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1. Bundesliga Trainerlegende Udo Lattek im Porträt


Udo Lattek ist ohne Frage einer der größten Trainer aller Zeiten. Doch mit seiner direkten Art, seinem unbändigen Erfolgswillen und der Lust auf ständige Auseinandersetzung mit seinen Gegnern verspielte er viele Sympathien in der Öffentlichkeit. Wir blicken auf seine bewegte Karriere zurück.

Seine Mitschüler und Lehrer hätten sicher nicht im Traum gedacht, dass sich ausgerechnet er später in der harten Welt des Profifußballs behaupten und zu einem der erfolgreichsten Trainer weltweit werden würde. "Wenn ich ein Gedicht aufsagen musste, bin ich fast immer im Erdboden versunken", erinnerte sich Udo Lattek in der FAZ an seine Schüchternheit.

Unvorstellbar, dass er Jahre später zum Lautsprecher der Branche wurde und weder zu seiner aktiven Zeit als Trainer, noch später als Kolumnist und TV-Experte ein Blatt vor den Mund nehmen sollte.

Doch der Fußball brachte das nötige Selbstvertrauen, verhalf dem Bauernsohn zu Ruhm und finanziellem Wohlstand. "Ich war eine Wurst, die nichts konnte", vertraute er rückblickend dem Express an. "Aber ich war ehrgeizig, hart und habe die Ellenbogen ausgefahren."

So brachte Lattek es zwischen 1970 und 1987 auf 14 Titel. Mit Bayern (von 1970-75 und 1983-87) holte er sechs Meistertitel, drei Pokalsiege und den Europapokal der Landesmeister, mit Borussia Mönchengladbach (1975-79) zwei Meisterschaften und den UEFA Cup. Bei Borussia Dortmund ging er zwar leer aus, dafür holte er mit dem FC Barcelona (1981-83) den Europapokal der Pokalsieger und ist damit einer der wenigen Trainer weltweit, der alle drei Europacups mit unterschiedlichen Clubs gewinnen konnte.

Drang zur permanenten Selbstbehauptung

Den Drang, sich permanent selbst behaupten zu müssen, entwickelte das ostpreußische Flüchtlingskind früh und er sollte ihn durch seine gesamte Karriere begleiten. Der ehrgeizige Lattek wollte raus aus den einfachen Verhältnissen seiner Kindheit und diesen unbändigen Willen, nach oben zu kommen, impfte er auch seinen Teams ein. Er verstand es wie kein Zweiter Spieler stark zu reden, ihr Ego zu steigern und etablierte so bei Bayern das mittlerweile berühmte "Mia san Mia".

Erfolge wurden sein Antrieb, sein Lebenselixier. Und möglich wurden sie nicht nur dank großer Akribie und einem Hang zum Perfektionismus, sondern auch dadurch, dass Lattek Feindbilder wie Otto Rehhagel kreierte und ständig Auseinandersetzungen mit vermeintlichen Gegenspielern suchte. "Wo Reibung ist, da entsteht Energie", lautet sein persönliches Motto. Und daraus zog er Kraft, sie brachte Lattek beruflich nach vorne. Gegen seinen Vater, der ihn lieber in der Landwirtschaft gesehen hätte, setzte er durch, Abitur machen und studieren zu dürfen. Und auch mit seinem Trainerausbilder Hennes Weisweiler rieb er sich, bis dieser ihn Bundestrainer Helmut Schön als Assistent empfahl und damit Latteks Karriere ins Rollen brachte.

Reibung mit Freund und Feind

Auch mit Spielern suchte er immer wieder Reibung. "Ich wollte durchaus mündige Spieler haben, mit denen ich mich auseinandersetzen kann. Die waren mir immer lieber als Befehlsempfänger", erklärte er der tz. Nur an einem biss er sich die Zähne aus. Die Machtprobe mit Diego Maradona kostete ihn 1983 den Job in Barcelona. Weil der Superstar zu spät zur Abfahrt des Teambusses erschienen war, ließ Lattek ihn einfach stehen. "Daraufhin ist Maradona zum Präsidenten und hat ihm erklärt, dass er mit mir nicht zusammenarbeiten könne", erinnerte er sich bei bundesliga.de.

Bei den meisten seiner Spielern war der Coach trotzdem beliebt. "Der Udo hat eisenhart sein können, war aber meistens mehr ein Kumpel. Er hat sogar mit uns Spielern mal einen getrunken", erläuterte Sepp Maier stellvertretend bei welt.de. Nach einer Niederlage hatte die Mannschaft gegen das verhängte Ausgehverbot verstoßen und sich in einer Disco abgesetzt, wurde aber von Lattek aufgespürt. "Da sind wir hinter die Theke. Das ist dem Udo aber irgendwann aufgefallen - und dann hat er uns da sitzen sehen mit sieben, acht Mann und sagte: So, jetzt zähle ich bis 25.000, und wenn dann noch einer da ist, gibt's Ärger."

Neid und Missgunst

Doch am meisten Gegenwind bekam er aus der Öffentlichkeit, die ihn deutlich kritischer bewertete. Lattek haftete der Makel an, dass er Siege nur mit bereits fertigen Spielern einfahren konnte und nie eine Mannschaft selbst aufgebaut hatte. Zudem galt er als "wendiger Karrierist" (Der Spiegel), der skrupellos und rücksichtslos nur auf den eigenen Vorteil bedacht sei, nachdem er 1975 den bereits unterschriebenen Einjahresvertrag mit Rot-Weiß Essen brach, um dann ein deutlich besseres Angebot aus Gladbach anzunehmen.

Lattek fühlte sich von seinen Kritikern ungerecht behandelt, um die verdiente und berechtigte Anerkennung gebracht und konterte die Vorwürfe mit einem beleidigten "Mir gönnt keiner den Erfolg". Doch gerade er, der sich permanent als Zielscheibe von Neid und Missgunst sah und noch heute die beiden Vokabeln gebetsmühlenhaft benutzt, um den plötzlichen Leistungsabfall einer zuvor erfolgreichen Mannschaft zu erklären, schien selbst von diesen Gefühlen nicht frei zu sein.

Niederlagen nahm er nicht nur persönlich, die FAZ warf ihm vor in diesen Fällen "patzig wie ein kleines Kind" zu reagieren und um sich zu beißen. Der Spiegel kritisierte, kein Trainer beklage häufiger eine "unverdiente Niederlage" seiner Mannschaft.

Aggressivität als Schutzmechanismus

Allerdings hatte Latteks Art auf und neben dem Platz Methode, wie Paul Breitner dem Spiegel erklärte: "Er kanalisiert alle Aggressivität auf sich, und die Spieler haben ihre Ruhe." Zudem diente Latteks aggressives und lautes Verhalten im Job auch dem Zweck, Druck abzulassen, den immensen Stress abzubauen und vor allem auch den Schmerz über den frühen Tod des Sohnes 1981 zu verarbeiten.

Denn privat ist Lattek ganz anders. "Ich will nicht, dass jemand weiß, was in mir vorgeht", erzählte er einmal selbst in einer DSF-Dokumentation, dass er nach außen den Extrovertierten gibt, innerlich aber sensibel ist. Damit seine kleine Tochter nicht irgendwann lesen musste, "was ihr Vater für ein Arschloch ist" (Lattek im Spiegel), tauschte er 1987 den Trainerstuhl in München mit dem Sportdirektorsessel in Köln.

Durchwachsene Comeback-Versuche

Doch die Zeit dort war wenig erfolgreich. Außer der Erinnerung an den gemeinsamen Sportstudioauftritt mit Christoph Daum, Jupp Heynckes und Uli Hoeneß, den legendären blauen Glückspullover, der angeblich für eine Kölner Siegesserie verantwortlich gewesen sein soll, und einen angeblich von Lattek initiierten Kleinkrieg mit Trainer Erich Rutemöller ist davon kaum etwas übrig geblieben. Zweimal zog es Lattek noch auf die Trainerbank, zweimal noch drängte es ihn, sich noch einmal im Stahlbad Bundesliga zu behaupten. Doch seine Zeit war um.

Ein Comeback bei Schalke in der Saison 1992/93 begann mit dem Spott von ran-Moderator Reinhold Beckmann über Latteks bunten mit Sponsorenlogos zugekleisterten Trainingsanzug und endete mit dem Rausschmiss nach nur sechs Monaten. In der Saison 1999/2000 stieg der mittlerweile 65-Jährige fünf Spieltage vor Ende der Saison noch einmal als Motivationsguru in Dortmund ein, rettete den Club immerhin vor dem drohenden Abstieg und wurde endlich noch einmal als Held verehrt.

Einer der letzten Typen

Seinem streitlustigen Charakter blieb er auch nach seiner aktiven Trainerzeit immer treu. Lattek brauchte auch als Kolumnist und vor allem als Experte im Doppelpass über 16 Jahren und weit über 750 Sendungen permanente Reibung. Als Hüter des Phrasenschweins und harter Kritiker lieferte er sich mit Freund und Feind legendäre Wortgefechte, zum Beispiel mit Uli Hoeneß, und setzte sogar die Freundschaft mit Erich Ribbeck aufs Spiel.

"Ich teile immer noch gerne aus", erklärte er der FAZ im Interview. Doch etwas scheint er im Alter dazugelernt zu haben. "Ich kann aber auch ebenso gut einstecken." Vielleicht ist das - neben der Tatsache, dass er in seinen Sendungen gerne die manchmal derbe Sprache des Fußballfans sprach - auch der Grund, dass Lattek irgendwann in der Öffentlichkeit nicht mehr nur als nörgelnder Rentner, sondern als Kultfigur wahrgenommen wurde.

Schließlich war er einer der letzten echten Typen, sowohl auf der Trainerbank als auch im TV-Studio. Bevor es langweilig wurde, packte Udo noch einen Spruch wie: "Die Jungs brauchen Eier. Und einen, der ihnen da mal kräftig reintritt" aus. Es ist davon auszugehen, dasser diese Rolle auch nach seinem Rücktritt in anderer Form noch weiter ausführen wird. Denn ohne permante Reibung kann er nicht existieren. So schweigsam wie als Schüler, wird man Lattek daher lebendig sicher nie wieder erleben.

Malte Asmus

sportal.de sportal

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