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EM-Fernsehkritik, Tag 10: Kuscheln mit der Kanzlerin

Reichlich staatstragend berichtete die ARD vom Spiel Deutschland gegen Österreich und hievte Tribünengast Angela Merkel immer wieder ins Bild. Als mindestens ebenso großer Chancentod wie Mario Gomez erwies sich Live-Kommentator Tom Bartels.

Von Björn Erichsen

Ja ist denn jetzt schon wieder Wahlkampf? Beim Spiel Deutschland gegen Österreich drängte sich diese Frage unweigerlich auf. Mit ihrem halben Kabinett hatte sich Kanzlerin Angela Merkel auf den Weg nach Wien gemacht, um dem entscheidenden Spiel in der Gruppe B beizuwohnen. Zum Dank wurde sie ein gutes Dutzend Mal ins Bild gehoben, adrett gekleidet im fidelen Oranje-Blazer. Mal beim Bussi- Bussi mit DFB-Chef Theo Zwanziger. Dann wieder beim Jubeln über das Führungstor. Und natürlich beim tröstenden Klaps für den Bundestrainer nach dessen Platzverweis. Volk und Kanzlerin Seit an Seit in der Fußballschlacht wie dereinst beim Sommermärchen. Und selbst das enthielten uns die Kameras nicht vor: Angela Merkel, wie sie auf der Tribüne des Wiener Ernst-Happel-Stadions eine SMS empfängt. Höhepunkt der Merkel-Festspiele in der ARD war allerdings das Interview der Kanzlerin mit Reinhold Beckmann kurz nach Spielschluss. In gerade einmal zwei Minuten erteilte sie dem Fernseh-Oberkuschler eine Lektion in Sachen aktiver Gesprächsführung. "Ja, natürlich bin ich erleichtert. Ende gut alles gut", antwortete sie knapp auf Beckmanns Frage, ob sie glücklich sei, dass Deutschland nun im Viertelfinale stehe. Genauso bündig, als er sie auf ihren Tipp (2:1) ansprach: "Die Differenz hat gestimmt." Beckmann war sichtlich verwirrt, ob der kurzen Sätze und kam ins Schwimmen.

Das ist nachvollziehbar. Interviews nach Spielschluss haben anders abzulaufen: Der Reporter stellt eine belanglose Frage, die der noch ausgepumpte Spieler mit dem beantwortet, was ihm gerade in den Sinn kommt, ohne sich dabei von der Fragestellung irritieren zu lassen. Dieses "Tu-mal-so-als-ob-du-antwortest"-Spielchen ist ein bewährtes, Jahrzehnte altes Konzept in der Sportberichterstattung. Es profitieren alle davon: Der Reporter, da er sich keine schwierigen Fragen ausdenken muss. Der Fußballprofi, weil er keine schwierigen Fragen beantworten muss und gleich zum Duschen kann. Und der Zuschauer weiß, dass er nun in Ruhe aufs Klo gehen oder sich das nächste Bier aufmachen kann.

Die Kanzlerin aber, aus Berlin härtere Bandagen gewohnt, konnte sich ab der fünften seichten Beckmann-Frage das Augenrollen nicht mehr verkneifen. Sie schien unter Zeitdruck zu sein und schaute sichtlich genervt drein. Nein, oh Wunder, sie wollte die Schiedsrichterleistung nicht kommentieren, und was sie mit Jogi Löw auf der Tribüne besprochen hatte, erfuhr Beckmann auch nicht. "Sehr diplomatisch, die Kanzlerin", kommentierte ARD-Moderator Gerhard Delling süffisant lächelnd die verbale Hinrichtung seines Kollegen. Und Beckmann flüchtete sich lieber schnell in einen säuseligen Plausch mit Franz Beckenbauer. Der Kaiser kennt immerhin die ungeschriebenen Fußballregeln.

Chancentod Bartels

Der zweite Chancentod neben Mario Gomez am gestrigen Abend war Kommentator Tom Bartels. In einem höhepunktarmen Spiel kam der Platzverweis der beiden Trainer einer Steilvorlage gleich, um endlich mal was Mitreißendes von sich zu geben. Oder eine Meinung. Doch Bartels entschied sich dafür, die Szene wie ein x-beliebiges Mittelfeldgeplänkel zu kommentieren. Mit sonorer Stimme spekulierte er, ob Oliver Bierhoff nun auf der Bank Platz nehmen würde oder erinnerte, just in dem Moment, als Löw wutschnaubend die Tribünentreppen empor stapfte, an eine der letzten DFB-Pressekonferenzen. Die dort geforderten "Ruhe und Contenance" habe Löw vermissen lassen. Es war das härteste Urteil, dass er sich über Löws Ausraster zutraute.

Nun ist Bartels sicher der beste Kommentator, den die ARD derzeit aufzubieten hat. Er begleitet ein Spiel unaufgeregt und sachlich, sein Fachwissen bringt er an, ohne damit zu nerven - im Vergleich zu EM-Kollegen Steffen Simon ist er eine Lichtgestalt. Nur in den emotionalen Momenten hapert es: "Ein prächtiger, ein Wahnsinnsschuss. So muss dass sein von einem Kapitän. Und das auf die deutsche Kurve" war fast schon alles, was er sich an Begeisterung beim deutschen Siegtor abringen konnte. Einzig bei der vergebenen Großchance von Gomez kam er in Wallung. Jedoch musste man da eher Schmunzeln, weil ihm bei seinem "Nein! Das ist unfassbar!" die Stimme derart nach oben wegkiekste, dass sogar die örtlichen Sängerknaben hellhörig geworden sein dürften.

Um den Platzverweis der beiden Trainer richtig einzuordnen, fanden andere ARD-Experten jedenfalls stärkere Worte als Bartels. "Da kann nicht Derartiges passiert sein, dass beide auf die Tribüne müssen", sagte etwa Günter Netzer in der Halbzeit. "Ich bin absolut dagegen, dass sich die Schiedsrichter zur Hauptperson eines so wichtigen Spiels machen." Das sah auch Finanzminister Peer Steinbrück etwas später in "Waldis EM-Club" so: "Der Schiedsrichter hat sich da sehr wichtig gemacht."

Kanzlerin spricht schon vom Halbfinale

Ansonsten waren sich alle mit der Analyse einig: Verdienter Sieg, durchwachsenes Spiel, viele Schwächen. Nur beim Interview von Monica Lierhaus mit dem Bundestrainer blieben Fragen offen. Drei um genau zu sein: 1. Wann fängt sie an, ihn zu duzen, wenn sie ihn doch schon Joachim nennt? 2. Was hat Jogi Löw mit der Kanzlerin gesprochen? Und 3. Warum war Deutschland gegen Kroatien so schlecht? Löw sagt, er kenne den Grund: "Es ist ein sportlicher - doch ich möchte den gerne jetzt nicht unbedingt nennen." Mehr konnte ihm auch Lierhaus mit all ihrem Charme nicht entlocken. Obligatorisch der Handschlag am Schluss: "Gratulation Joachim Löw - ganz Deutschland atmet auf."

Doch keine Zeit zum Durchatmen: Schaut man sich an, wie die Österreicher in der Vorberichterstattung zur Übermannschaft hochgejazzt wurden, lässt sich erahnen, was dem Zuschauer in den nächsten Tagen an Schauergeschichten über Ronaldo und Co. erwartet vor dem Viertelfinalspiel gegen Portugal am Donnerstag, wieder in der ARD. Die Kanzlerin wird nicht dabei sein können, sie weilt beim Rat der Europäischen Union. "Aber ich denke, ich gehe mit dem portugiesischen Ministerpräsidenten mal kurz um die Ecke und guck ein bisschen fern", ließ sie Beckmann im Interview dann doch noch wissen. Aber zum Halbfinale ist sie gern wieder dabei. Natürlich.

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