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Champions League: Achtelfinale - Basel, Bayern, Marseille und Inter in der Vorschau

Noch in der letzten Woche waren sich unsere Redakteure einig: Der FC Basel scheidet gegen Bayern aus. Doch nach dem 0:0 in Freiburg wird das Krisengerede in München lauter, Nervosität macht sich breit bei den sonst so selbstbewussten Roten. Wir benennen die Probleme der Bayern und loten die Basler Chancen aus.

Direkt nach der Auslosung des Achtelfinales der Champions League waren sich alle Experten einig: Der FC Bayern hat ein wahres Glückslos gezogen. Der andere FCB aus Basel hatte in der Gruppenphase zwar Manchester United hinter sich gelassen, doch das war entweder eine Eintagsfliege oder lag an der fehlenden Ernsthaftigkeit der Red Devils.

Noch in der vergangenen Woche machten unsere Redakteure keinen Hehl aus der fehlenden Perspektive der Schweizer. Doch dann kam der leblose Auftritt der Bayern beim 0:0 in Freiburg und es bröckelte auf beiden Seiten. Plötzlich wird Basel doch eine kleine Chance gegen – vor allem auswärts – harmlose Bayern eingeräumt und in München wird die Nervosität spürbar.

Wir sagen vor den beiden letzten Hinspielen im Achtelfinale der Champions League, woran es bei den Bayern hapert und ob tatsächlich eine Überraschung in der Luft liegt.

FC Basel – FC Bayern

In Basel ist die Aufregung spürbar vor dem Spiel des Jahres, ach was soll die Untertreibung, vor dem Spiel des Jahrzehnts. Noch nie hat es eine Schweizer Mannschaft ins Achtelfinale der Champions League geschafft und weil die Basler gegen das große Manchester United auswärts ein 3:3 schafften und im heimischen St.-Jakob-Park sogar 2:1 gewannen, ist der Glaube an ein Wunder tatsächlich vorhanden.

"Wir haben Respekt, aber keine Angst", sagte beispielsweise Rechtsverteidiger Markus Steinhöfer laut 20min.ch. "Wenn man gegen Benfica und gegen Manchester auswärts zweimal Remis spielt und einmal gewinnt, ist das für mich kein Wunder mehr. Und wenn, dann ein kleines, weil keiner mit einem Sieg gegen Manchester gerechnet hat. So gesehen haben wir das Wunder noch zugut."

Dieses Selbstbewusstsein wird in München womöglich zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht, zu sehr ist der große FCB mit sich selbst beschäftigt:

Manager Christian Nerlinger macht den BVB schon zum Meisterschaftsfavoriten. Boss Karl-Heinz Rummenigge macht erst die Schiedsrichter für die Krise verantwortlich, um dann die Dortmunder Ambitionen in der Champions League zu kritisieren. Das obligatorische Pressegespräch musste am Montag einer Krisensitzung weichen und was am ehesten als Signal gewertet werden muss: Uli Hoeneß übt sich in Schweigen.

Während Rummenigge im kicker-Interview "Verbissenheit und die Charaktereigenschaft, dass die Mannschaft bereit ist, sich zu quälen" einforderte, äußerte Kapitän Philipp Lahm nach dem Spiel in Freiburg auch Zweifel an der "nötigen Spielanlage". Die Stimmung ist gefährlich und kann in beide Richtungen ausschlagen. Von "mia san mia" kann jedenfalls im Moment keine Rede sein.

Die Taktik

Die Probleme der Bayern im Jahre 2012 – auswärts in der Bundesliga holte der erfolgsverwöhnte Titelfavorit nur zwei von neun möglichen Punkten – liegt nicht in der Taktik von Trainer Jupp Heynckes begründet. Das 4-2-3-1 passt perfekt zum Spielermaterial im Kader der Bayern. Es mangelt eher an der Interpretation innerhalb des Systems, und da spielen verschiedene Punkte eine Rolle.

Auch wenn das kein Trainer der Welt gerne hat, die Bayern sind zu abhängig von Bastian Schweinsteiger. Der Sechser fehlt als Umschaltspieler, als Zweikämpfer, als Organisator, als Torschütze und vor allem als Leader.

Der Ausfall Schweinsteigers ist aber nur so deutlich spürbar, weil die Bayern trotz der großen individuellen Klasse zu leicht auszurechnen sind. Die Gegner haben den Bayern-Code geknackt, und Heynckes schafft es im Moment nicht, einen neuen einzustellen. Eine defensiv gut organisierte Grundordnung mit phasenweiser Dopplung von Schlüsselspielern und schnelles Umschalten auf Konter reicht derzeit schon aus, um die Bayern in Verlegenheit zu bringen.

Denn wie schon unter Louis van Gaal wirkt das Spiel zu unbeweglich, es finden keine Tempowechsel, keine schnellen Kombinationen, keine Doppelpässe und auch keine überraschenden Bewegungen statt. Derzeit sind die Bayern ausrechenbar, Heynckes muss nun unter Beweis stellen, dass er eine Mannschaft auch weiterentwickeln kann.

Ein weiteres Problem ist die fehlende Stammformation im Mittelfeld. Dadurch verbreitet Arjen Robben von der Bank aus schlechte Stimmung, der flexible Thomas Müller findet als Zehner seine Form nicht, dort wäre Toni Kroos definitiv besser aufgehoben. Die Qualität im Kader wird somit zum Problem. Heynckes sollte einen seiner Topspieler dauerhaft auf die Bank setzen, die Entscheidung muss zwischen Müller und Robben fallen.

Basel mit dem Fink-Nachfolger Heiko Vogel als Trainer wird dem mit einem 4-4-2 begegnen, wo offensiv viel über die Außen laufen soll. Hier werden Lahm und Rafinha gefordert sein. Die Abwehr der Schweizer ist aber nicht immer sattelfest, das zeigen die zehn Gegentore in der Vorrunde der Champions League, aber auch beim 2:2 in der Generalprobe gegen die Young Boys aus Bern wirkte die Viererkette anfällig. Ein wichtiges Werkzeug werden für die Bayern Standardsituationen sein, im defensiven Kopfballspiel ist Basel nicht immer auf der Höhe.

Das Personal

Neben Schweinsteiger fällt bei den Bayern mit Daniel van Buyten ein weiterer Spieler aus, der potentiell in der Startelf stehen würde. Doch das ist keine Schwächung, denn Jerome Boateng macht seine Sache auf seiner Lieblingsposition in der Mitte sehr gut. Rafinha allerdings muss sich steigern, sowohl defensiv als auch offensiv, wo er Robben unterstützen muss.

Auch die Basler werden nahezu in Bestbesetzung auflaufen, einzig Gilles Yapi musste wegen muskulärer Probleme kürzer treten. Vogel muss sich zudem entscheiden, ob er den im letzten Ligaspiel gegen YB als Joker überzeugenden Valentin Stocker in die Startelf nimmt, oder es bei Fabian Frei im linken Mittelfeld belässt. Die Tendenz geht zu Stocker. Aufpassen müssen zudem Alexander Frei, Marco Streller, Benjamin Huggel und der vom Hamburger SV umworbene Granit Xhaka – diesem Quartett droht bei einer weiteren Gelben Karte eine Sperre für das Rückspiel in München.

Historisches

Die Erinnerung ist noch frisch, in der Vorrunde der Champions League 2010/11 siegten die Bayern in beiden Partien gegen Basel, nach dem glücklichen 2:1 in der Schweiz gab es einen deutlichen 3:0-Erfolg in München. Fast 50 Jahre früher gab es das Duell aber schon mal, in der ersten Runde des Messepokals hieß der Sieger ebenfalls Bayern München.

Durch zwei Tore von Dieter Brenninger und einem weiteren von Jakob Drescher gewannen die Bayern 3:0 in Basel – daraufhin entschied sich der kleine FCB im Rückspiel gar nicht erst anzutreten. Wir wissen zwar nicht, wie die kommenden Spiele ausgehen, das können wir aber ausschließen.

Am Rande

Es wird ein Treffen einiger alter, aber auch neuer Bekannter. Steinhöfer spielte in der Jugend des FC Bayern, Alex Frei traf in seiner Zeit in Dortmund zwei Mal gegen die Bayern, Marco Streller spielte in Stuttgart mit Gomez und Lahm zusammen und auch Huggel kennt die Bundesliga aus seiner Zeit in Frankfurt gut.

Sogar neun Jahre in München war Heiko Vogel, als Jugendcoach lernte er das Trainerdasein dort von ganz unten. Dabei arbeitete er auch mit Lahm, Thomas Müller oder Holger Badstuber zusammen. "Kicken kann er", erzählte Lahm und ergänzte augenzwinkernd: "Aber ich glaub', durch uns hat er erst so richtig Fußballspielen gelernt."

Ab der kommenden Saison wird Xherdan Shaqiri für die Bayern auflaufen, der Transfer wurde vor einigen Tagen unter Dach und Fach gebracht. Und Shaqiri hat im Basler Erfolgsfall schon mal vorgebaut, laut Bild-Zeitung soll er Heynckes gefragt haben, ob er böse wäre, "wenn ich im Achtelfinale ein Tor gegen Bayern schieße". "Gegen dich fällt mir schon etwas ein", soll die Antwort des Trainers gelautet haben.

Die Prognose

Am Einzug ins Viertelfinale gibt es weiterhin keine Zweifel, dafür reicht schon die Tatsache, das Rückspiel in der Allianz-Arena austragen zu dürfen. Trotzdem wird das Spiel in Basel entscheidend für den weiteren Saisonverlauf sein. So wie vor zwei Jahren, als der 4:1-Sieg der Bayern bei Juventus Turin der Startschuss für eine großartige Rückrunde, das Double und den Einzug ins Finale der Champions League war.

Zeigen die Bayern aber den nächsten uninspirierten Auftritt, wird das Auswirkungen auf alle Wettbewerbe haben – der Traum vom Finale im eigenen Stadion wird so nicht zu erfüllen sein.

Olympique Marseille – Inter Mailand

Wenn in München schon schlechte Stimmung herrscht, wie soll das dann in Mailand aussehen? Inter spielt nach Meinung der italienischen Presse um den Job von Trainer Claudio Ranieri. Nach einer zwischenzeitlichen Aufholjagd präsentieren sich die Nerazzurri wie zu Beginn der Saison, zehn Saisonniederlagen bedeuten den schlechtesten Wert seit 65 Jahren.

Marseille tritt dagegen mit viel Selbstbewusstsein an, nach dem schlechten Saisonstart bekam das Team von Trainer Didier Deschamps rechtzeitig die Kurve. Elf Siege und drei Unentschieden aus den letzten 14 Pflichtspielen feierte OM zuletzt, in der Champions League taten sich die Franzosen im heimischen Stade Velodrome bei den Niederlagen gegen Arsenal und Piräus aber schwer.

Das Personal

Marseille muss ohne Topstürmer Loic Remy auskommen, er fällt mit einer Oberschenkelverletzung aus. Bei Inter hat sich die Personallage dagegen entspannt, Walter Samuel, Wesley Sneijder, Maicon und Diego Milito kehren gegen OM in den Kader zurück. Beim zuletzt erkälteten Milito wird es zwar nicht für die Startelf reichen, Ranieri hat aber trotzdem mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Generalproben

Die letzten Inter-Wochen waren grausam, die Tifosi erlebten viele schlimme Niederlagen. Die 0:1-Heimpleite gegen Schlusslicht Novara galt schon als Tiefpunkt, doch das folgende Spiel im San Siro wurde zur Katastrophe, 0:3 verlor Inter gegen Bologna. Marseille ist dagegen im Jahr 2012 in der Ligue 1 noch ungeschlagen, das 1:1 gegen Valenciennes war trotzdem ein Rückschritt im Kampf um die erneute Qualifikation zur Champions League.

Die Prognose

Von den Namen im Kader gilt Inter als Favorit, aber hier liegt eine Sensation in der Luft. Kann Olympique das Hinspiel gewinnen, zieht Marseille ins Viertelfinale ein und besiegelt wohl das Schicksal von Ranieri.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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