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Turnier-Bilanz Von A bis Z: Was von dieser besonderen EM bleibt

Italiens Spieler bejubeln mit dem Pokal den zweiten EM-Titel
Ein Titel für die Ewigkeit: Italiens Spieler mit Torschütze Leonardo Bonucci (mit Pokal) und Elfmeterheld Gianluigi Donnarumma (re., im gelben Shirt) feiern den zweiten EM-Titel für ihre Farben.
© Laurence Griffiths / Getty Images
Paneuropäisch angelegt, sollte diese Fußball-EM von vornherein kein Euro-Turnier wie jedes andere sein. Dann kam Corona dazu und sorgte für besondere Bedingungen. Was von dieser EM bleibt.

A wie Alter: Auf zusammen satte 70 Jahre bringen es Giorgo Chiellini und Leonardo Bonucci, die beiden Innenverteidiger des neuen Europameisters Italien. Erfahrung gewinnt Titel kann man da nur sagen, nicht wahr Herr Löw?! Die hier zeitweise aussortierten Hummels und Müller sind gegen die beiden fast noch junge Hüpfer.

B wie Battle of Britain: Das älteste Länderspiel der Welt, England gegen Schottland, war mal wieder Teil eines großen Turniers. Es endete wie vor 149 Jahren torlos. Von Battle war auf dem Rasen von Wembley eher wenig zu sehen; es war Englands mauester Kick. Dagegen ging es vor allem am Leicester Square richtig ab. Auf die schottische Invasion in die Innenstadt von London werden mindestens 2500 neue Corona-Infektionen zurückgeführt.

C wie Corona: Natürlich. Nervte wie in allen anderen Lebenslagen und sorgte selbst bei bester Stimmung für ein mulmiges Gefühl oder ein schlechtes Gewissen. Tausende Neuinfektionen wurden auf die EM zurückgeführt. Mancher Spieler war wegen des Virus gar nicht dabei.

D wie Deutschland: Nix zu holen für "die Mannschaft", die sich nur einmal aus dem Schneckenhaus traute (beim 4:2 gegen Portugal). Der WM-Titel ist schon wieder sieben Jahre her. Auch die zurückgeholten Ex-Weltmeister Hummels und Müller zündeten nicht, neue Talente sind rar. Die Hoffnung ruhen auf dem Ende der Löw-Ära. Italien hat gezeigt: Von einer verpassten WM zum nächsten Titel braucht es unter Umständen nur drei Jahre und ein gutes Konzept.

E wie Eriksen, Christian: Der Schockmoment dieser EM. Dänemarks Mittelfeldstar kollabiert während des Vorrundenspiels gegen Finnland und muss wiederbelebt werden. Ein Leistungssportler, 29 Jahre alt! Seine erschütterten Teamkollegen werden nicht davon abgehalten weiterzuspielen und verlieren gegen den Außenseiter. Später trägt der Wille, für Eriksen zu spielen, das dänische Team bis ins Halbfinale. Der Profi in Diensten von Inter Mailand lebt nun mit einem implantierten Defibrillator. Ob er seine Karriere fortsetzen kann, ist ungewiss.

F wie Fehlschuss: Oh, Bukayo Saka! Mit 19 Jahren schon ein tragischer englischer Fußballheld. Was hat Trainer Southgate dir da angetan? Eine ganze Nation zutiefst zu enttäuschen, das hat der Mittelfeldspieler vom FC Arsenal nun schon erlebt – auch den Hass und den Rassismus, der sich danach in den sozialen Medien ergießt. Auf dass er es übersteht und es ihn reifen lässt. Dann könnte dieser Fehlschuss von Wembley der Beginn einer ganz großen Karriere sein.

G wie Gosens: Ein Star für ein Spiel. Mit Robin Gosens von Atalanta Bergamo schien im Spiel gegen Portugal ein neuer deutscher Star geboren. Doch so schnell wie sein Stern gegen Cristiano Ronaldo und Co. aufgegangen war, ging er gegen Ungarn und England wieder unter. Gefühlt blieb der Mann vom Niederrhein, der bisher noch nie in der Bundesliga gespielt hat, in den beiden letzten Spielen ohne Ballkontakt. Er dürfte wie andere DFB-Stars auf mehr Erfolg unter dem neuen Trainer Hansi Flick hoffen.

H wie Herz-Jubel: Leon Goretzkas Jubelgeste nach seinem Tor zum 2:2-Ausgleich gegen Ungarn gehört zu den Szenen des Turniers. Er zeigte das Herz den Mitgliedern der queerfeindlichen, rassistischen und nationalistischen "Carpathian Brigade" aus dem von Viktor Orbán regierten Land. Zuvor hatte sich der Bayern-Star wie andere DFB-Spieler dafür ausgesprochen, dass die Münchner EM-Arena in den Regenbogenfarben erstrahlen sollte – als Zeichen gegen ein neues homophobes Gesetz der ungarischen Regierung. Die Uefa untersagte das Farbenspiel.

I wie Italien: 2018 war der viermalige Weltmeister nicht einmal fürs Weltturnier qualifiziert. Eine WM ohne Italien – der Tiefpunkt für die Tifosi. Nur drei Jahre später sind die Azzurri wieder ganz oben mit dem zweiten EM-Titel. Seit 34 Spielen ist die "Squadra Azzurra" schon ohne Niederlage. Das macht Hoffnung für alle Großen, die diesmal früh raus waren; auch für Deutschland.

J wie Joshua Kimmich: Zentrale Figur, die an den Rand gedrängt wurde. Der Bayern-Star nahm das Ausscheiden gegen England schwerer als manch anderer Teamkollege. Kimmich hatte sich viel vorgenommen, doch das taktische Korsett von Joachim Löw bremste ihn aus. "Die Enttäuschung sitzt tief, und es ist wirklich schwierig für mich, das Ganze zu verarbeiten", sagte Kimmich nach dem Aus. Neu-Coach Hansi Flick hat für den 26-Jährigen eine andere Rolle vorgesehen, war zu hören.

K wie Kylian Mbappé: Kein leichtes Turnier für den französischen Superstürmer. Ihm versagten die Nerven beim Elfmeterschießen gegen die Schweiz, was das Turnier-Aus für den Weltmeister bedeutete. Und er war Affenlauten aus dem ungarischen Fanblock im Spiel gegen Ungarn in Budapest ausgesetzt. Die Uefa bestrafte den ungarischen Verband wegen des Verhaltens seiner Fans mit zwei Geisterspielen und einer Geldstrafe. Mbappés Erinnerungen an die EM 2021wird das nicht aufhellen können.

Toni Kroos in Wembley

L wie Löw, Joachim: Das war's also. Der Nationaltrainer beendet seine 15-jährige Amtszeit mit einer "Enttäuschung" und tritt ab. Das hätte der 61-Jährige schon 2014 mit dem WM-Titel tun sollen, doch er wollte das Double mit dem EM-Titel, was ihm 2016 aber verwehrt blieb. Seither hat der Badener kontinuierlich an seinem Denkmal gekratzt. Auf das verpasste Titel-Double folgte das erste WM-Vorrundenaus überhaupt. Damit wollte der erfolgsverwöhnte Coach nicht abtreten. Wirklich besser hat es die Sache nicht gemacht. Selbst treue Gefolgsleute wie Philip Lahm kritisierten ihn für den EM-Auftritt ohne "klaren Plan". Ergebnis: Aus im Achtelfinale. Es bleiben die Erinnerungen an glorreichen Zeiten.

M wie Mancini, Roberto: Was hat er nur, was andere nicht haben? Vor allem einen Draht zu seinen Spielern, sagen die, die es wissen müssen. Der Europameistertrainer behandelt alle seine Profis gleich, traut ihnen allen etwas zu, auch wenn sie nicht von den ganz großen Vereinen kommen, und er hat einen taktischen Plan für ein attraktives offensives Spiel ohne die Defensive zu vergessen. Und wenn es nötig ist, wie im Finale, dann besinnt er sich auch auf die italienischen Tugenden. Das Ergebnis: EM-Titel nach drei Jahren ohne Niederlage. Besonders sympathisch: Weil er selbst bei einem großen Turnier mal nicht zum Einsatz kam, hat er während der EM alle wenigstens einmal eingesetzt. Außer dem dritten Torwart, da gab es leider keine Chance.

N wie Neonblond: Was uns durch Englands Niederlage erspart blieb: Alle "Three Lions" mit neonblond gefärbter Paul-Gascoigne-Gedächtnis-Frisur. Phil Foden von Manchester City hatte sich den Blondschopf des EM-Stars von 1996 verpasst und alle Teamkollegen samt Trainer überzeugt, beim EM-Sieg unter die Blondierten zu gehen. Wird jetzt nix, manch einer mag aufatmen.

O wie Oranje: Wie kriegen sie das nur immer wieder hin? So viele tolle Spieler, so herrlicher Angriffsfußball. So viele tolle Fans. Und dann kommt im Viertelfinale Tschechien, und wieder ist es aus mit den großen Träumen in orange. Die Elftal weiß selber nicht, was sie immer wieder ausbremst. Für den nächsten Anlauf hoffen die Niederländer auf Ausnahmeverteidiger Virgil van Dijk. Irgendwann muss es doch mal wieder klappen mit einem Titel. Aber gleich Weltmeister?

P wie Patrick Schick: Der Tscheche in Diensten von Bayer Leverkusen schießt gegen Schottland das tollste Tor des Turniers - ein 52-Meter-Schuss im hohen Bogen von der Mittellinie aus. Unerreicht.

Q wie Qatar: Sehnsuchtsort für alle, die diesmal (wieder) nicht zum Zuge kamen.  Nächster Halt: WM 2022 am Golf. Hierzulande könnte es Public-Glühwein-Viewing im Advent geben – wenn Corona bis dahin im Zaum und alle geimpft sein sollten. Wem legt der Weihnachtsmann den Pokal unterm Baum?

R wie Rassismus und Regenbogen: Da hilft kein Knien vor dem Anpfiff. Regenbogenfahnen werden einkassiert in Baku. Wegen bunter Kapitänsbinden wird ermittelt. Nicht-weiße Spieler werden in sogenannten sozialen Medien mit Hass überschüttet, nur weil sie einen Elfmeter verschossen haben. Der Fußball will verbinden, "Respect"-Kampagnen reichen aber offensichtlich nicht aus.

S wie Selbsttor: Was war da los? Es gab mehr Selbsttore als in allen EM-Turnieren zuvor zusammen. Darunter das erste Torhüter-Eigentor der EM-Geschichte, dem gleich das zweite folgte. Portugal und die Slowakei schafften es, in einem Spiel gleich doppelt in den eigenen Kasten zu treffen. Wird das Spiel zu schnell für die Verteidiger?

T wie Torschützenkönig wurde kein anderer als Cristiano Ronaldo. Fünf Treffer reichten dem portugiesischen Superstar, trösteten ihn aber nicht darüber hinweg, dass er mit seinem Team den Titel nicht verteidigen konnte. Immerhin: Mit insgesamt 14 Toren ist er jetzt der erfolgreichste Goalgetter der EM-Geschichte. Einer von vielen CR-7-Rekorden.

U wie Uefa: Nicht die Heimat von Empathie und Fingerspitzengefühl. Eriksen kollabiert? Dänemark soll/muss weiterspielen. Pandemie? Es bleibt beim paneuropäischen Turnier mit vielen Reisen. Regenbogenfarben? Nur, wenn sie niemanden (politisch) stören. Abstand wegen Corona? Die Stadien werden so voll gemacht wie nur möglich. Keine Überraschung: Der Fußball ist kaum mehr als Mittel zum Zweck, der da heißt: Geschäft und Show.

V wie Videoschiedsrichter: War da was? Eben. Kein langes Hin-und-her, keine Zehn-Minuten-Checks und keine Einmischung wenn keine klare Fehlentscheidung vorliegt. Vieles lief im Hintergrund. Eigentlich hätte man sich gefühlt nur bei Sterlings Schwalbe im Dänemark-Spiel ein Eingreifen gewünscht. In dieser Form bitte auch in der Bundesliga.

W wie Weltmeister: Wenn die Pogbas, Griezmanns, Benzemas, Mbappés und Kantés richtig aufdrehen, dann kann ihnen kaum einer das Wasser reichen. Doch das tun die von Coach Didier Deschamps disziplinierten Superstars viel zu selten. Und wenn, dann werden sie schnell arrogant. Das Tänzchen von Paul Pogba nach seinem 3:1 gegen die Schweiz machte das sehr deutlich. Doch die Eidgenossen bestraften die Haltung und kegelten den Weltmeister von 2018 aus dem Turnier. Ob es Les Bleus ein Lehre sein wird?

X für ein U vormachen: Freundlicher Ausdruck für Schwalbe. Besonders eindrucksvoll vorgeführt vom Engländer Raheem Sterling im Halbfinale gegen Dänemark. Die "Three Lions" bekommen den Elfer, Harry Kane trifft erst im Nachschuss. Offensichtlich hatte die Truppe von Gareth Southgate damit ihr Elfmeterglück aufgebraucht, wie sich im Finale zeigte.

Y wie Youngster: Ob der Spanier Pedri, der Deutsche Musiala, beide 18, oder der Engländer Saka, 19 – alles blutjunge tolle Talente. Aber um den Titel zu holen, müssen sie noch reifen (siehe A wie Alter). Ihre Zeit wird kommen. Freuen wir uns drauf.

Z wie Zwanzig-zwanzig: Was schert den modernen Fußball der Lauf der Zeit? Eine EM ist kein Turnier mehr, sondern ein Produkt. Deshalb liefen die 51 Spiele unter dem Etikett Euro 2020. Wer hätte auch den ganzen Merchandising-Kram umetikettieren wollen? Bleibt die Frage: Ist Italien nun Europameister 2021 oder Euro-2020-Sieger? Es wird der "Squadra Azzurra" ebenso egal sein wie den Tifosi.


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