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Fußball-Europameisterschaft: Die Nationalmannschaft vor dem EM-Start - unverschämt selbstgewiss

Joachim Löw und seine Elf verströmen vor dem Spiel gegen die Ukraine am heutigen Abend die Aura eines Teams, das Zweifel nicht mehr zu kennen scheint. Und so flexibel agieren will wie nie.

Von Mathias Schneider, Lille

EM 2016: Trainer Joachim Löw gibt der deutschen Nationalmannschaft Anweisungen

Bundestrainer Joachim Löw und seine Nationalspieler: Noch nie startete ein deutsches Team selbstgewisser in ein Turnier wie jetzt zur EM 2016

Also schlenderte er um 18.25 allein hinaus, in dieses mächtige Stadion namens Pierre Mauroy zu Lille, das sie ganz geschlossen hielten, als wollten sie es vor dem nahenden Gewitter schützen. Joachim Löw sah sich um, er nahm schon einmal Witterung auf am Abend vor der Ouvertüre. Einen Ball hatte er dabei. Gönnte sich ein paar Tricks. Hier ein Übersteiger, dort der Versuch, das Spielgerät mit der Hand möglichst flach über dem Boden zu prellen. Löw hat sich das Verspielte ja immer bewahrt, auch mit 56. Als wolle er den Ort schon einmal für sich entdecken, an dem diese, seine Nationalmannschaft heute ihre WM Kampagne gegen die Ukraine starten wird.

Seine Auserwählten sind ihm dann doch noch nachgefolgt, in neongelben Shirts gewandet. Ein kurzer Kreis, kurzes Einschwören, zweimal Klatschen, dann machte sich das Personal vollzählig auf eine Aufwärmrunde, was durchaus erwähnenswert ist. Es war ja lange nicht ganz klar, ob Mats Hummels die Reise aus dem Basecamp in Evian les Bains würde antreten können nach seinem im Pokalfinale erlittenen Muskelfaserriss. Doch die Genesung laufe vorzüglich, hatte Löw schon auf der Pressekonferenz erklärt. Es scheint, als wiederhole sich die Geschichte aus dem Jahr 2014. Damals ließ Löw ein halbes Lazarett während der Wochen von Brasilien für den großen Showdown gesundpflegen.


Kein Team startet selbstgewisser in diese EM

Er freue sich wahnsinnig, dass nun endlich der Anpfiff nahe, erklärte Löw. Spürt er Druck? "Ich weiß nicht, ich hab eher Freude", antwortete er gedehnt, der Ruhepuls schien eher noch einmal gefährlich abzusacken. Selbst die ersten EM-Enten holte er stoisch vom Boulevard-Himmel. Die übliche Aufregung. Er kennt das mittlerweile. Also: Natürlich spiele Mesut Özil. Von wegen Ersatz. Genau genommen sei er so gut wie nie.

Man kennt das von Löw nicht anders, er kann das ja, runterfahren vor dem großen Moment. Neu ist allerdings, dass die gesamte Nationalmannschaftsedition 2016 ein Bild vollkommener Eintracht und Ausgeglichenheit abgibt, wie man das selten erlebt hat vor einem großen Turnier. Bei so viel Gleichmut drängt sich fast die Frage auf, ob die Deutschen nicht ein wenig zu durchharmoniert ein Turnier angehen, in dem die Vorrunde nur als ambitioniertes Warmspielen empfunden wird, auch wenn Löw erneut vor Abnützungskämpfen warnte. Kein Team startet selbstgewisser in diese Europameisterschaft.

Gomez oder Götze - oder gleich beide

In Sachen Aufstellung wird man noch ein bisschen warten müssen, bis die letzten Geheimnisse gelüftet sind. Der Kern der Löw-Mannschaft steht ohnehin. Özil wird während dieser EM wieder im offensiven Zentrum seinen Dienst tun, abgesichert vor dem unverschämt selbstsicheren Toni Kroos sowie dem nicht minder selbstbewussten Sami Khedira. Auf dem rechten Flügen beginnt Thomas Müller, links deutet einiges auf einen Start von Julian Draxler hin. Doch Löw stellte schon einmal in Aussicht, dass das starre taktische Korsett, das die Elf noch 2014 selbst in wechselnden Formationen durchs Turnier trug, ab sofort der Vergangenheit angehört. Unterschiedliche Abwehrformationen, Systemwechsel während des Turniers - alles kein Problem mehr. Selbst zwei Angreifer in vorderster Front, noch vor zwei Jahren ein Anachronismus, sind plötzlich wieder denkbar. Von wegen Gomez oder Götze. Er könne sich auch beide da vorn vorstellen, verkündete Löw. Deutschland 2016, das solle ein unergründliches Ungeheuer sein, das dauernd sein Gesicht wechselt.   

In wenigen Stunden wird man erfahren, wie hart es zuzubeißen versteht. 

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