HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, bin privat hier: Allez für Jogi. Alles auf Island!

Das Fußball-Fieber hat auch stern-Stimme Micky Beisenherz längst im Griff. Umso besser, dass Deutschland am Sonntag endlich ins Tätowierten-Ballett einsteigt. Doch wird der Weltmeister auch König von Europa? Eine Analyse im Detail.

Joachim "Niveapoleon" Löw steigen heute endlich ins Tätowierten-Ballett ein - und wird am Ende doch nicht den EM-Titel holen, glaubt stern-Stimme Micky Beisenherz

Joachim "Niveapoleon" Löw steigen heute endlich ins Tätowierten-Ballett ein - und wird am Ende doch nicht den EM-Titel holen, glaubt stern-Stimme Micky Beisenherz

Spätestens, wenn du dir bei Youtube einen 45-minütigen Film über Hans-Peter Briegel anguckst, weißt du, dass du wirklich im Fußball-Fieber bist.

Das konnte einem nicht mal die Eröffnungsfeier austreiben.

Ein absurdes Fest, das Kim Jong Un sich ausgedacht haben muss, auf dem ein Otto Waalkes-Imitator von Zehntausenden frenetisch zelebriert wurde, weil er einen Knopf gefunden hatte.

Drei Spiele am Tag reichen fast kaum aus.

Irgendwas vor 15 Uhr. Zwischen 16:45 und 18 Uhr, sowie zwischen 19:45 und 21 Uhr - das sind derzeit die Sprechzeiten bei mir.

Ziehen wir die Vor- und Nachberichterstattung noch ab, bin ich für die nächsten vier Wochen im Grunde genommen so gut erreichbar wie Alfons Schlecker.

Ich werde hier übrigens an der ein oder anderen Stelle ein paar schöne Konversationshilfen einbauen.

Sätze, mit denen Sie auch als Ahnungsloser in gemeinsamen Guck-Runden als Experte geschätzt und den Rest des Abends ehrfurchtsvoll unbelästigt bleiben werden.

Endlich Mitspielen im Tätowierten-Ballett

Die ersten Spiele liegen bereits hinter uns - und wer steigt heute ins europäische Tätowierten-Ballett ein?

Richtig.

Der Weltmeister.

Das wollen wir mal nicht vergessen.

Auch, wenn die Qualifikationsphase wenig spektakulär war.

Weshalb vermutlich nur 40 Prozent der Deutschen glauben, dass es für "Niveapoleon" Löw und seine Mannen wie geschmiert laufen wird.

40 Prozent. Das ist für ein grundnöliges Volk erstmal ein sensationell guter Wert.

Bei den Franzosen sind es übrigens nur acht.

Spätestens nach dem Halbfinale war die Nation restlos schlandisiert.

Auch auf die Gefahr hin, Sie zu enttäuschen:

Ein 7:1 gegen Brasilien wird es bei diesem Turnier nicht geben.

"Tatsächlich wird es kein Spaziergang, die Leistungsdichte ist immer noch hoch

- obwohl das Turnier mit 24 statt 16 Teams so aufgebläht ist, dass eigentlich nur noch Activia helfen kann."

(Ach, was. Gern geschehen.)

Die EM 2016- das bedeutet auch ein schönes Jubiläum:

40 Jahre "Belgrader Nachthimmel". Der Abend im Sommer 1976, als ein gewisser Uli Hoeneß im Finale gegen die CSSR den entscheidenden Ball verschoss.

Der Ruf als Elfmetervergeiger hing ihm lange nach, bevor er durch einen geschickten Steuer-Kniff eine nachhaltige Imagekorrektur vornehmen konnte.

England so unberechenbar wie Uschis Glas' Sohn

Wie schlage ich vom Elfmeterversagen jetzt elegant eine Brücke zu England?

Hm. Schwierig.

Jedenfalls zählen die Three Lions zu denen, die bei diesem Turnier zu den großen Überraschungen zählen können.

Sie haben ein junges, sympathisches, sehr dynamisches Team - und aufgrund clever heraus gespielter jahrzehntelanger Erfolglosigkeit ist der Erwartungsdruck mittlerweile arg gering.

Das kann helfen.

Prognosen sind dennoch schwierig. Speziell, was die Zukunft angeht.

"Zumal die englische Mannschaft in Sachen Konstanz so unberechenbar ist- sie könnte Uschi Glas' Sohn sein."

Der Auftritt gestern war durchaus vielversprechend.

Die Nachspielzeit allerdings ein Downer.

So kalt von den Russen erwischt wurde man zuletzt nur auf der Krim.

Ansonsten wären da noch:

Frankreich - wenn sie sich nicht gerade untereinander verprügeln oder gegenseitig erpressen, ein verdammt heißer Titelkandidat. Zumal mit Heimvorteil. Und Payet.

Italien - Turniermannschaft mit überaltertem, glanzlosem Kader. Und ohne Pirlo fehlt ohnehin die Grandezza.

Italien ist wie Donald Trump

Dabei ist lediglich noch Buffon, der bereits im Pleistozän Keeper der Italiener war.

Buffon, mit 38 "Opa" des Wettbewer,s ist ein Jahr jünger als ich. Seufz.

"Aber was willst Du machen. Italien ist wie Donald Trump- Du musst Dir ein paar schlimme Auftritte angucken - und am Ende wird der Scheiß-Wettbewerb sogar auch noch gewonnen."

Belgien - gutes Team mit argen Verletzungsproblemen. Trotzdem: Am Ende des Turniers wird der Geheimtipp ein noch geheimerer sein.

Österreich - fliegt nicht in den Süden, um braun zu werden. Absurderweise rechnen sich unsere Nachbarn gute Chancen aus. Und das tun sie aufgrund des besten Kaders seit Jahrzehnten nicht mal zu Unrecht.

"Spanien: Hat auf Clubebene in den letzten drei Jahren international alles dominiert. Wer glaubt, so etwas wie die WM 2014 würde sich wiederholen, der kauft auch VW- Aktien."

Portugal - ein Team, das optisch erinnert an Modeblogger und Chippendales. Und so spielen sie auch. Höchstens durchbrochen von ein paar "Platoon"-mäßigen Sterbeszenen. Der Chefdramatiker aus der Champions League, Pepe, wird aus dem Turnier sicher seine ganz persönlichen Karl May-Festspiele machen.

"Übrigens warnen deutsche Sicherheitsbehörden vor Einzeltätern während der EM. Damit kann eigentlich nur Ronaldo gemeint sein."

Holland - wer?

Und Deutschland?

Deutschland - eine Nation redet sich (grundlos) klein

Wir als Profi-Pessimisten neigen dazu, "Die Mannschaft" (Dieser Marketing-Käse muss Olli Bierhoff nach dem Gucken einer Folge "Das A-Team" eingefallen sein.) klein zu reden.

"2014 hat die Mannschaft sich ja quasi selbst aufgestellt."

Dabei gibt es wenig Grund, negativ gestimmt zu sein.

"Manuel Neuer lässt weniger durch als Victor Orban."

Ja, wir verfügen über eine starke Defensive.

Vor allem dann, wenn Hummels nach der Gruppenphase wieder einsteigt. Die wir auch ohne ihn schaffen müssen.

Die Nachnominierung von Löw - "Tah da!" - für Rüdiger hat nichts damit zu tun, dass es sonst eine Unterdeckung an Dunkelhäutigen gegeben hätte, was man Gauland und Co. nicht zumuten wollte.

Vielmehr hat Tah sich durch starke Leistungen bei Leverkusen diesen - wenn auch etwas überraschenden - Platz im Kader verdient.

Trotzdem wird am Ende Kimmich auflaufen.

Dass Löw auf dem linken Abwehrflügel auf Hector statt auf den ungleich erfahreneren Schmelzer setzt, wird, wie seine Schönheit auch, sein ewiges Geheimnis bleiben.

"Das Mittelfeld ist wie das Haupthaar des Bundestrainers - ein unglaublich dichtes Prachtstück."

Toni Kroos schlägt Flanken wie von Bob Ross gemalt.

Sami Khedira beispielsweise ist mittlerweile Meister in Deutschland, Spanien und Italien, hat dort seine Leader-Qualitäten, seine Ruhe und Ballsicherheit unter Beweis gestellt.

"Von Mesut Özil kommen derart viele saubere Pässe - diverse Schlepperbanden wollen ihn direkt verpflichten."

Interessant wird es sein zu sehen, ob und wie Schweinsteiger zurück in die erste Elf findet. Es wäre ihm zu gönnen, dass er noch einmal eine Rolle spielen kann wie vor zwei Jahren, als er sich in der Schlussphase des Turniers einen geradezu märtyrerhaften Status erblutet hatte.

Gelänge es ihm, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, wäre er endgültig "der Mann von La Mannschaft".

Von Sorgenkindern und hervorragend frisierten Torjägern

Bedauerlich ist lediglich das Fehlen von Marco "Angst essen Sehne auf" Reus. Dieses Mal setzt ihn das Schambein außer Gefecht.

Ein wenig überraschend, da der Dortmunder in den Tagen vorher nie als medizinisches Sorgenkind gehandelt wurde, bevor dann sehr plötzlich sein Aus verkündet wurde.

Eine sehr spontane Absage, die Gerüchte nährt, Reus könne ins Visier der Dopingfahnder geraten und deshalb elegant aus dem Team entfernt worden sein.

(Aber sowas tun wir Deutschen ja nicht.)

Wieder drin hingegen ist der stets hervorragend frisierte Mario Gomez, der wie Fönix aus der Asche emporgestiegen ist und als Torschützenkönig anreist. Zwar aus der Türkei, aber immerhin.

(Einer der wenigen, der aus Istanbul abreisen musste, ohne vorher Erdogan kritisiert zu haben.)

Seitdem er auch noch gelernt hat, für das Team zu arbeiten, ist er wertvoller denn je.

Der wird uns noch viel Freude machen.

"Ein Podolski wiederum ist gut für die Stimmung im Team. Außerdem hätte die Quarantäne zu lange gedauert, einen Hund mitzunehmen."

Insgesamt ist der Kader unter den Top 3 mit Spanien und Frankreich. Etwas schlechter als 2014, ohne eine signifikante Entwicklung nach vorne. Dafür aber mit zwei, drei jungen Spielern mit Explosionscharakter, von denen wir uns einiges erhoffen. Allen voran der von den Bayern entsetzlich schlecht behandelte Mario Götze - und ein jetzt schon ca. 235 Millionen teurer Teenie namens Leroy Sané.

"Der Junge kann ja ganz unbekümmert aufspielen."

EM - das Turnier der Underdogs

Was die Vorrunde angeht, wird es ohnehin laufen wie immer.

Das erste Spiel (Ukraine. Die Liga besteht im Grunde nur aus Brasilianern. Kaum eigene Talente) wird gewonnen.

Das zweite Spiel traditionell Unentschieden verloren (Polen. Lewandowski! Kreisch!), woraufhin das letzte (Nordirland. Ein Team wie der Regionalexpress. Unbequem, aber bringt einen auch ans Ziel) wie üblich zum Schicksalsspiel hochgeschrieben - und am Ende natürlich gewonnen wird.

Trotzdem, und jetzt kommt das Entscheidende, liebe Schländer:

"Island wird Europameister."

Ja, natürlich.

Immer schon war die EM ein Turnier der Underdogs.

Eine Aufzuchtsstation für die Rocky Balboas des Weltfußballs.

1992, die Dänen.

2004, Griechenland.

2016 heißt es: Einmal mit schön Schaf, bitte.

Und das ist gut so.

Wir reden hier über ein Team, das 2011 noch Platz 108 der Weltrangliste belegt hat und mittlerweile rauf bis auf Platz 35 geklettert ist.

In der Qualifikation ließ man Teams wie die Türkei hinter sich.

Und die Niederlande, die man gleich zweimal schlug.

Für die Jüngeren: Das war mal eine sehr gute Fußballnation.

"Island lässt es leicestern!"

Ohnehin: Wenn ein Fußballjahr dafür steht, dass vermeintlichen Low-Performern der große Wurf gelingen kann, dann ist es dieses.

Das Jahr des aktuellen englischen Meisters.

"Island lässt es leicestern!"

Denn, wenn die großen europäischen Turniere der letzten Jahre uns eines gelehrt haben, dann, dass nicht allein der Kader entscheidend ist, sondern:

"Die Mannschaft".

Und wenn diese in ihrer Gruppe mit Ungarn oder Portugal einen guten Start erwischt, dann kann den Nordlichtern tatsächlich ein größerer Titel gelingen als Publikumsliebling No. 1. 

Und eines wollen wir nicht vergessen:

"Im Weltfußball gibt es keine Kleinen mehr. Vor allem jetzt, da Philipp Lahm zurück getreten ist."

Ich geh dann jetzt mal die schwarz-rot-goldenen Kondome über die Außenspiegel ziehen. 

Danke.