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1. Bundesliga: Die Bundesliga-Analyse

Zwei Wochenenden in Folge stand das passive Abseits im Mittelpunkt der Diskussionen um Bundesligatore. Einfacher haben will jeder die Regel. Aber wie soll das gehen? Wir stellen drei Modelle vor, die den Streit beenden würden und sagen, was die Nachteile wären.

Wer dachte, das Thema passives Abseits sei nach der Aufregung des vergangenen Wochenendes für diese Saison erst einmal vom Tisch, der musste mit Erstaunen sehen, dass am zehnten Spieltag schon wieder zwei Situationen auftraten, in denen die höchst umstrittene Regel im Mittelpunkt stand - und beide wurden von den Unparteiischen gegensätzlich beschieden.

War es vor Wochenfrist noch die Frage, ob ein im passiven Abseits befindlicher Spieler durch seine relative Stellung zum Torwart "ins Spiel eingreift", so ging es diesmal im Kern um den Begriff "neue Spielsituation". Zur Absurdität der passiven Abseitsdefinition, wenn es um einen Spieler geht, der nicht direkt an den Ball kommt, aber "ins Spiel eingegriffen hat", ist seit dem legendären Liverpool-Trainer Bill Shankly eigentlich alles gesagt: "If a player is not interfering with play or seeking to gain an advantage, then he should be". Frei übersetzt: Wenn ein Spieler nicht ins Spiel eingreift, dann macht er seinen Job nicht richtig.

Die Interpretation dessen, was eine "neue Spielsituation" ist, brachte an diesem Wochenende allerdings selbst alteingesessene Sportjournalisten zu ratlosem Schulterzucken. Sehen wir uns die beiden Beispiele vom Wochenende an, bevor wir die allgemeine Frage nach dem passiven Abseits und den Alternativen zu seiner Anwendung beantworten.

Fall 1: Borussia Dortmund - FC Köln, 1:0 Shinji Kagawa

Dortmunds Demontage des FC begann schon in der siebten Spielminute, aber der Torschütze Shinji Kagawa hatte vor seinem Torabschluss im Abseits gestanden. Das nämlich, als Mats Hummels einen langen Ball nach links vorne schlug. Der nicht aus dem Abseits kommende Kevin Großkreutz erlief sich den Ball nahe der Torauslinie, Kagawa befand sich nun hinter dem Ball und verwertete das zurückgelegte Anspiel von Großkreutz direkt zum 1:0.

Da Kagawa zum Zeitpunkt des Abspiels von Hummels in Richtung Tor unterwegs war, hätte man durchaus davon sprechen können, dass er Michael Rensing "irritierte", jedenfalls mehr, als der gleiche Keeper eine Woche zuvor von Didier Ya Konan irritiert worden war, dessen bloße Anwesenheit im Kölner Strafraum schon dazu ausreichte, Sergio Pintos vermeintliches Ausgleichstor zu annullieren.

Nach der gängigen Auslegung entsteht mit jeder Ballberührung eines Mitspielers eine neue Spielsituation, so dass Kagawa gar nicht mehr im Abseits stehen konnte, sobald Großkreutz den Ball annahm. Kann man so sehen. Dann aber fragt man sich, wie die folgende Szene zu bewerten war:

Fall 2: Bayer Leverkusen - Schalke 04, nicht gegebenes Tor Michael Ballack

Noch beim Stand von 0:0 erzielte Michael Ballack in der 25. Minute einen Treffer für Bayer 04. Als André Schürrle einen hohen Ball in die Mitte vor dem Strafraum hob, stand Michael Ballack rechts vor dem Sechzehner im Abseits - nicht aber Sidney Sam, der zwischen zwei Schalkern in das Anspiel sprintete und das Leder in den Lauf von Ballack verlängerte. Zum Zeitpunkt dieses Anspiels wiederum befand sich Ballack leicht hinter Sam, so dass diese Weiterleitung, als neue Spielsituation interpretiert, nicht unter die Abseitsregel hätte fallen dürfen.

So gesehen eine klare Fehlentscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer, anders als seine anderen umstrittenen Maßnahmen wie die, Jermaine Jones nach einem riskanten Einsteigen an der Seitenlinie nicht die Ampelkarte zu zeigen (vertretbar, weil Jones zumindest zuerst den Ball spielte) und das Weiterlaufen Lassen nach Jefferson Farfans Einsatz gegen Schürrle, mit dem der Peruaner den Antritt zum Siegtor begann (hart, aber nicht eindeutig regelwidrig).

Die Bayer 04-Profis allerdings fanden die Abseitsentscheidung des Gespanns gar nicht so schlimm, niemand protestierte ernsthaft. Das macht den Unmut beim neutralen Zuschauer aber nicht geringer, denn das Erkennen einer Abseitsposition ist ohnehin schon schwer genug. Wie der spanische Arzt Franciso Belda Maruenda seit Jahren nachweisen will, sogar physiologisch unmöglich. Ohne technische Hilfsmittel sei es dem menschlichen Auge gar nicht möglich, so Maruenda, die Positionen aller relevanten Spieler zum exakten Zeitpunkt eines Abspiels so zu erkennen, wie es notwendig wäre.

Unzufrieden mit dem jetzigen Zustand des Regelwerks (oder vielmehr: seiner Auslegung, denn die offizielle FIFA-Regel 11 enthält die Spitzfindigkeiten nicht, mit denen der Referee sich herumzuschlagen hat, sondern die Interpretationen von Schiedsrichterleitfäden und FIFA-Richtlinien) sind wohl die meisten Fans. Was also wäre zu tun, um die Regel nicht immer komplizierter zu machen, sondern zu vereinfachen? Drei Modelle sind denkbar.

Modell 1: Abseits komplett abschaffen

Für diesen radikalsten aller Vorschläge fand sich kürzlich ein prominenter Fürsprecher in Hoffenheims Sportdirektor und ehemaligem Hockeybundestrainer Bernhard Peters. Im Hockey war die Abseitsregel 1996 komplett abgeschafft worden, was Peters zu seinem Vorstoß inspiriert haben mag. Für die Maßnahme spräche die totale Klarheit, die daraus entstünde. Einfach gar keine Abseitsdiskussionen mehr.

Ob das dann noch Fußball wäre, wie man ihn kennt, ist allerdings eine andere Frage. Schließlich gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Abseitsregel in der einen oder anderen Form. Zwar ist nicht ausgemacht, dass es wieder Szenen wie zu Zeiten der sogenannten Sheffield-Regeln in England geben würde (diese kannten kein Abseits), als Teams stets mehrere Spieler vor dem Tor parkten und sie mit hohen Zuspielen suchten, sobald sie in Ballbesitz kamen.

Doch ist es ein historischer Irrtum, die Abseitsregel so zu behandeln, als würde sie den Fußball behindern. Eben so gut könnte man sagen, das Verbot des Handspiels mache das Spiel langweiliger. Das bedeutet nicht, dass alle Regeln, die den Sport grundsätzlich verändern, negativ sein müssen. Aber es stellt sich die Frage, was ein solcher Schnitt mit den eingespielten Formen der Fußballtaktik machen würde.

Momentan besteht ja eine gewisse Kunst darin, die Abwehrkette so nach vorne zu verschieben, dass die der angreifenden Mannschaft zur Verfügung stehende Spielfläche verkleinert wird. Solchen Taktiken wäre mit einem Mal komplett der Boden entzogen, fast zwangsläufig müsste man sich wieder hin zu einer Art Manndeckung orientieren. Kurzum: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Fußball nicht gerade attraktiver und anspruchsvoller würde, wenn man die Abseitsregel komplett striche.

Modell 2: Abseits ist immer aktiv

Das Gegenteil der Abschaffung des Abseits könnte den Fußball in Richtung des Rugbysports bringen. Dort darf kein Spieler sich zwischen dem Ball und der gegnerischen Endzone aufhalten, alle Angriffsspieler müssen hinter dem Ball bleiben. Pässe sind nur nach hinten erlaubt.

Da Fußball nicht Rugby ist und man ja nicht komplett das Spielen von Steilpässen verbieten will, käme diese Bestimmung immer genau dann zur Anwendung, wenn ein Spieler sich vom Ball trennt und einen Vorwärtspass spielt. Nachdem der Ball gepasst wurde, dürfte der Spieler natürlich wie bisher in den freien Raum hinter der Abwehr laufen, um ihn zu empfangen.

Der wesentliche Unterschied zur jetzigen Praxis bestünde darin, dass Spieler nie als "passiv" im Abseits gelten würden, sondern faktisch einfach kein Anspiel in die Spitze erfolgen dürfte, solange ein Angreifer sich zwischen Torwart und letztem Verteidiger aufhält. Natürlich wäre auch hier nicht die bloße Abseitsposition das Vergehen, sondern nur in Kombination mit einem entsprechenden Pass - sonst hätte die Abseitsfalle es nun wirklich zu leicht.

Welche Nachteile brächte dieses Modell mit sich? Möglicherweise würde das Spiel verlangsamt, wenn etwa angeschlagene Stürmer erst aus dem Abseits humpeln müssten, bevor das Spiel fortgesetzt werden kann. Auch ließe sich darüber diskutieren, ob es im Sinne des Angriffsspiels ist, wenn ein Spielzug wegen Abseits illegalisiert wird, obwohl alle aktiv beteiligten Spieler nicht im Abseits stehen, sondern nur jemand an der Seitenauslinie.

Zweifellos erleichterte diese Regelung vor allem der Defensive die Arbeit, weil es viel einfacher würde, die Abseitsfalle zu stellen. Mehr Tore würden jedenfalls logischerweise nicht fallen, es ist ja eine Regeländerung, die mehr Offensivspielzüge als bisher unterbinden würde. Insofern vielleicht ein Schritt zurück, was die Attraktivität des Fußballs angeht.

Konkrete Anwendung: Nach diesem Modell hätten beide Tore vom Wochenende nicht zählen dürfen.

Modell 3: Ohne Ballberührung kein Abseits

In die andere Richtung würde man die Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Abseits vereinfachen, wenn nur der Spieler, der einen Pass entgegennimmt, bei dessen Abspiel er sich im Abseits befand, bestraft werden könnte. Alle anderen Spieler der angreifenden Mannschaft können sich bewegen, wie sie wollen.

Wer das Verhalten von Luis Suárez beim Spiel Liverpool gegen Manchester United vor einer Woche erinnert, als der Uruguayer beim Freistoß, der zu Liverpools Tor führte, zwischen der Mauer und dem Tor auf und absprang, um United-Keeper David de Gea zu irritieren, mag eine solche Regeländerung ablehnen. Generell aber hätte auch sie den Vorteil viel größerer Klarheit - nicht ganz so stark wie die anderen beiden Modelle, aber wesentlich mehr als der jetzige Ist-Zustand.

Es wäre zudem eine Abseitsregel, die jeder verstehen kann: Abseits ist, wenn ein Pass auf jemanden gespielt wird, der zwischen letztem Verteidiger und Torwart steht. Nicht mehr. Nicht weniger. (Und ja, ich weiß, dass es auch Abseits ist, wenn der Torwart weiter vorne steht und man sich zwischen letztem und vorletztem Verteidiger befindet).

Notwendig für die Umsetzung dieses letzten Modells wäre aber weiter das Konzept der "neuen Spielsituation", wenn auch noch viel einfacher. Bei jeder Ballannahme würde sofort entschieden: War es abseits? Wenn nein, dann neue Spielsituation. Wenn ja, dann Abseitspfiff.

Nachteilig aber auch, dass die nachträgliche Bewertung von Spielabläufen nach wie vor vom Schiedsrichter und seinen Assistenten erfordert wäre. Da die Ballannahme relevant ist, müssten die Unparteiischen quasi ein mentales Standbild der Konstellation bei der Ballabgabe machen und dieses im Moment der Ballannahme noch einmal abgleichen - wie jetzt, nur etwas vereinfacht.

Auch entstünde das Problem, dass man Spieler im Extremfall 40 Meter einem Ball hinterherrennen lässt, um dann erst bei der Ballberührung auf Abseits zu entscheiden, obwohl nach menschlichem Ermessen schon abzusehen ist, dass der gespielte Pass nur in eine Abseitssituation münden kann.

Konkrete Anwendung: Beide Tore vom Wochenende hätten so gezählt.

Fazit

Eine hundertprozentig zufriedenstellende und gleichwohl klare Lösung gibt es nicht. Das ist so wie mit der Steuererklärung auf dem Bierdeckel: Im Prinzip eine verlockende Idee, aber es gibt ja oft triftige Gründe für die komplizierteren Mechanismen.

Modell 1 (Abschaffung des Abseits) erscheint viel zu drastisch, man würde das Kind mit dem Bade ausschütten und mehr zerstören, als man gewänne.

Modell 2 (Abseits ist immer aktiv) wäre hingegen denkbar und hätte den Vorteil, auf bestmögliche Weise Klarheit und Machbarkeit zu verbinden - allerdings um den Preis einer Beschneidung des Offensivfußballs.

Modell 3 (Kein Abseits ohne Ballberührung) begünstigt die angreifende Mannschaft mehr als bisher und entzieht die Diskussionen um passives Abseits der Ebene der Spekulation, weil es nur noch objektiv überprüfbare Kriterien für das Abseitsvergehen gibt. In der Anwendung aber bleiben manche Probleme der Umsetzung bestehen.

Dennoch halten wir sowohl Modell 2 als auch Modell 3 beide für besser als das Modell 4: Alles bleibt, wie es ist. 

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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