen an, die bisher ebenfalls ein herausragendes Turnier spielen und seit 19 Spielen ungeschlagen sind. Anpfiff ist um 18 Uhr im Wembley-Stadion in London vor 90.000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Für Deutschland und die DFB-Frauen wäre es der neunte EM-Titel. Zwar kursieren noch immer Klischees entgegen des Frauenfußballs, allerdings ist längst klar: das DFB-Frauenteam ist eine Erfolgsmannschaft. Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung des Verbands haben auch deshalb am Donnerstag beschlossen, dass die Bezeichnung "Die Mannschaft" nicht mehr für das Männer-Team vorgesehen ist.

Deutschlands Alexandra Popp (2.v.r.) bejubelt ihr Tor zum 2:1 gegen Frankreich mit ihren Teamkolleginnen. Die DFB-Frauen können zum neunten Mal die Fußball-Europameisterschaft gewinnen.
Deutschlands Alexandra Popp (2.v.r.) bejubelt ihr Tor zum 2:1 gegen Frankreich mit ihren Teamkolleginnen. Die DFB-Frauen können zum neunten Mal die Fußball-Europameisterschaft gewinnen.
© Nick Potts/PA Wire / DPA

Quellen: DFB, Sportschau Dokumentation, DeutschlandfunkBundeszentrale für politische Bildung


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