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Fußball-Europapokal Darum ist die Bundesliga längst zweitklassig

Leverkusen-Verteidiger Jonathan Tah zieht sein Trikot über sein Gesicht
Zum Fürchten ist das Abschneiden der meisten Bundesligaclubs auf europäischer Ebene. Hier reagiert Leverkusens Verteidiger Jonathan Tah auf das Ausscheiden seines Teams gegen Young Boys Bern.
© Ina Fassbender / AFP / DPA
Sobald sich die Bundesliga aus ihrer Blase auf die europäische Ebene begibt, wird schnell deutlich: Was da am Wochenende glänzt, ist selten echtes Gold. Es will zwar keiner hören, aber ohne den FC Bayern wäre der deutsche Fußball längst auch offiziell zweitklassig.

Ach, was wird sie hierzulande gerne belächelt, diese Europa League. Dieser Loser-Cup für die Champions-League-Verpasser, wen interessiert das schon? Fast könnte man meinen, dass sich die Bundesligisten dort auf leichten Sohlen reihenweise ein paar Titel fürs Gemüt und den Briefkopf abholen. Dumm nur, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Bundesligaclubs scheinen das mit dem "Loser-Cup" in deutscher Gründlichkeit verinnerlicht zu haben: Nie seit der Wettbewerb 2009 eingeführt wurde, erreichte ein deutscher Verein ein Finale, gerade einmal zwei Clubs schafften es ins Halbfinale (Frankfurt und der HSV), ansonsten ist meistens schon lange Schluss, bevor es überhaupt spannend werden kann.

Das kann man jetzt immer noch achselzuckend abtun, und sicherlich lässt sich viel gegen diesen aufgeblähten Wettbewerb sagen. Doch eines lässt sich nicht wegdiskutieren: Das Abschneiden der deutschen Clubs auf europäischer Ebene im Schatten der Erfolge des übermächtigen FC Bayern und mit sehr großen Abstrichen des BVB zeigt auf, wie schwach die Bundesliga längst geworden ist - und das, trotz selbst in Corona-Zeiten großer Öffentlichkeit rätselhafterweise nahezu unbemerkt. 

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"Sie waren besser als wir"

Die Young Boys Bern, Meister der als zweitklassig geltenden Schweizer Super League, und Molde FK aus der bestenfalls drittklassigen norwegischen Eliteserie wurden aus schierer Gewohnheit als "machbare" Gegner für Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim angesehen. Und dann mussten die beiden Clubs am Donnerstagabend einmal mehr erleben, dass für deutsche Clubs selbst in diesem "Loser-Cup" sehr wenig noch "machbar" ist. Erst fingen sie sich in wilden Hinspielen einen Haufen Tore ein, dann ließen sie sich in den Rückspielen von wenigstens bundesligatauglichen Schweizern und aufopferungsvollen Norwegern auskontern (jeweils 0:2). Da war kein Pech im Spiel. "Sie waren besser als wir", gab Leverkusen-Coach Peter Bosz immerhin zu, während Hoffenheims Trainer Sebastian Hoeneß immer noch keine Blamage erkennen wollte. Dem kann man nur zustimmen, wenn man sich entsprechend einreihen will: in die Zweitklassigkeit.

Und wer nun mit der klassischen Argumentation kommt, es gebe keine "Kleinen" mehr, der sei gefragt, warum es denn viele schaffen, sich weiter zu entwickeln, während das Gros der Bundesligisten sich hat einholen lassen? Anders gefragt: Ist es in der der Bundesliga wirklich nicht möglich, einen FC Sevilla, einen FC Valencia oder Clubs wie Olympique Lyon oder Atalanta Bergamo zu entwickeln, die auf europäischer Ebene immer wieder nennenswert auf sich aufmerksam machen können? Von einer beständigen "dritten Kraft" à la Atlético Madrid will man gar nicht reden. (Die aktuelle Meisterchance von RB Leipzig ist wesentlich auf eine Bayern-Schwäche zurückzuführen, und der BVB schwächelt prompt.)

Bundesliga: Gut, dass die Uefa Strukturen zementiert

In der Champions League sieht es übrigens nicht viel besser aus. Auch wenn Manchester City derzeit ein übermächtiger Gegner ist, war der Aufritt der Gladbacher Borussia am vergangenen Mittwoch doch allzu bieder und ängstlich. Dass ein deutsches Spitzenteam einem englischen Spitzenteam so wenig entgegenzusetzen hat, kann kein gutes Zeichen für die Bundesliga sein. Und selbst das im Aufwind befindliche RB Leipzig war vergangene Woche nicht gewieft genug, die Krise des FC Liverpool auszunutzen.

Die Bundesliga kann von Glück sagen, dass die Uefa ein typischer Fußballverband ist, der bestehende Strukturen gerne festigt. Dank des kürzlich zementierten vierten Champions-League-Platzes für die "vier großen Ligen" (Spanien, England, Italien und Deutschland) behält sie schon allein durch die Anzahl der Starter in der Königsklasse einen kaum aufzuholenden Vorteil vor der französischen und portugiesischen Liga, die versuchen nachzurücken.

Ob die Conference League "machbar" ist?

Verdient hat sich die Liga das nicht, jedenfalls nicht "aufm Platz", wo es nach alter Fußballweisheit "entscheidend ist". Und wehe, der FC Bayern kann irgendwann seine Klasse nicht mehr halten. Nur gut, dass es ab der kommenden Saison einen dritten europäischen Wettbewerb geben soll, die Uefa Conference League - ein Ungetüm mit kompliziertestem Qualifikationsmodus, mit dem die "großen Ligen" aber wohl wenig bis nichts zu tun haben. Vielleicht kann die Bundesliga ja auf dieser Ebene dann mal ein Titelchen einheimsen - natürlich nur, sofern es "machbar" ist.


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