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EM 2012: Vor dem Duell mit der DFB-Elf - Bert van Marwijk und die offenen Fragen

Bert van Marwijk hat vor dem Deutschland-Spiel nicht nur einen Brandherd zu löschen. Daheim werden die 16 Millionen Bondstrainer unruhig und auch in der Mannschaft grummelt es.

Bert van Marwijk hat einen Traumjob. Sollte man zumindest meinen. In Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar stehen dem niederländischen Fußball-Nationaltrainer der beste Torschütze der englischen Premier League und der deutschen Bundesliga zur Verfügung. Hinzu kommen in Arjen Robben, Ibrahim Afellay, Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart Spieler mit gewaltigem Offensiv-Potenzial. Welcher Trainer dieser Welt (außer Defensivfanatikern wie Otto Rehhagel oder Giovanni Trapattoni) würde sich nicht über einen solch exquisiten Kader freuen?

Doch van Marwijk hat zugleich den schwersten Job der Welt. Findet er zumindest manchmal selbst. Denn der 60-Jährige verzweifelt daran, die richtige Mischung für seine Elftal zu finden. Bislang ist es dem Bondscoach nicht gelungen, eine Taktik zu entwerfen, in der sowohl van Persie als auch Huntelaar spielen können. Auch die Balance zwischen Offensive und Defensive fehlt bislang.

Große Umbauarbeiten?

Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Finden zumindest die Anhänger des Oranje-Teams sowie die Journalisten. Huntelaar in die Spitze, van Persie dahinter und Sneijder für den lange verletzten und beim 0:1 gegen Dänemark enttäuschenden Afellay auf die linke Seite. Dann noch den technisch starken van der Vaart für Abräumer Nigel de Jong ins defensive Mittelfeld - und schon ist das orangene Dream Team perfekt. Auf jeden Fall für die rund 16 Millionen Nationaltrainer im deutschen Nachbarland, in dem über kaum etwas so gerne und heftig diskutiert wird wie über Fußball.

Immerhin kann van Marwijk im brisanten Duell mit Deutschland am Mittwoch in Charkow auf seinen kompletten Kader zurückgreifen. Auch der zuletzt verletzte Joris Mathijsen ist wieder fit und wird für Ron Vlaar in die Innenverteidigung rücken.

Holland muss gewinnen

Mittelfeldregisseur Sneijder gibt sich bei aller Kritik aus der Heimat zuversichtlich. "Ich glaube daran, dass wir gegen Deutschland gewinnen", sagte der 28-Jährige dem Fußball-Magazin Elf Voetbal. Sneijder weiß auch wie: "Die guten Dinge aus dem Spiel gegen Dänemark mitnehmen, den Deutschen wenig Raum geben und vorne die Chancen nutzen."

Kapitän Mark van Bommel ist sich der großen Bedeutung des Vergleichs mit dem Erzrivalen bewusst. "Wir müssen gewinnen. Bei dieser EM hat diese einzigartige Generation seine letzte Chance, um einen Titel zu holen. Das muss uns gegen die Deutschen klar sein", sagte der Routinier Elf Voetbal.

Der Druck ist groß, die Stimmung angespannt

Kassieren die Niederlande die zweite Niederlage und holt Dänemark zuvor gegen Portugal zumindest einen Punkt, könnte die EM für den Vize-Weltmeister bereits vor dem letzten Spieltag der Gruppe B beendet sein.

Die Stimmung im Oranje-Lager ist angespannt. Die van Marwijk extrem kritisch gesinnte Tageszeitung De Telegraaf berichtete in ihrer Montagsausgabe von ersten Zerwürfnissen im Team des Vize-Weltmeisters. So hätten de Jong wegen seiner vorzeitigen Auswechslung und van der Vaart wegen seiner späten Einwechslung jeweils einen dicken Hals. Ihr Vertrauen in den Trainer sei aufgebraucht, schreibt die Zeitung.

Rutscht Huntelaar ins Team

Auch Huntelaar ist nicht gut auf van Marwijk zu sprechen. "Mehr als im Training alles zu geben und mich anzubieten, kann ich nicht machen", sagte der Schalker zuletzt. Am Montag wollte er nicht wie ursprünglich geplant mit den heimischen Medien sprechen. Der Hunter schweigt zu seiner Reservistenrolle.

Gegen Dänemark vergab der 28-Jährige nach seiner Einwechslung die große Chance zum Ausgleich. Beim Training am Sonntag in Krakau hatte der Schalker als Erster das Spielfeld betreten und war als Letzter wieder in der Kabine verschwunden. Man merkt, Huntelaar ist heiß auf das Duell mit Deutschland. Nur lässt van Marwijk ihn auch ran? Bleibt sich der Bondscoach treu, dann sitzt Huntelaar gegen die DFB-Elf zunächst wieder nur auf der Bank. Denn nichts hasst van Marwijk mehr, als sich von außen in seine Arbeit reinreden zu lassen.

Doch vielleicht springt van Marwijk über seinen eigenen Schatten. Schließlich geht es für ihn ebenfalls um viel. Zwar hat der Verband den Vertrag mit ihm gleich um vier Jahre bis zur EM 2016 verlängert. Doch ein Vorrunden-Aus der als Mitfavorit gehandelten Niederländer könnte van Marwijk zum Verhängnis werden.

sportal.de / sportal

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