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Korruptionsvorwürfe wegen WM-Vergabe: Fifa-Chefermittler nimmt DFB ins Visier

Chefermittler Garcia hat angekündigt, die WM-Vergaben an Deutschland, Russland und Katar zu untersuchen. Die Fifa will damit ihren Selbstreinigungsprozess vorantreiben. Doch das ist wenig glaubwürdig.

Von Tim Schulze

Die neu eingerichtete Ethikkommission des Weltfußballverbandes Fifa kommt so langsam in Fahrt. Der frisch berufene Chefermittler, der US-Jurist Michael Garcia, will die Vergabe der WM 2006 an Deutschland sowie der Endrunden 2018 an Russland und 2022 an Katar untersuchen. Das sagte Garcia jetzt in einem Interview mit der ARD-"Sportschau", die Auszüge vorab veröffentlichte.

Die reformierte Ethikkommission ist das Ergebnis eines vom Fifa-Präsidenten Sepp Blatter angeschobenen Reformprozesses, um Korruption innerhalb des Verbandes zu untersuchen und ihn transparenter zu machen. In einer ersten Maßnahme suspendierte die Kommission den früheren Fifa-Funktionär Mohamad bin Hammam für 90 Tage, nachdem der internationale Sportgerichtshof Cas die lebenslange Sperre, die die Fifa im vergangenen Jahr verhängt hatte, aufgehoben hatte. Dem Ex-Präsidenten des Asien-Verbandes Hammam wird vorgeworfen, im Wahlkampf um den Fifa-Chefposten im Vorjahr mehrere Funktionäre aus der Karibik mit je 40.000 Dollar bestochen zu haben. Bin Hammam wollte bei der Wahl gegen Blatter antreten. Doch nachdem die Vorwürfe aufgetaucht waren, zog er seine Kandidatur zurück. Präsident Blatter wurde im Amt bestätigt.

Theo Zwanziger unterstützt die Ermittlungen

Jetzt soll also der nächste Schritt im propagierten Selbstreinigungsprozess der Fifa folgen. Schon immer gab es Gerüchte um Bestechungsvorwürfe und Einflußnahme bei der Vergabe der Weltmeisterschaften, auch bei der Entscheidung für Deutschland als Ausrichter 2006. Chefermittler Garcia kündigte an, Licht in das Dunkel bringen zu wollen. "Wenn Sie sich das anschauen, dann ist doch klar, dass es da was zu untersuchen gibt, und das werde ich tun", sagte er gegenüber der ARD. In Bezug auf die WM-Vergabe an Deutschland im Juli 2000 erhält Garcia Unterstützung vom ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der im Exekutivkomitee der Fifa sitzt: "Die WM-Vergabe muss auch überprüft werden, wenn es Verdachtsmomente gibt, die ich nicht kenne", sagte Zwanziger in einem Interview mit dem dem Journalisten Jens Weinreich.

Die Ermittlungen zu den WM-Vergaben sind auch die Folge eines anderen Korruptionsprozesses. Im Juli hatte die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug die Einstellungsverfügung im Verfahren gegen den Sportrechtehändler ISL veröffentlich. Seitdem ist es amtlich, dass der frühere Fifa-Boss Joao Havelange und dessen brasilianischer Landsmann Ricardo Teixeira Zahlungen in Millionenhöhe vom schweizerischen Unternehmen angenommen hatten. Zwanziger hatte daraufhin gefordert, auch die jahrelangen Provisionszahlungen an andere Funktionäre intensiv zu beleuchten. Beim Lesen der Einstellungsverfügung seien ihm "viele Geldflüsse" aufgefallen. "Ich kann mir dabei nichts denken, weil das alles anonym ist. Das muss man aufklären", bekräftigte Zwanziger in dem Interview.

Geschichten von prall gefüllten Briefumschlägen

In den Dokumenten findet sich unter anderen ein Eintrag, wonach eine anonyme Person mit dem Kürzel "E 16" am 5. Juli 2000 eine Summe von 250.000 Dollar erhalten habe. Am Tag danach setzte sich Deutschland bei der WM-Vergabe gegen Südafrika durch, weil der Vertreter des ozeanischen Verbandes, Jack Dempsey, vor der Abstimmung überraschend den Raum verlassen hatte und sich so seiner Stimme enthielt. Im dritten Wahlgang setzte sich dann Deutschland mit 12:11 durch. Bei einem Gleichstand hätte Präsident Blatter noch eine Stimme gehabt. Er galt als Befürworter Südafrikas. Dempsey kann nicht mehr zur Aufklärung beitragen, er ist mittlerweile verstorben. Merkwürdig bleibt die Tatsache, dass Dempsey von seinem Verband angehalten war, für Südafrika zu stimmen. Der ehemalige Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees, Fedor Radmann, versichert dagegen, dass Dempsey seine Stimme dem DFB versprochen hatte.

Dass die Ethikkommission jetzt die Ermittlungen aufnimmt, ist nachvollziehbar, dennoch ist der Zeitpunkt interessant. Blatter hatte bereits vor wenigen Wochen in Andeutungen von einer gekauften Abstimmung über die WM 2006 gesprochen, und zwar als Retourkutsche für immer heftigere Kritik aus Deutschland an seiner Person. Unter andern hatte Reinhard Rauball, Präsident des deutschen Ligaverbandes, Blatter wegen der offensichtlichen Korruption des Verbandes zum Rücktritt aufgefordert. Das Tischtuch zwischen Blatter und dem DFB ist längst zerschnitten. Der Fifa-Präsident gilt als das eigentliche Problem im Korruptionsgeflecht des Welt-Verbandes. Die nie bewiesenen Geschichten von angeblichen Besuchen in Hotels und prall gefüllten Briefumschlägen, die dankbare Funktionäre von Blatter und seinen Helfershelfern erhalten haben sollen, um seine Wiederwahl zu sichern, sind legendär.

Blatter hat seine Leute überall

Garcia, der früher als Bundesstaatsanwalt von New York Mafia-Größen und Wallstreet-Finanzbetrüger angeklagt hat, sagt zwar, dass er in den Ermittlungen bei entsprechenden Erkenntnissen auch vor Blatter nicht haltmachen will. "Je wichtiger die involvierte Person ist, umso wichtiger ist es, sie auch zu untersuchen", erklärte der 51-Jährige. Neben Ermittler Garcia führt der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert die zweite, rechtsprechende Kammer der Ethikkommission. Eckert legte sich in Bezug auf Blatter ebenfalls mächtig ins Zeug: "Entweder er klärt auf, oder er ist weg."

Es gibt allerdings Kritiker, die solche Ankündigungen für Schaumschlägerei halten. Garcia wurde für seine Aufgabe nach ARD-Informationen nicht von einem unabhängigen Beratungsgremium, sondern aus Fifa-Kreisen vorgeschlagen. Viele halten Garcia schlicht für einen Mann Blatters. Außerdem besteht das weitere Personal der Kommission ebenfalls aus Blatter-Leuten. Die versprochene Aufklärung ist so kaum glaubwürdig. Wer ermittelt schon gegen sich selbst? Und Richter Eckert? Der kann nur über Dinge Urteilen, die ihm sein Ermittler auf den Tisch legt.

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