VG-Wort Pixel

Fußball-Nationalmannschaft Auch Altgediente müssen zittern


Im EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich vertraut Bundestrainer Joachim Löw wohl ein letztes Mal von Beginn an auf Lukas Podolski. Auch andere Altbewährte müssen zittern.
Von Klaus Bellstedt, Düsseldorf

Am Tag vor einem wichtigen Fußballspiel interessiert die Öffentlichkeit vor allem eines: Wer spielt? Und, manchmal noch viel interessanter: Wer muss draußen bleiben? Bundestrainer Joachim Löw kennt das Spielchen. Mal macht er es mit, mal nicht. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich am Freitag in Gelsenkirchen (ein Sieg noch, und Deutschland hätte bereits vorzeitig das Ticket nach Polen und in die Ukraine gelöst) hatten die Journalisten Glück. Im Düsseldorfer Messezentrum hatte Joachim Löw gerade seine Ausführungen zum Last-Minute-Wechsel von Per Mertesacker zu Arsenal London beendet, als Schwung in die Runde kam. Aus der zunächst so lockeren Plauderei wurde plötzlich eine sehr deutliche Ansprache des Bundestrainers. Der Adressat: Lukas Podolski.

Joachim Löw entzog seinem linken Flügelstürmer für das Österreich-Match zwar nicht den Stammplatz, aber viel klarer hätte die Warnung des Coaches an den Kölner nicht ausfallen können. Podolski tat einem fast ein bisschen leid. Der Bundestrainer kündigte für den Vorabend der Partie auf Schalke sogar noch ein Einzelgespräch mit seinem Problemkind an. Was er dem 26-Jährigen mit auf Weg geben wird? "Lukas, Du musst konstanter spielen. Es kann nicht sein, dass Deine Leistungen so unterschiedlich sind. Du hast doch überragende Fähigkeiten. Zeig sie verdammt noch mal." So ähnlich könnte Löws kleine Motivationsrede ausfallen. Abgesehen von der Anrede fielen dieselben Worte nämlich schon am Nachmittag. Und zwar coram publico. Das klang dann unter anderem so: "Diese Schwankungen von Lukas, die gefallen mir gar nicht."

Der Bundestrainer mag nichts weniger, als wenn einer seiner Spieler sein Potenzial nicht richtig ausschöpft. Das hasst der 51-Jährige, und deshalb kritisiert er Podolski auch so scharf. Der letzte Treffer des Routiniers datiert vom 12. Oktober 2010, er traf damals beim 3:0-Sieg in Kasachstan. Danach kam nicht mehr viel. Sein größter Konkurrent auf dem linken Flügel, André Schürrle, hat seine Chancen regelmäßig genutzt. Sechs Länderspiele hat der 21-Jährige jetzt absolviert, viermal wurde er für den Kölner eingewechselt - und traf in drei dieser Spiele (gegen Uruguay, Aserbaidschan und Brasilien).

Badstuber verdrängt Mertesacker

Noch steht Löw zu Podolski. Der Bundtrainer wird ihn gegen Österreich aller Voraussicht nach erneut in die Startelf berufen. Aber sollte der ihn, wie gegen Brasilien, wieder enttäuschen, dürfte der Stammplatz futsch sein. Wutreden dürfte es dann auch nicht mehr geben. Der DFB-Coach müsste sich stattdessen selbst fragen, ob Podolski mit der Entwicklung der Nationalelf überhaupt noch mithalten kann. Mit einem klaren "Ja" ist diese Frage schon jetzt nicht mehr zu beantworten.

Das Spiel gegen Österreich ist für Löw kein Spiel zum Experimentieren. Er will die EM-Qualifikation schnell klar machen. Für den angestrebten Sieg bietet der Bundestrainer deshalb auch sein derzeit bestes Team auf. Lukas Podolski wird noch mal dazu gehören, Per Mertesacker eher nicht. Analog zum Konkurrenzkampf in der Offensive ist die Auswahl seit der WM in Südafrika auch in der Abwehr größer geworden. Mats Hummels ist in der Innenverteidigung mittlerweile gesetzt. Das war der Ex-Bremer bis zur Sommerpause auch.

Dann warf ihn eine Fersenverletzung zurück. Und jetzt der Trubel um den Wechsel nach London zu den "Gunners", der den 26-Jährigen sichtlich beeindruckt hat. "Ich werde mit Per sprechen und schauen, wie er sich fühlt", sagte Löw am Donnerstag. Nach einer Einsatzgarantie klang das nicht. So schnell kann das heutzutage in der Nationalmannschaft gehen: eine kleine Formkrise, eine Verletzung, dazu jede Menge Kopfkino - und zack - ist man raus. Bayerns Holger Badstuber dürfte den Vorzug vor dem Nationalmannschafts-Führungsspieler Mertesacker bekommen.

Götze muss sich anstellen

Joachim Löw ist für seine klare Linie bekannt. Wenn es ernst wird, nimmt weder auf große Namen Rücksicht, noch lässt er sich von außen hereinreden. Der Boulevard hatte Mario Götze nach dessen furiosem Auftritt beim 3:2-Sieg gegen Brasilien ja bereits in den Himmel geschrieben. Wer aber geglaubt hatte, dass Löw den 19-jährigen Dortmunder Wunderteenager auch gegen Österreich würde zaubern lassen, sieht sich nun getäuscht. Es geht um drei wichtige Punkte, das Match auf Schalke ist kein munteres Lustspiel, folglich vertraut der DFB-Coach auch Mesut Özil auf der "Zehn", für Mario Götze ist kein Platz in der Startelf. Denn: "Ich sehe ihn dauerhaft im Zentrum." Dort habe der BVB-Jungstar "das Spiel in der Tiefe und Breite vor sich", während er außen eher Spieler wolle, "die ständig tief gehen". Spieler wie Thomas Müller oder André Schürrle.

Lukas Podolski muss zittern, Per Mertesacker muss kämpfen - und Mario Götze muss warten. Drei Beispiele, die zeigen, wie hart der Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft mittlerweile geworden ist. So hart es für jeden Einzelnen auch sein mag, für den deutschen Fußball kann das nur gut sein.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker