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Ohne Sieg ins Halbfinale Warum Portugals Weiterkommen die Fans so nervt

EM 2016: Spieler von Portugal jubeln nach dem Sieg gegen Polen
Noch kein Sieg nach 90 Minuten, aber im Halbfinale: Portugal feiert den Sieg gegen Polen
© Peter Powell/DPA
Der Halbfinal-Einzug Portugals ist für viele Fans ein Unding, haben Ronaldo und Co. bislang doch noch keinen Sieg in der regulären Spielzeit geholt. Das Team mogele sich durchs Turnier, so der Vorwurf. Das Problem: Dies könnte künftig öfters passieren.

Portugal steht im Halbfinale der EM in Frankreich. Und gefühlt ganz Europa - die Portugiesen mal ausgenommen - ist empört. Wie kann es sein, dass ein Team ohne einen einzigen Sieg in der regulären Spielzeit unter den besten vier Mannschaften des Kontinents steht, ärgern sich viele. Tatsächlich überzeugten Ronaldo und Co. bei ihren bisherigen fünf Auftritten nicht wirklich. Dem schwachen 1:1 gegen Island folgte eine noch schwächere Nullnummer gegen Österreich. Gegen Ungarn lief man drei Rückständen hinterher, ehe letztlich ein immerhin spektakuläres 3:3 heraussprang.

Trotz dieses Remis-Triples und eines bislang eher blassen Ronaldos qualifizierte sich Portugal als Gruppendritter für die K.o.-Phase - der neue EM-Modus machte es möglich. Umso größer war die Vorfreude auf die Finalrunde. Endlich kein Taktieren mehr und stattdessen ehrlicher Fußball mit verdienten Siegern: So stellten sich viele die kommenden Partien vor. Doch Portugal enttäuschte erneut. Gegen Kroatien quälten die Iberer sich und ihre Fans über 90 Minuten zu einem 0:0. Erst spät in der Verlängerung (116. Minute) glückte das erlösende 1:0 und damit der Einzug in die nächste Runde.

Minimalismus statt Erlebnis-Fußball

Am Donnerstagabend dann der nächste Tiefpunkt im Viertelfinale gegen Polen. Wussten beide Teams zunächst mit zwei Toren zu überzeugen, zog sich das Spiel in der Folge quälend zäh hin. Das Halbfinale erreichte Portugal schließlich dank des Patzers des Polen Jakub Blaszczykowski beim Elfmeterschießen. Seit 1996 übrigens zum achten Mal in Folge.

Bei allem sportlichen Respekt - für so manchen Twitter-User ist das zähe Gekicke der Portugiesen nur schwer zu ertragen:

Nun könnte man den Portugiesen tatsächlich vorhalten, sich ohne "echten" Sieg durchs Turnier zu mogeln. Andererseits: Sie haben bislang auch noch kein Spiel verloren. Viele Fans dürfte daher vor allem frustrieren, dass Portugal unerwartet unsouverän und unspektakulär von Runde zu Runde marschiert. Frei nach dem Motto "Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss".

Schlecht spielen? Das Ergebnis zählt!

Es passt ins Bild, dass Verteidiger José Fonte vor dem Polen-Spiel zugab, mehr Wert aufs Ergebnis als auf dessen Zustandekommen zu legen. "Wenn wir jedes Spiel schlecht spielen und am Ende trotzdem Europameister werden, würde ich das sofort unterschreiben", sagte er und stieß damit so manchen Fan vor den Kopf.

In Portugal selbst scheint man sich mit dieser Einstellung zu arrangieren. Man müsse zwar sagen, "dass spielerisch wenig zusammenläuft", schrieb die die Zeitung "A Bora". "Aber wenn man damit das Finale erreicht, wen interessiert dann das Spielerische?"

Fans und Experten haben mit dieser Einstellung und dem neuen EM-Modus deutlich mehr Probleme. Es sei nicht fair, dass Teams wie die Türkei oder Albanien trotz eines Vorrundensieges ausscheiden, während Portugal weiterkommt, so ein Vorwurf. Zudem habe die Aufblähung des Turniers auf 24 Mannschaften zu unnötigem Taktieren geführt. 

Taktik und Defensive mit zunehmender Bedeutung

Tatsächlich erweckte so manche Partie den Eindruck, die Verantwortlichen beschäftigten sich mehr mit Tabellenrechnerei als mit einem auf Sieg ausgerichteten Matchplan. Die Anzahl der erzielten Tore stützt diesen Eindruck. Fielen in den ersten 26 Partien dieser EM nur 48 Treffer, waren es beim Turnier in Polen und der Ukraine nach 24 Spielen bereits 60.

Andererseits muss man auch konstatieren, dass sich der Fußball in den letzten Jahren verändert hat. Eine Dominanz der Großen wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien oder England gibt es nicht mehr. Und selbst die einst Kleinen spielen heute auf einem Niveau, das den Favoriten Probleme bereiten kann. Zuletzt eindrucksvoll durch die Isländer belegt. Schwächere Teams müssen für den Erfolg extrem defensiv und taktisch diszipliniert auftreten, um eine Chance zu haben. Das machen sie teilweise so gut, dass Spannung und spektakuläre Spielverläufe (siehe Toranzahl) immer öfter ausbleiben. Dies ist aber nicht nur bei der EM der Fall. So warf Atlético Madrid zuletzt Favorit Bayern München mit seiner Defensivtaktik aus der Champions League. Oder Darmstadt 98, die trotz unschöner Spielweise den Bundesliga-Klassenerhalt feierten.

Nicht nur Portugal mogelte sich schon durch ein Turnier

Es scheint, dass sich Zuschauer und Fachleute künftig mit einem Turnierverlauf wie jetzt in Frankreich zu beobachten, zunehmend abfinden müssen. Dass in Portugal nun eine Mannschaft trotz fader Vorstellungen dem EM-Titel immer näherkommt, mag vielen nicht schmecken. Die erste Mannschaft, die sich durchmogelt, ist sie allerdings nicht. 1990 beendete Argentinien die WM in Italien mit dem Vize-Titel, obwohl man eine schwache Vorrunde nur als Dritter abgeschlossen hatte und zweimal übers Elfmeterschießen gehen musste. Auch Belgien schaffte es vier Jahre zuvor trotz miserabler Vorrunde ins WM-Halbfinale. Italien krönte sich 1982 gar zum Weltmeister, obwohl es nicht ein Vorrundenspiel gewann und nur durch das bessere Torverhältnis im Turnier verblieb.

"Wir gehen das Halbfinale genauso an wie unsere letzten Spiele", sagte Portugals Trainer nach dem Sieg gegen Polen. Bleibt zu hoffen, dass die anderen Teams einen anderen Fahrplan verfolgen.

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