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EM 2012: Taktikanalyse - Deutschland - Niederlande 2 -1

Mario Gomez, Held von Kharkiv: Wer wollte dem widersprechen? In unserer Analyse geht es aber nicht um die Frage, was Mehmet Scholl eigentlich beruflich macht, sondern um die taktischen Gründe für den Sieg im Klassiker, die deutschen Titelchancen (einmal mehr, aber wo wir gerade dabei sind) und einen Vergleich mit Italien.

Mit einer ökonomischen, aber vollauf überzeugenden Vorstellung hat Deutschland den Klassiker gegen die Niederlande gewonnen und seinen Status als Mitfavorit auf den Titelgewinn klar bestätigt. Als einziger der großen EM-Teilnehmer hat die DFB-Elf nach zwei Spielen sechs Punkte gesammelt.

Alle Pflichtspiele seit dem Halbfinalaus gegen Spanien vor zwei Jahren bei der WM hat Deutschland jetzt gewonnen - eine Statistik, die um so beeindruckender ist, wenn man bedenkt, dass nur vier von zwölf Testspielen in diesem Zeitraum gewonnen wurden. Die Effizienz ist also unbestreitbar, aber wie wir schon nach dem 1:0 gegen Portugal geschrieben haben, ist das nicht mit der Effizienz alter, rumpeliger Tage zu verwechseln.

Es war der vierte Pflichtspielsieg über die Elftal in der deutschen Länderspielgeschichte. Nach den ersten drei wurde jeweils ein internationaler Titel gewonnen: bei der WM 1974 durch das 2:1 im Endspiel, bei der EM 1980 nach dem 3:2 in der Vorrunde und bei der WM 1990 nach dem 2:1 im Achtelfinale. Das macht den historischen Status des Erfolgs von Kharkiv ebenso deutlich wie die Tatsache, dass die Niederlande noch nie in ihrer Turniergeschichte zur Pause mit zwei Toren zurückgelegen hatten.

Die Gründe für das Ergebnis lagen wohl zu gleichen Teilen in dem begründet, was die Deutschen richtig und dem, was Oranje falsch machte - und natürlich in den Wechselbeziehungen von beidem. Sehen wir uns einzelne Aspekte des Klassikers genauer an.

1) Taktische Disziplin 2012

Unbestreitbar waren die Tore von Mario Gomez spielentscheidend, und das gilt auch für die beiden Vorlagen von Bastian Schweinsteiger. Aber der Unterschied zwischen den beiden nominell gleich starken Teams bestand keineswegs nur in diesen beiden Szenen. Deutschland war schlicht und einfach die bessere Mannschaft, und zwar nicht wegen der individuellen Klasse ihrer Spieler, sondern wegen der richtigen taktischen Einstellung.

Die deutsche Viererkette schob vor allem vor der Pause sehr hoch an die Mittellinie, und obwohl die Niederländer zunächst wesentlich mehr Ballbesitz hatten, boten sich ihnen kaum Räume zum Spielaufbau. Die theoretisch beste Chance wären hohe Bälle über die deutsche Abwehr hinweg gewesen, und das hätte in der Anfangsphase einmal fast geklappt, als Robin van Persie Mats Hummels entwischt war, den Ball dann aber frei vor Manuel Neuer nicht unter Kontrolle bringen konnte.

Meistens aber hatte die deutsche Aufstellung Erfolg, auch, weil die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld stets eingehalten wurden und acht bis neun Feldspieler gegen den Ball arbeiteten. Dazu war die Aufgabenverteilung zwischen den beiden deutschen Innenverteidigern klar: Hummels der Proaktivere, der den Ball attackierte und nach Gewinn desselben das Spiel eröffnete, während Badstuber absicherte. Die Außenverteidiger wurden bei Bedarf von Thomas Müller und Lukas Podolski unterstützt, so dass sich im ganzen Spiel kaum ein niederländischer Angriff über die Flanken entwickeln konnte.

Klingt banal? Mag sein, dass in der Theorie heute so Fußball gespielt werden sollte, aber während Deutschland wie eine reifere Version von Borussia Dortmund wirkte (was ob der Tatsache, dass nur ein BVB-Profi, aber sieben Bayern-Spieler starteten, einige Fragen aufwirft, nicht zuletzt an Jupp Heynckes), fehlte es bei der Elftal vor allem vor der Pause in eklatanter Weise an der Abstimmung aufeinander.

2) Die Akte Jetro Willems

Dieser Vorwurf ist noch zum geringsten Teil der Viererkette zu machen, dem nominell schwächsten Mannschaftsteil. Denn hier machte eigentlich nur der junge Jetro Willems ein schwächeres Spiel, was aber von Mesut Özils Tendenz, nach rechts zu rücken, erzwungen wurde. Diese Seite der Elftal-Abwehr wurde so von Deutschland überladen, wie man so sagt, und Willems stand bei beiden Gegentoren nicht auf seiner angestammten Position.

Beim ersten war er schräg nach vorne zur Seitenauslinie geeilt, um Müller zu stellen, beim zweiten verlor er ein Kopfballduell gegen Müller und Joris Mathijsen musste mit Gomez nach außen eilen, Willems ordnete sich als Innenverteidiger ein, der dann Gomez nicht am Abschluss hindern konnte.

Die Laufwege der deutschen Offensivspieler über die rechte Seite waren so offensichtlich der Kern des Spielplans, dass man Joachim Löw hier nur gratulieren kann. Den jüngsten Niederländer als Schwachstelle zu erkennen, war eine Sache, aber dass die entsprechenden Verschiebungen zwei Tore ermöglichten, war auch dem mangelhaften Defensivverhalten der vier Offensivspieler der Elftal geschuldet.

3) Defensive beginnt in der Offensive, Mijnheer Sneijder

Richtiges Pressing spielten die Niederländer in Kharkiv fast nie, und wenn, dann eher als voneinander unabhängige Terrorzellen, aber nicht als terroristische Vereinigung. Vor allem gingen die vier Offensivspieler der Elftal gemächlichen Fußes umher, wenn der Ball durch sie hindurchgespielt worden war. Das ergab riesige Räume im Mittelfeld, die noch dadurch vergrößert wurden, dass Özil Nigel de Jong gerne nach außen zog. So hatte Schweinsteiger zweimal viel Platz im Rücken von Mark van Bommel, der wiederum Sami Khedira gefolgt war.

In beiden Fällen bereitete Schweinsteiger ein Tor von Gomez vor. So gut Wesley Sneijder passte (kein EM-Spieler bereitete bisher mehr Torschüsse in diesem Turnier vor), so fatal war sein Positionsspiel ohne Ball. Anstatt Hummels bei seiner Spieleröffnung anzulaufen, bewegte er sich mal quer, mal auf den Verteidiger zu, das aber selten im Verbund mit seinen Co-Angreifern. Anstatt die Räume zuzumachen, wenn Schweinsteiger wie oben beschrieben startete, blieb er vorne und hoffte auf Konter. So sah die Formation der Elftal über weite Strecken wie ein 4-2-4 aus: Gift gegen ein lauf- und spielstarkes Mittelfeld im 4-2-3-1.

Und direkte Ursache dafür, dass in den beiden letztlich spielentscheidenden Situationen die Unterzahl im zentralen Mittelfeld zwei Gegentore verschuldete. Macht man diesen Fehler gleich zweimal gegen einen Gegner dieses Niveaus, so kann man ein Spiel eigentlich nicht mehr gewinnen. Was also konnte Bert van Marwijk noch tun?

4) Die Personalie Rafael van der Vaart

Zur Pause brachte der Bondscoach mit Klaas-Jan Huntelaar einen neuen Stürmer, Robin van Persie rückte mal auf die linke, mal auf die rechte Außenbahn, im Wechsel mit Arjen Robben. Sein Tor erzielte der Arsenal-Stürmer dann aus zentraler Position, nachdem Sneijder nach links gewechselt war. Für den vom Tempo des deutschen Spiels und die großen Abstände zwischen der Viererkette hinter ihm und den Offensivspielern vor ihm überforderten Kapitän Mark van Bommel kam zudem Rafael van der Vaart als zweiter, offensiverer Sechser.

Der Spurs-Spieler offenbarte im Defensivspiel einige Mängel, schaffte es aber wesentlich besser als Van Bommel, bei niederländischen Ballgewinnen selbst von hinten heraus das Spiel zu gestalten. Einen Spielmacher von hinten heraus brauchte die Elftal, da Sneijder aus seiner isolierten Position heraus zu leicht zu kontrollieren war.

Der Umstand, dass die Niederlande die zweite Halbzeit virtuell mit 1:0 gewannen, könnte zu dem Schluss verleiten, Van Marwijk hätte von Beginn an "mutiger" spielen sollen. Doch wie Michel Massing in seiner Vorschau schon zu Recht anmerkte, wäre es viel zu riskant gewesen, das ganze Spiel mit viereinhalb Offensivspielern anzugehen. Und in der ersten Halbzeit war die Elftal nicht zu defensiv, sondern nicht kompakt genug.

5) Deutschland - Italien. Kann man gar nicht früh genug drüber reden.

Dass wir in diesem Artikel neben den Niederlanden auch noch über eine zweite Mannschaft reden wollen, deren Erwähnung bei vielen Fans der deutschen Nationalelf das auslöst, was der Begriff "Cleaning Woman" mit Steve Martin macht, liegt nicht im Geringsten daran, dass wir diese Abneigung teilten. Ganz im Gegenteil. Wir schätzen den italienischen Fußball sehr und respektieren ihn weitaus mehr als die dümmlichen Klischees, die über ihn kursieren.

Aber gerade deshalb, und übermütig geworden durch die Bestätigung unserer positiven Einschätzungen zu den deutschen Chancen nach dem Portugal-Spiel und nach dem ersten Spieltag, glauben wir schon einmal einen Ausblick auf das mögliche Halbfinale zwischen Deutschland und Italien werfen zu können. Halbfinale? Deutschland kann noch ausscheiden! Italien sowieso! Sind wir wahnsinnig geworden?

Wahrscheinlich schon. Außer Rand und Schland, sozusagen. Doch wie schon am Montag erwähnt, waren Deutschland, Italien und Spanien die drei überzeugendsten Teams des bisherigen Turniers. Wenn es keine echten Überraschungen gibt, würden Deutschland und Italien im Halbfinale aufeinandertreffen. Und das wäre ein Highlight, ein immer noch höheres Highlight, um einmal mehr Rudi Völler zu würdigen.

Und das nicht nur in historischer Sicht (noch nie ein DFB-Sieg gegen den vierfachen Weltmeister in einem Pflichtspiel), sondern gerade auch in taktischer Hinsicht. Cesare Prandelli zeigte gegen Spanien eine der innovativsten Formationen, die man auf diesem Level bei einem Turnier seit langem gesehen hat: unmittelbar auf die aktuelle Personalsituation und den Gegner bezogen.

Demgegenüber setzt Löw traditionell auf taktische Kontinuität und ändert sein Spielsystem fast nie. Wie gut das 4-2-3-1 eingeölt ist, haben wir gerade wieder gesehen. Entscheidend gegen die Elftal waren dann eben die Details, die der Bundestrainer auf den Gegner einstellte, aber nicht die prinzipielle Formation. Auf den ersten Blick liegt beiden Mannschaften ein taktisch disziplinierter Gegner eher nicht.

Aber gerade das könnte ja ein um so interessanteres Spiel ergeben. Wir freuen uns schon darauf, und wenn Deutschland dann doch noch gegen Dänemark ausscheidet, veröffentlichen wir Fotos davon, wie wir mit Sahnetorten beworfen werden. Morgen aber sehen wir uns schon mal Italien an. Und Spanien. Wenn die Roja Gruppenerster wird, dann könnte sie im Halbfinale auf niemand Geringeren treffen als die Niederlande, in einer Neuauflage des letzten WM-Finals.

Das sollte man bei all den Abgesängen auf die Elftal nämlich nicht vergessen: Mit einem Sieg gegen Portugal könnte Holland noch im Turnier bleiben. Später mehr.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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