VG-Wort Pixel

Fußball Dortmunder Protest in Hamburg - Die Macht der Kurve


BVB-Fans demonstrierten in Hamburg vor dem Stadion gegen die hohen Eintrittspreise, da sie englische Verhältnisse fürchten. Im Mutterland des Fußballs schaut man aber gerade nach Deutschland und will von der Bundesliga lernen.

Im norddeutschen Dauerregen protestierten vor dem Stadion des HSV gut sechshundert angereiste Dortmund-Fans gegen die aus ihrer Sicht teuren Eintrittspreise und verfolgten den 5:1-Sieg ihrer Lieblinge beim Hamburger SV am Radio. So weit so gut mag sich der Leser denken. Was mögen sechshundert Fans ausrichten, sorgen in dieser Saison durchschnittlich fast 45.000 Zuschauer doch meist für volle Ränge in den Arenen der höchsten deutschen Spielklasse?

19 Euro plus zusätzlicher Servicegebühren hätten die Dortmunder Fans hinlegen sollen, um in den Stehplatzbereich zu kommen. 36 Euro hätte der billigste Sitzplatz gekostet, um das Spiel von weit oben hinter dem Tor beobachten zu können. Das war ihnen zu teuer. Die Fans, die sich gegen diese hohen Preise wehren, haben sich in der Initiative "Kein Zwanni“ zusammengeschlossen. 13.000 Fans unterstützen die Organisatoren auf Facebook.

Das Ziel der Gruppierung ist, dass ein Stehplatz maximal 15 Euro kosten sollte, die Preisgestaltung der Sitzplätze sollte bei 25 Euro beginnen. In Dortmund zahlt man aktuell 14,90 Euro für den Stehplatz, Sitzplätze gibt es ab 28,20 Euro. Heißt der Gegner Bayern München, Schalke 04, Leverkusen, Mönchengladbach, Hamburg oder Köln werden vom Club 20 Prozent draufgeschlagen. Gästefans müssen auf den Stehplätzen diesen Zuschlag nicht zahlen, was die Initiative als Erfolg für sich verbucht.

Englische Verhältnisse in Deutschland?

Vor "englischen Verhältnissen" warnen die Fans und meinen damit die ungeheure Preisentwicklung der letzten 30 Jahre, auf die schon Nick Hornby in seinem Werk Fever Pitch ausführlich hingewiesen hatte. Beim englischen Meister Manchester United zahlt man derzeit etwa 34 Euro für den billigsten Sitzplatz. Bei Hornbys Arsenal sind es 42 oder 61 Euro – je nach Gegner. Stehplätze gibt es bekanntlich ja keine.

Doch die Bundesliga hat in den letzten Jahren preislich mächtig aufgeholt. Mit der Modernisierung der Stadien und Verknappung der Stehplätze wurde auch die Bundesliga deutlich teurer. Mitte der Achtziger war es durchaus noch möglich, für acht DM ein Spiel zu sehen. Seitdem wurden große Bereiche der Stehplatztraversen in den Stadien bis auf wenige Ausnahmen wie beispielsweise in Dortmund oder bei Union Berlin in teurere Sitzplätze umgewandelt.

Die Entwicklung gibt den Machern recht. Die Plätze werden massiv nachgefragt und so wurde eine Preisspirale auch in Deutschland in Gang gesetzt, sodass heute oft 25 Euro oder mehr hingelegt werden müssen, um aus der Hintertorperspektive einem Match zuzusehen. An Stehplatztickets für ein einzelnes Heimspiel zu kommen, ist in der Regel schwierig. So oder so ist es aber heutzutage gut vier- bis siebenmal so teuer eine Bundesligapartie zu verfolgen, als noch vor 25 Jahren.

Hoeneß und Rauball sind sich einig

Die Löhne der Bevölkerung sind dieses Tempo nicht mitgegangen. Und so scheinen die Worte eines Uli Hoeneß abenteuerhaft, wenn er von einer Subventionierung der Stehplatzkarten durch die Logenbereiche spricht. Eine Subvention ist eine finanzielle Hilfeleistung. Doch auch der vermeintlich ‚subventionierte Fan‘ zahlt in München sieben Euro, wenn er das Glück hatte, an eine Stehplatz-Dauerkarte zu kommen, beziehungsweise eben 15 Euro für einen Steh- oder 30 Euro für den billigsten Sitzplatz.

Der angeblich "subventionierte Fan" wurde zuletzt auch von Reinhard Rauball in seiner Funktion als Präsident beim Neujahrsempfang der DFL ins Spiel gebracht, da der durchschnittliche Eintrittspreis in Deutschland erheblich billiger als in England ist. Sind es aber nicht genau diese Fans, die die Grundlage für all jenes sind, was Spieler und Macher viele Millionen einbringt? Es lohnt sich diesbezüglich der Blick auf die Insel. Dort blickt nicht nur mancher Fan neidisch auf die Bundesliga. Auch die Verantwortlichen haben den Erfolg in Deutschland registriert und beginnen daraus ihre Lehren zu ziehen.

Es ist nicht nur der höchste Zuschauerschnitt Europas, der das Interesse regt. Die Stimmung in den Stadien ist sehr viel besser, was nicht unwichtig für die Fernsehsender in aller Welt ist. Optisch wie akustisch kann die Premier League in dieser Beziehung nicht mithalten. Im Stehen singt es sich eben besser, aber in Englands Stadien ist Stehen streng verboten. Jedes Wochenende geraten Fans mit den Stewards deshalb aneinander.

Die Premier League schaut nach Deutschland

Rauball hat zuletzt immer wieder versichert, unter ihm werde es keine Abschaffung der Stehplätze geben. Für die Liga ist es wichtig, diese Plätze zu erhalten, denn einerseits verschafft die größere Kapazität mehr Kunden Zutritt in die Stadien, was gut für die Bindung ist und weitere Umsätze einbringt. Andererseits sind diese Fans wichtig und prägend für das eigene Image – Pyrotechnik hin oder her.

Da verwundert es nicht, dass es in England erste Pläne gibt, den Bann der Stehplätze aufzuheben. Unter dem Motto "safe standing“ hat Aston Villa eine Diskussion eröffnet. Es gibt Optimisten, die gar an die Wiedereinrichtung einer Stehtribüne zur Saison 2013/14 glauben. Das wird kein leichtes Unterfangen, denn der englische Gesetzgeber muss dem zustimmen und schon haben sich Angehörige der Hillsborough-Opfer zu Wort gemeldet, die ihr Unverständnis gegenüber eines solchen Vorhabens ausdrückten.

Rückkehr der Stehplätze?

Die Gründe, weshalb Aston Villa Stehplätze wieder einführen möchte, liegen auf der Hand. Der Club hat mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen. Außerdem können sich viele junge Menschen, also die Kunden von morgen und übermorgen, die teuren Eintrittspreise nicht leisten. Die Preise für die neuen Stehplätze sollen daher deutlich billiger werden.

Diese Probleme hat man bei Arsenal nicht. Und dennoch ist Vorstand Ivan Gazidis von der Idee aus Birmingham angetan. Auf der Arsenal-Homepage fragt er, warum man gegen solch ein Vorhaben sein sollte, wenn es sicher wäre. "Ich finde es attraktiv, denn es gibt Fans, die gerne stehen, die für Stimmung im Stadion sorgen.“ Es schaut ganz so aus, als ob in England ein Stimmungsumschwung einsetzt, der maßgeblich von der Bundesliga in Gang gesetzt wurde. Denn immer wieder wird in den englischen Medien Clubs auf die größte Stehplatztribüne Europas in Dortmund verwiesen.

Weiter nördlich ist man schon etwas weiter. Die schottische Premier League hat einem Konzept die Zustimmung gegeben, was allen Clubs in Absprache mit den zuständigen Behörden erlaubt, günstige Stehplätze in den Stadien wieder einzurichten. All das hat man in Dortmund registriert. Die in der Initiative "Kein Zwanni“ organisierten Fans haben durchaus Macht. Sie stehen stellvertretend für die Kurven, die die Bundesliga in den letzten Jahren weit nach vorne gebracht haben – subventioniert oder nicht.

Uwe Toebe

sportal.de sportal

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker