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EM 2012: EM-Favoriten - Frankreich gegen den Fluch der Vorrunde

Der französische Fan ist Leid gewohnt. Immer, wenn ein großes Turnier ansteht, wird die Équipe Tricolore mit guten Chancen bedacht, den Titel gewinnen zu können. Die EM 2008 sowie die WM 2010 endete jedoch desaströs - die Mannschaft wurde Gruppenletzter. In diesem Jahr gelten die Franzosen erneut als Geheimfavorit.

Nur ungern erinnert man sich in Frankreich an die letzten beiden Großereignisse. Unter der Leitung von Raymond Domenech, der unlängst verkündete: "Das Spiel gegen England sollte sehr leicht werden, denn sie haben keine Qualität. Dann dürfen wir nur nicht gegen die Ukraine verlieren und hätten die Gruppe so geschafft", schied die Équipe Tricolore jeweils in der Vorrunde aus.

2008 reichte es in der Gruppe mit Italien, den Niederlanden und Rumänien nur zu einem Punkt und einem Tor. 2010 wiederholte sich das Szenario, diesmal mit den Gruppengegnern Mexico, Südafrika und Uruguay. Zudem verweigerte das Team das Training, nachdem Domenech Nicolas Anelka suspendiert hatte – ein riesen Skandal.

Auch in diesem Jahr gilt Frankreich wieder als Geheimfavorit. Ob der Titel drin ist oder es erneut ein Debakel geben wird? Wir nennen für beide Szenarien jeweils drei entscheidende Faktoren.

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Die Abwehr

Die Franzosen qualifizierten sich als Gruppensieger vor Bosnien und Herzegowina für die EM in Polen und der Ukraine. In zehn Spielen gab es lediglich vier Gegentore für die Mannschaft von Laurent Blanc, der dabei direkt das erste Spiel gegen Weißrussland mit 0:1 verlor. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte man kaum eine wirkliche Aussage über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft treffen – die sich permanent steigerte. In den letzten 20 Spielen kassierten die Franzosen zudem nur einmal mehr als ein Gegentor – beim Test gegen Island. Mit Adil Rami hat Blanc zudem einen internationalen Top-Verteidiger in seinen Reihen.

Die Serie

Seit 21 Spielen sind die Franzosen inklusive des 4:0 über Estland ungeschlagen, wie gerade angesprochen, verloren sie zuletzt das erste Spiel in der Qualifikation zur EM. Danach wuchs das Team zusammen, mit Blanc gibt es zudem einen Trainer, der nicht wie Domenech als alleiniger Diktator auftritt. Und es gab nicht nur Fallobst zu besiegen. So feierte les Bleus Siege gegen Brasilien (1:0), England (2:1) und auch Deutschland (2:1). Gruppengegner und Gastgeber Ukraine wurde sogar eine 4:1-Klatsche mitgegeben.

Die Erwartungshaltung

Eigentlich ist es wieder einmal nur Domenech, der sich weit aus dem Fenster lehnt: "Das Halbfinale sollte schon das Ziel sein", erklärte er. Doch nach den schwachen Ergebnissen der EM 2008 und der WM 2010 werden ansonsten kleine Brötchen gebacken. "Ich erinnere daran, dass Frankreich es bei den letzten beiden internationalen Wettbewerben nicht aus der ersten Runde geschafft hat. Das ist die Realität", so Blanc, der erst einmal das Viertelfinale als Ziel ausgegeben hat. Zwar gelten die Franzosen als Geheimfavorit, dennoch haben sie den Vorteil, als Underdog und ohne großen Druck auflaufen zu können.

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Der Umbruch

Laurent Blanc hat einen kompletten Umbruch gewagt und in seiner Amtszeit gleich zwölf neue Spieler integriert. Thierry Henry, Djibril Cissé, Nicolas Anelka, William Gallas, Jeremy Toulalan und Sidney Govou sind nicht mehr dabei, dafür Talente wie Mamadou Sakho, Yann M´Vila oder auch Marvin Martin. Bisher läuft es gut, die Franzosen spielen einen attraktiven und erfolgreichen Ball. "Sie haben Fortschritte gemacht", so Michel Platini auf dnn-online.de, sagte aber auch: "Wir haben Deutschland geschlagen, aber das schaffen wir immer nur in Freundschaftsspielen." Ob das Team nach dem Umbruch auch im Wettbewerb funktioniert, muss sich zeigen.

Die Stürmer

Bei großen Turnieren haben die Franzosen oft ein Problem mit ihren Stürmern. Wie schon kurz angesprochen, gelang dem Team bei den letzten beiden großen Turnieren jeweils nur ein Treffer. Gerade die Angreifer aus der heimischen Ligue 1 versagen regelmäßig, wenn es um den internationalen Vergleich geht. 2004 waren es Djibril Cissé und Christophe Dugarry, die ohne Tor blieben. 2006 erwiesen sich Sidney Govou sowie Sylvain Wiltord als ungefährlich. Diese Liste ist beliebig fortführbar und in diesem Jahr muss sich Olivier Giroud hinter Karim Benzema beweisen, der für HSC Montpellier 21 Treffer in 36 Spielen erzielte. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Der Trainer und das Umfeld

Laurent Blanc hat die Mannschaft übernommen, als sie am Boden lag. Der Umbruch war radikal, die Ergebnisse sprechen ansonsten für sich. Die Qualifikation verlief nicht überragend und rief so die Kritiker auf den Plan. Platini erklärte, es tummele sich zu viel Mittelmaß im Kader. Verbands-Präsident Noël Le Graët monierte laut der FAZ, das zu hohe Gehalt, den zu kostspieligen Trainerstab, die zu zwielichtigen Berater, die zu schlechten Resultate und die Eigensinnigkeit des Trainers. Für Blanc ist es das erste große Turnier und er muss bei viel Störfeuer zusehen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren - die Mannschaft muss eine Einheit werden. Ein schwieriges Unterfangen.

Der Schlüsselspieler

Franck Ribery wäre hier eine schlüssige Lösung, denn der Bayern-Akteur bekommt auch von Blanc viele Freiheiten auf der linken Seite und soll dort seine Schnelligkeit und die Stärke im Dribbling einsetzen. Dennoch besticht die Equipe Tricolore gerade unter dem neuen Coach durch ihre Stärke als Team. Ergo ist es das Kollektiv, das bei den Franzosen enorm wichtig ist.

Das Spielsystem sieht ein laufintensives Spiel vor, in dem kein Platz für eine alles dominierende Figur ist. Kein Spieler ist unersetzbar und das könnte auch die große Stärke der Franzosen sein. Es wird wichtig sein, dass Blanc aus Individualisten ein Team formt. Denn gelingt ihm das nicht, droht bei Gegnern wie England, Schweden und der Ukraine erneut das Aus in der Vorrunde.

So ist die Stimmung im Land

Interessanterweise haben die schwachen Auftritte der letzten Jahre dazu geführt, dass die Fans im eigenen Land gelassener geworden sind und auf hohe Ansprüche verzichten. Selbst als das Team gegen Island nach 34 Minuten mit 0:2 zurücklag, blieben die Pfiffe aus. Zudem glaubt jeder zehnte Fan nur an ein Ausscheiden in der Vorrunde. Ein Viertel der Befragten sieht das eigene Team im Halbfinale, 14 Prozent halten den Titel für realistisch. "Dieses Vertrauen, trotz der umständlichen Qualifikation, ist ermutigend", sagte Blanc.

Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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