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Champions League Nächster Schritt zum Triple, aber: Im Finale muss der FC Bayern seine Schlampigkeiten abstellen


Der FC Bayern hat mit einem 3:0 gegen Olympique Lyon das Finale der Champions League erreicht. Doch das deutliche Resultat überspielt einige Schlampigkeiten, die sich die Münchner im Finale gegen Paris Saint-Germain besser nicht leisten.
Von Frank Hellmann

Neben dem geschwungenen Dach und den großen, gelben Dachstützen vor der grünen Fassade prägen vor allem die kunterbunten Schalensitze das Erscheinungsbild im Estádio José Alvalade XXI. Viele davon sind gerade für das große Finalturnier in der Champions League mit riesigen Planen überzogen, aber ansonsten bildet das Gemisch aus gelben, braunen, blauen oder grauen Sitzflächen den Rahmen für den Geisterspielbetrieb der Königsklasse. Einen ähnlich bunten Strauß hat der FC Bayern in seinem fußballerischen Portfolio geführt, als die Münchner sich am Mittwochabend in der Heimspielstätte von Sporting Lissabon mit einem 3:0 (2:0) gegen den französischen Favoritenschreck Olympique Lyon für das Finale am kommenden Sonntag (21 Uhr/live im ZDF, auf Sky und im stern-Ticker) qualifizierten.

Eines aber ist gewiss, soll der Traum vom Triple in Lissabon nicht gegen Paris Saint-Germain platzen, muss der deutsche Rekordmeister einige Facetten in seinem Spiel schnell wieder abstellen. Torwart Manuel Neuer wollte den Finger zwar nicht allzu tief in die Wunde legen, aber der FCB-Kapitän deutete an, dass das klare Resultat die eine oder andere Unzulänglichkeit überdeckte: "Wir hatten am Anfang etwas Glück, dass wir nicht in Rückstand geraten. Dann haben wir unsere Klasse gezeigt, Lyon immer unter Druck gesetzt und durch hohe Balleroberungen gute Akzente gesetzt. Wir hatten auch Glück, dass das Tor von Serge zur richtigen Zeit kam."

Robert Lewandowski schreit seinen Jubel heraus. Sein 3:0 gegen Lyon machte den Einzug ins Finale klar. Dort müssen die Bayern aber wachsamer sein.
Robert Lewandowski schreit seinen Jubel heraus. Sein 3:0 gegen Lyon machte den Einzug ins Finale klar. Dort müssen die Bayern aber wachsamer sein.
© Franck Fife / AFP

FC Bayern: Gnabry lenkt Spiel in richtige Richtung

Tatsächlich war es Serge Gnabry, der an seinen herausragenden Auftritt in der Gruppenphase bei den Tottenham Hotspur (7:2) anknüpfte, um dieses wegweisende K.-o.-Duell zu entscheiden. Mit seinem Doppelschlag (18. und 32.) legte der 25-jährige Nationalspieler vor der Pause den Grundstein zum Finaleinzug. Klar, dass der Basketball-Fan – seine "Cooking"-Jubelgeste ist eine Hommage an NBA-Star James Harden – die Auszeichnung zum "Man of the Match" entgegennahm, die allein ob seines Weltklassetores zum 1:0 – mit seinem schwächeren linken Fuß erzielt – hochverdient war. "Wir wussten, dass hinter der Fünferkette Raum ist. Wir haben es oft versucht und es ist auch oft gelungen. Das war vor allem in der ersten Halbzeit der Schlüssel", sagte der Matchwinner hinterher. "Wir haben zum Glück zur Halbzeit 2:0 geführt."

Gnabry ist auch zuversichtlich, erstmals in seiner Karriere den Henkelpott in die Höhe stemmen zu können. Warum die Bayern wie schon 2013 reif fürs Triple sind, begründete der Flügelflitzer so: "Weil wir es unbedingt gewinnen wollen. Das ist der entscheidende Faktor. Wir werden am Sonntag alles geben, um den Titel zu holen." Doch den Verantwortlichen dämmerte noch in der derselben Nacht, in der sich die bayrischen Protagonisten bis auf wenige Ausnahmen überschwängliche Jubelgesten verkniffen - nur Robert Lewandowski trommelte nach seinem 15. Champions-League-Treffer zum 3:0-Endstand (88.) kurzzeitig mit beiden Fäusten auf den Rasen - , dass es dafür auch eine andere Ausrichtung braucht.

Flick: OL hat auch "immer wieder weh getan"

Trainer Hansi Flick waren die Abwehrschwächen – nach der Pause zudem verstärkt durch den Einsatz des nicht immer sicher wirkenden Niklas Süle für den angeschlagenen Jerome Boateng – jedenfalls nicht verborgen. "OL" habe "uns auch immer wieder weh getan", räumte der 55-Jährige in Bezug auf die Anfangsphase ein, als Lyon durch Memphis Depay das Außennetz (4.) und durch Karl Toko Ekambi nur den Pfosten (17.) traf. Das "Glück", sagte Flick, half gegen Lyon zu Beginn mit, aber Weltstars wie Neymar oder Kylian Mbappé werden im Finale kaum so großherzig sein.

"Wir wissen, dass Paris sehr schnelle Spieler hat. Da müssen wir schauen, dass wir die Defensive etwas anders organisieren", sagte der Weltmeister-Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. "Wir haben die Räume hinter der Abwehr nicht so gut verteidigt", ergänzte Flick, dem das "hohe Risiko" seiner hoch stehenden Deckung bewusst ist. Ist es eine Option, Weltmeister Benjamin Pavard nach überstandener Verletzung aufzubieten, um Neymar und Mbappé besser bekämpfen zu können und dafür Joshua Kimmich wieder ins zentrale Mittelfeld zu ziehen? Dann würde Thiago wohl seinen Platz in der Zentrale räumen müssen. Die Spielanalyse im Lager des FC Bayern dürfte bis zum Wochenende etwas umfassender ausfallen, deutete Abwehrchef David Alaba an, der wohl bald mit einem neuen Arbeitsvertrag in den Reigen der Rekordverdiener à la Lewandowski  aufsteigt.

Nichts erinnerte an "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft"

Denn trotz aller berechtigter Kritik an dem Auftritt gegen Lyon: Zu keiner Phase leisteten sich die Bayern ja solche Schludrigkeiten und Nachlässigkeiten, die nach einer 0:3-Blamage im Frühjahr 2001 gegen denselben Gegner (damals gab es noch eine zweite Gruppenphase) zu der legendären Wutrede von Ehrenpräsident Franz Beckenbauer und zum wenig schmeichelhaften Vergleich mit der "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" führten. Stattdessen haben die Münchner ihren 20. Pflichtspielsieg in Serie eingefahren. Zudem hat der FC Bayern endlich wieder ein Halbfinale überstanden. Seit dem Triumph 2013 im deutschen Finale in Wembley gegen Borussia Dortmund (2:1) waren sie in allen vier Halbfinals der Königsklasse ja gescheitert: Von 2014 bis 2016 unter Pep Guardiola gegen Real Madrid, den FC Barcelona und Atlético Madrid, 2018 unter Jupp Heynckes erneut gegen Real. 

Flick kann sich in Rekordzeit von seinen prominenten Vorgängern emanzipieren. Sein Ensemble bringt Technik und Tempo, Wucht und Athletik, Wille und Ehrgeiz mit, um auf Europas Thron Platz zu nehmen. Anders als sein Final-Gegenüber Thomas Tuchel am Vortag wollte der Bayern-Trainer auch keine kindliche Rührung zeigen, sich auf dieser Bühne zeigen zu können. Mit der ihm eigenen Gelassenheit kündigte Flick an: "Wir werden gucken, dass wir zu Kräften kommen, hundert Prozent Energie sammeln und dann gegen Paris mit einer Topleistung versuchen, den Titel zu gewinnen." Ihm kann schon ein Dreivierteljahr auf dem Cheftrainerposten reichen, um sich in seiner Champions-League-Premierensaison mit dem zweiten Triple des FC Bayern nach 2013 einen prominenten Platz in den Annalen zu sichern. Fest steht schon, dass am Sonntag im Estadio da Luz, der zweiten großen Arena der portugiesischen Hauptstadt, ein Jahr nach Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool wieder ein deutscher Trainer die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball gewinnt.

dho

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