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Fußball-Presseschau: Die Angst vor dem Fan

Nach der Presse-raus-Aktion auf der Hamburger Mitgliederversammlung befassen sich die Zeitungen mit dem Machtstreben der Fans. Fazit: Der Einfluss der Kuttenträger auf die Vereinspolitik wird weiter zunehmen. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Die Berliner Zeitung ehrt Volker Finke, der sich zum Saisonende vom SC Freiburg trennen wird, und will ihn daran messen, welches Erbe er hinterlässt: "Finke ist als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Er hat die erstaunte Konkurrenz gelehrt, dass Geld ersetzbar ist - durch Kreativität. Er hat seinen Klub zum Gegenentwurf der anderen Vereine gemacht, zum cleveren Nischenfinder, ökologisch abbaubar. Als Finke alles anders gemacht hat, hat die Bundesliga gemerkt, dass sie alles gleich macht.

Der Hype um seine Ideen hat erst die verschnarchte Stromlinienförmigkeit der Rivalen offenbart. (...) Ob die Arbeit des Trainers wirklich nachhaltig war, ob sie dem Klub auch in der Zukunft helfen wird, ist noch nicht zu ermessen - Werder Bremen und der Karlsruher SC jedenfalls sind nach der Trennung von ihren Langzeitherrschern Rehhagel und Schäfer abgestürzt."

Der Tagesspiegel schätzt vor allem Finkes unabhängigen Geist: "Volker Finke hat – wider alle Erfahrung – fünfzehn Jahre in Freiburg durchgehalten und in dieser Zeit sogar drei Abstiege überstanden. Für die Branchengesetzeshüter hat er sich damit der fortgesetzten Anarchie verdächtig gemacht. Aber Finke hat die Legislative aus Bild und DSF-Stammtisch genauso wenig anerkannt wie Udo Lattek als obersten Verfassungsrichter. Vielleicht war dieser Akt des Widerstands seine größte Leistung für den deutschen Fußball."

Führungsvakuum beim SC Freiburg

Die SZ würdigt Finkes große Verdienste, hält aber auch einen Abschied von ihm für geboten: "Es gibt keinen anderen Trainer, der aus wenig so viel gemacht hat. Die Spielstätte, einst ein Acker mit einem Bretterverschlag als Tribüne, ist zu einem modernen Stadion mit 25.000 Plätzen und Solarzellen auf dem Dach ausgebaut, und es gibt die Fußballschule, der Stolz der Freiburger. Das sind bleibende Werte. (...) In jüngster Zeit scheint die Philosophie zu verstauben, im Treibsand zu versinken wie eine Oase in der Wüste. Die Freiburger Verantwortlichen, Manager, PR-Manager, Trainerteam, sind alle im System Finke großgeworden, sie haben es so verinnerlicht, dass es ihnen schwer wird, es weiterzuentwickeln. Vielleicht braucht es einen frischen Windstoß, um den Sand wegzupusten."

Die Stuttgarter Zeitung kritisiert den Kompromiss als halbherzig: "Der SC und sein Finke wirken wie ein Ehepaar, das weiß, dass es miteinander nicht mehr geht, aber es nicht fertigbringt, sich diese Niederlage einzugestehen. Der dringend benötigte Aufbruch der Mannschaft zu neuen Ufern wird durch das Zaudern der Entscheidungsträger eher gehemmt als provoziert. Dafür dokumentiert die Scheu vor einem klaren Votum – und sei es pro Finke! –, unter welch großem Führungsvakuum der Klub leidet. Seit gestern hat die Krise den ganzen Verein erreicht – mit unabsehbaren Folgen."

"Tribünokraten-Debatte" steht bevor

Nach der Presse-raus-Aktion auf der Hamburger Mitgliederversammlung fragt die Welt, wie der HSV die Geister, die er rief, wieder loswerden will: "Es sind die Supporters, zu Mitgliedern gewordene Fans, die heute bestimmen können, wo es langgeht. Dieses Mal warfen sie die Presse aus dem Saal. In zwei Jahren, wenn es bei der Neuwahl des Aufsichtsrats, der dann den Vorstand bestellt, um viel mehr geht, könnte es dramatischer werden. Ihr Frust hat Gründe, die nicht allein in der sportlichen Talfahrt liegen. Sie fühlen sich vom Vorstand, der lieber Vip-Bereiche als Stehplatztraversen vergrößert, nicht ernst genommen, ja geradezu unbeachtet. Es wird daher nicht der letzte denkwürdige, aber wenig würdige Abend im Vereinsleben des HSV gewesen sein."

Die SZ befasst sich mit dem Machtstreben der Fans: "Das Streben der Fans (und derjenigen, die sich hinter ihnen verstecken) in den Klubs nach Macht und Mitsprache wird stärker – dies ist ein globaler Trend. In Deutschland sind derzeit vielerorts basisdemokratische Regungen zu erkennen, von denen man noch nicht weiß, in welche Richtungen sie sich entwickeln. Ob beim TSV 1860 München, in Dresden, auf Schalke, Freiburg, Dortmund oder beim HSV, allerorten versucht die Tribüne mit diversen Methoden die Geschicke zu beeinflussen. Jeder Klub bedarf der soziologischen Einzelanalyse, aber der Trend ist allgemein, und positiv würde er sich so darstellen: Die Fans wollen nicht mehr nur Kunden und Trikotkäufer sein, sie sind die Gewerkschaft in ihrem Verein, der vielerorts zum Konzern geworden ist. So dürfte die Debatte mit den Tribünokraten 2007 zur großen Herausforderung des Profifußballs werden."

Scholl war von allen der Begabteste

Der Tagesspiegel blickt zum (baldigen) Abschied auf Mehmet Scholls Karriere zurück: "Scholls Karriere ist weitgehend im Konjunktiv verlaufen. Scholl ist acht Mal Meister geworden, so oft wie kein anderer Fußballer in Deutschland, er hat die Champions League gewonnen und war Europameister. Einerseits. Andererseits hat Scholl nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen, nur 36 Länderspiele bestritten, was gemessen an seinem Talent eine geradezu lächerliche Zahl ist. Beim ersten war er fast 25, und allein das zeigt, wie sehr Scholl aus der Zeit gefallen ist. Mehmet Scholl ist mit seinem Lebenslauf der prominenteste Vertreter einer verlorenen Generation, die bereits früh desillusioniert wurde. Michael Sternkopf zählt zu ihr, Karlheinz Pflipsen, Marco Haber, Christian Nerlinger, wohl auch Dietmar Hamann und Christian Ziege. Es sind die um 1970 Geborenen, die Anfang der Neunziger zu jung waren für die letzte Blüte des deutschen Fußballs – und 2006 zu alt für die Revolutionstruppen des Jürgen Klinsmann. Scholl war von allen der Begabteste. Ein Trost ist das nicht."

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