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International Chelsea, Real Madrid - Die Joachim-Löw-Gerüchteanalyse


Joachim Löw habe "mit deutlichen Worten" Gerüchte um einen Wechsel nach London oder Madrid dementiert, schreiben alle Medien. Aber hat der Bundestrainer das wirklich getan? Wir wollen unbestätigten Gerüchten keinen übergroßen Raum einräumen. Aber wie plausibel ist der Gedanke, dass die Ära Löw beim DFB im Sommer enden könnte?

Joachim Löw in Chelsea? Joachim Löw in Madrid? In dieser Woche wurde der deutsche Bundestrainer mit zwei der größten Namen des europäischen Clubfußballs in einem Atemzug genannt. Als Kandidat für die Nachfolge von Andre Villas-Boas, der in London entlassen wurde, oder als Jose-Mourinho-Ersatz für den Fall, dass der Portugiese in Madrid aufhört, wurde Löw gehandelt.

Löw ohne eindeutiges Dementi

"Mit deutlichen Worten", so die Deutsche Presse-Agentur, habe Löw derlei Spekulationen aber zurückgewiesen. Kann man so sehen. Man kann es auch so interpretieren wie die Daily Mail ("refuses to rule out sensational switch"). Jedenfalls ist die Aussage Löws in Warschau, wo er am Rande eines technischen EM-Workshops befragt wurde, jetzt auch nicht das kraftvollste Rundum-Dementi, das man je gehört hat: "Meine Zielsetzung ist jetzt die EM 2012, die beginnt in zwei oder drei Monaten für uns, von daher gibt es da für mich keine anderen Gedanken".

Vor der EM wird Löw dem DFB definitiv nicht den Rücken kehren, das hatten aber auch selbst die windigsten Mediengerüchte nicht behauptet. Zur Debatte stand ohnehin nur ein Engagement im Sommer nach der EM. Das soll nun keineswegs heißen, dass ein solcher Wechsel besonders glaubhaft vorgetragen worden wäre. Die Tribune de Genève hatte am Montag berichtet, es habe ein Treffen zwischen Löw und Roman Abramovich in einem Grand Hotel in Genf gegeben.

Luxushotels in aller Welt "haben Löw beherbergt" - in den letzten Wochen

Bestätigt wurde dieses Treffen allerdings nicht. So wäre es durchaus denkbar, dass eine bloß zufällige gemeinsame Anwesenheit beider Personen in der Stadt (Löw hatte einen PR-Termin in der Schweiz wahrgenommen) zu einem Geheimtreffen aufgebauscht wurde. Völlig abwegig wäre ein solches Treffen allerdings auch nicht, zumindest von Seiten Abramovitchs.

Schließlich wurde etwa der heutige HSV-Sportchef Frank Arnesen im Sommer 2005 dabei fotografiert, wie er sich (noch unter Vertrag bei Tottenham Hotspur) mit Abramovich auf dessen Luxusyacht im Mittelmeer getroffen hatte. Das Angebot des Mäzens (Gehaltsverdopplung) war dem Dänen damals Grund genug, nach nur einem Jahr seinen Arbeitgeber zu wechseln.

Die Sportzeitung Sport aus Barcelona berichtet zudem noch heute von einem sogenannten "Geheimtreffen", das es vergangene Woche in einem Madrider Hotel zwischen Löw und Real Madrids Präsident Florentino Pérez gegeben haben soll . Auch hier war von einem "Luxushotel" die Rede. Stellt sich die Frage, ob ein Engagement bei einem der beiden Spitzenclubs im Interesse Löws wäre.

Die spontane Reaktion vieler deutscher Fußballfans hieße wahrscheinlich sinngemäß: "Warum sollte er das denn machen?". Diese Einstellung folgt einer verbreiteten Wahrnehmung, die sich in einer starken und einer schwachen Ausprägung formulieren lässt:

1) Deutscher Nationaltrainer ist der Gipfel jeder Trainerkarriere

Dieser Lesart zufolge ist die WM das Beste, was es im Fußball gibt, Nationalteams generell wichtiger als Clubfußball. Speziell in Deutschland ist das eine weit verbreitete Sichtweise, da Deutschland relativ gesehen bei WMs und EMs erfolgreicher abschneidet als im europäischen Vereinsfußball (verglichen etwa mit England, wo es genau andersherum ist).

Namen wie Berti Vogts und Rudi Völler, aber auch Jürgen Klinsmann und Jupp Derwall sprechen jedoch eine andere Sprache. Selten gab es DFB-Auswahltrainer, die gleichzeitig auch auf Clubebene wirklich erfolgreich gearbeitet haben - schon gar nicht im internationalen Maßstab. Da Löw ohne Frage ein sehr guter Trainer geworden ist - seine Bilanz ist über jede Kritik erhaben - wäre es zumindest nicht absurd, dass ihn eine neue Aufgabe reizen könnte, die noch dazu wesentlich besser bezahlt wäre als sein derzeitiger Job.

2) DFB-Trainer haben ein viel entspannteres Leben als Chelsea-Manager

Das stimmt so sicherlich. Aber warum werden Menschen Trainer von Spitzenclubs? Des Geldes wegen, oder der Herausforderung wegen. Beides spräche dafür, sich nach acht Jahren in Verbandsdiensten noch einmal neu zu orientieren.

Entscheidend könnte jedoch sein, wie Deutschland bei der EM im Juni und Juli abschneidet. Sowohl ein Titelgewinn wie auch ein frühes Scheitern könnten Motive für ein Ende der Ehe zwischen Löw und dem DFB sein. Als Europameister (oder auch nur als abermaliger Vizeeuropameister oder Halbfinalist) könnte Löw das Gefühl haben, das Maximum mit der DFB-Elf erreicht zu haben, beziehungsweise auf dem Zenit seiner DFB-Ära angelangt zu sein, so dass es nie wieder eine bessere Verhandlungsposition geben würde als aktuell.

Im Falle eines (unwahrscheinlichen, aber nicht völlig ausgeschlossenen) Scheiterns in der Vorrunde könnte es ebenfalls Gründe für einen Abschied geben. Doch die Entscheidung darüber werden Clubs wie Madrid oder Chelsea kaum bis in den Juli aufschieben, so dass eine Grundsatzentscheidung auf beiden Seiten wohl schon vor der EM fallen müsste.

Fazit

Die Berichte über diverse Geheimtreffen in Luxushotels sind nicht substanziell genug, um daraus weitreichende Spekulationen über Löws Zukunft abzuleiten. So wäre es Haarspalterei, darauf zu hören, dass der Bundestrainer explizit nicht von der WM 2014 spricht, sondern nur von der EM 2012.

So abwegig, wie viele deutsche Medien das Thema aber behandeln, ist es dann aber auch nicht: Aus Sicht eines Mannes, der 52 Jahre alt ist und dessen größte Erfolge auf Clubebene der Gewinn des DFB-Pokals gegen Energie Cottbus und ein österreichischer Meistertitel sind, wäre tatsächliches Interesse von Real Madrid und/oder Chelsea jedenfalls etwas, das eine Überlegung wert wäre. Das ist nur natürlich und bedeutete wiederum keinesfalls, dass Löw tatsächlich vor Vertragsende die Zelte beim DFB abbrechen müsste.

Entscheidend für Löws Arbeit scheint in den letzten Jahren die konzeptionelle Perspektive zu sein, über die er sich beim DFB immer mal wieder mit Präsident Theo Zwanziger oder auch Sportdirektor Matthias Sammer auseinandergesetzt hatte. Ob Real Madrid in dieser Hinsicht eine interessante Adresse wäre, erscheint fraglich. Chelsea würde auf den ersten Blick schon eher Sinn machen. Denn dort steht weiter der Umbau des Kaders an, der zunächst Andre Villas-Boas aufgetragen wurde.

Auch wenn der Portugiese nicht mehr da ist - die Aufgabe der Verjüngung des Teams bleibt dringend. Sollte Löw zudem volle Kontrolle über Trainerstab und Transfers erhalten (was in England grundsätzlich üblich ist), so wäre London von beiden kolportierten Alternativen die naheliegendere.

Doch Roman Abramovich könnte ein Hemmschuh sein, hat sich der Mogul in der Vergangenheit doch immer wieder in die Arbeit seiner Trainer eingemischt. Und wer vor Jose Mourinho und Carlo Ancelotti keinen Respekt hat, wird auch Löw nicht schalten und walten lassen, wie er will. "Ich verdoppele Ihr Gehalt" könnte aber ein Satz sein, der diesen Nachteil kompensieren könnte - auch im Fall von Joachim Löw. Hochwahrscheinlich ist ein solcher Wechsel nicht. Aber auch lange nicht so ausgeschlossen, wie manche denken.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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