HOME

Stern Logo EM 2012

Deutschland steht im EM-Halbfinale: König Löw

Das DFB-Team hat nach einer starken Leistung gegen einen schwachen Gegner das Halbfinale der EM erreicht. Bundestrainer Joachim Löw riskierte vor dem 4:2-Sieg viel – und er gewann alles.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

Noch Minuten nach dem Schlusspfiff wollten sie partout nicht vom Platz. Die deutschen Spieler feierten diesen 4:2-Erfolg gegen Griechenland anders als die drei Siege zuvor bei der EM: ausgelassener, euphorischer und irgendwie auch kämpferisch. Es schien so, als hätten sie sich an diesem Abend selbst von einer schweren Last befreit. Die schwarz-rot-goldenen Rucksäcke mit ein paar Steinen darin wurden einfach abgestreift und in die Ecke gestellt. Dieses Gefühl konnte man beim Beobachten oben auf der Haupttribüne leicht bekommen.

Joachim Löw ist der Anführer der Mission EM-Titel. Der Bundestrainer jubelte schon bei jedem der vier Treffer seiner Mannshaft während der 94 Minuten von Danzig auf dem Niveau von Jürgen Klopp. Mal packte er die Säge aus, dann wiederum sprang er mit beiden Armen in der Luft seinen Spielern in der sogenannten Coaching-Zone entgegen. Das kennt man nicht von ihm. Als der Einzug ins Halbfinale schließlich geschafft war, blies der Trainer seine Backen auf. Auch bei Löw löste sich in diesem Moment etwas. Dabei war das Spiel gar nicht spannend und knapp, sondern von Beginn an einseitig. Die Griechen waren der erwartet schwache Gegner. Nein, das war es nicht. Der Bundestrainer war vielmehr darüber erleichtert, dass ihm eine echte Meisterleistung gelungen war.

Radikaler Umbau

Sein Team hatte sich mit drei Siegen aus drei Spielen für dieses EM-Viertelfinalspiel qualifiziert. Keiner Mannschaft im Turnier war das gelungen. Trotz der Bilanz ohne Makel wurde am Spielstil gemäkelt. Und es stimmt ja: Die DFB-Elf hatte bei den beiden Auftritten in Lwiw gegen Portugal und Dänemark sowie der Partie in Charkow gegen Holland längst nicht ihr ästhetisches Potenzial entfalten können. Das Ganze sah zum Teil zähflüssig aus. Brillanz und Leichtigkeit fehlten. Das sah auch Löw so, der nach jedem dieser Spiele davon sprach, dass er noch Steigerungspotenzial sehe. Nach dem Erfolg über Dänemark kritisierte er besonders sein Mittelfeld. Die Laufwege würden nicht stimmen. Mesut Özil, den viele schon in einer mittelschwere Krise sahen, nahm der Bundestrainer aber in Schutz. "Der Laufweg bestimmt den Pass, nicht andersherum", sagte Löw.

Als Thomas Müller von dem Zitat Wind bekam, wusste er vermutlich schon, was im nächsten Spiel auf ihn zukommen würde. Jedenfalls beschwerte sich der Bayern-Profi auf einer Pressekonferenz vor dem Viertelfinale besonders stark über die bisher eher gedämpfte Berichterstattung der Medien. Nach dem Motto: Ihr habt mich rausgeschrieben, jetzt zahl ich es euch zurück. Was natürlich Quatsch ist. Die Aufstellung macht der Trainer. Und weil Joachim Löw so ein exzellenter Fußball-Fachmann mit Gespür ist, opferte er neben Müller für das Griechenland-Spiel gleich auch noch Lukas Podolski und Mario Gomez, der immerhin schon drei Tore bei der EM erzielt hatte. Weil auch noch Jerome Boateng nach Ablauf seiner Gelbsperre zurück ins Team kam, standen mit André Schürrle, Marco Reus und Miroslav Klose im Vergleich zum letzten deutschen Spiel in der Gruppenphase gleich vier neue Spieler in der Staraufstellung. Das war ein radikaler Umbau. Noch dazu vor dem ersten K.o.-Spiel und ohne echte Not. Mehr Risiko ging wirklich nicht.

Wen wünschen Sie sich als Halbfinalgegner der deutschen Elf?

Die furiosen Fünf

"Der Plan ist mir schon länger im Kopf herumgegeistert. Ich war zwar nicht richtig unzufrieden, aber heute war der Tag der Veränderung", sagte Löw zu mitternächtlicher Stunde. Und er ergänzte: "Heute mussten wir unberechenbar sein, wir mussten Dinge anders machen und neue Spielertypen bringen." Natürlich war das auch der Spielweise des Gegners geschuldet. Vielleicht wäre Gomez in einem Kräftemessen mit Spanien aufgelaufen, aber gegen das Bollwerk der Hellenen war etwas anderes gefordert. Es kam auf die Klugheit an, die Spielintelligenz und die Laufwege. Besonders die Herausnahme seines erfolgreichen Stürmers habe "wehgetan", so Löw. Und er wiederholte in aller Deutlichkeit, so, dass es auch der Letzte verstand: "Die Zeit war reif, etwas zu verändern." Und wie sich was veränderte!

Dem Barrikadenfußball der Griechen begegnete die deutsche Mannschaft mit zahlreichen Rochaden im Spiel ohne Ball, abgestimmten Lauf- und Passwegen und variablen Angriffsoptionen. Hauptverantwortlich hierfür war neben dem wiedererstarkten Mesut Özil und dem starken Antreiber Sami Khedira: das Trio Schürrle-Reus-Klose. Die furiosen Fünf erstickten die griechische Abwehr, erspielten sich Chance um Chance und machten dann auch die entscheidenden Tore bzw. Özil bereitete sie vor. Nur Schürrle war nicht direkt an einem der vier Treffer beteiligt. Dass mit Philipp Lahm ausgerechnet ein Abwehrspieler das Geduldsspiel beendete, war eine nette Randnotiz. Die entscheidenden Spieler des Abends waren andere.

Ärger über das Informationsleck

"Das war der Schlüssel zum Sieg da vorne", lobte sich der Bundestrainer danach quasi selbst. Das durfte er auch. Er hatte alles richtig gemacht. Der wendige und abschlussstarke Reus ist mit seiner Spielweise prädestiniert, sich gegen große und athletische Innenverteidiger durchzusetzen. Das gelang ihm fast immer. Schürrle braucht auf der linken Seite viel weniger Platz als Lukas Podolski. Raum, der gegen die Griechen ja kaum vorhanden war. Daraus machte der Leverkusener viel. Klose ist kombinationsfreudiger als Gomez. Das wiederum kommt Özil entgegen. Beide brillierten in Danzig wie zu besten EM-Qualifikationszeiten. Löws Trümpfe stachen. Allesamt.

Die deutsche Nationalmannschaft steht jetzt zum vierten Mal hintereinander bei einem großen Turnier in einem Halbfinale. Sie hat 14 Pflichtspiele am Stück gewonnen - auch wegen der Risikofreudigkeit ihres Trainers. "Ich wollte heute unberechenbar sein", ließ Joachim Löw nach dem herausgespielten 4:2-Erfolg über die Griechen die Reporter wissen. Dass die Überraschungsaufstellung ein paar Stunden zu früh an die Öffentlichkeit gelangte, missfiel dem 52-Jährigen aber. Plötzlich verfinsterte sich seine Mine und er wurde ernst. "Nein, das war nicht in meinem Sinne. Ich habe das auch schon mit den Spielern thematisiert." In seiner jetzigen Form ist Löw zuzutrauen, dass er dieses Informationsleck rechtzeitig vor dem Halbfinale am nächsten Donnerstag auch noch schließen wird.

Das ist auch wichtig. Schließlich ist seine EM-Mission noch nicht beendet. Und ein bisschen Unberechenbarkeit des Bauchmenschen Joachim Löw kann im Hinblick auf das nächste Spiel entweder gegen England oder Italien nicht schaden. Der neue Tag war noch nicht ganz angebrochen, als der Bundestrainer das Podium des Presseraums im Bauch der Danziger EM-Arena verließ. Die letzten Stufen hinunter nahm er im Sprung. Dann eilte er gut gelaunt, aber sehr bestimmt und energischen Schrittes zum Mannschaftsbus. Das hier war sein Abend.

Führt Jogi Löw die deutsche Mannschaft dank seines siebten Sinns für die richtige Personalentscheidung zum EM-Titel? Diskutieren Sie mit in der stern.de-Fankurve auf Facebook.

Wissenscommunity