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Nationalmannschaft-Bilanz: Die Geburt der "goldenen Generation"

Nur strahlende Gesichter gab es am Montag in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Trainer und Manager der Nationalmannschaft hatten gut lachen. Sie präsentierten eine tolle Bilanz 2006 - und wagten einen euphorischen Ausblick.

2006 war vor allem ein berauschendes WM-Sommermärchen, doch Bundestrainer Jochim Löw sieht für die Fußball- Nationalmannschaft noch traumhaftere Perspektiven in den kommenden Jahren. Der Verjüngungsprozess soll weiter forciert werden und sich möglichst schon bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz sowie der nächsten WM-Endrunde 2010 in Südafrika mit einem Titelgewinn auszahlen. "Gerade mit den jungen Spielern wie Lahm, Schweinsteiger, Podolski, Mertesacker und so weiter haben wir auf die nächsten Jahre so etwas wie eine goldene Generation", schwärmte Löw am Montag in Frankfurt am Main bei einer Bilanz des WM-Jahres.

Nach einem Jahr der Rekorde, in dem er vom Assistenten Jürgen Klinsmanns zu dessen Nachfolger aufstieg, fühlt sich Löw urlaubsreif. "Ich sehne mich nach Ruhe", verriet der Badener. Für das neue Jahr setzte der 46-Jährige aber zunächst noch neue, ehrgeizige Ziele: "Das Allerwichtigste in 2007 ist die EM-Qualifikation. Da wollen wir möglichst früh einen entscheidenden Schritt tun", sagte Löw mit Blick auf das erste Punktspiel des Tabellenführers der Gruppe D am 24. März 2007 in Prag gegen den punktgleichen Tabellenzweiten Tschechien.

Perspektiv-Spieler im Visier

Parallel zur Qualifikations-Pflicht soll die Verjüngung der DFB-Auswahl vorangetrieben werden. Die Liste des Perspektiv-Kaders umfasst derzeit 12 bis 15 Spieler. Dazu zählen laut Löw unter anderem der Stuttgarter Mario Gomez, die Leverkusener Stefan Kießling und Gonzalo Castro, der "sehr talentierte" Berliner Kevin-Prince Boateng oder Eugen Polanski von Borussia Mönchengladbach. "Wir haben die Perspektiv-Spieler ganz besonders unter die Lupe genommen. Da rückt eine Generation nach, die Akzente setzen kann", meinte Löw.

Mit "Vorsicht und Nachdruck" will er die möglichen künftigen Nationalspieler gezielt fördern. Wie schnell dabei ganz neue Namen ins Blickfeld rücken können, unterstrich Torwarttrainer Andreas Köpke am Beispiel von Torhüter Manuel Neuer, der bei Schalke Frank Rost als Nummer 1 abgelöst hat. Schon im Januar sollen die Perspektiv-Spieler kontaktiert werden und ihnen im persönlichen Gespräch ihre Chancen und Erwartungen vermittelt werden. "Das kann bei diesen Spielern eine unglaubliche Motivation auslösen", hofft Löw.

Lange 2006-Rekordliste

Auch WM-Verlierer wie Stürmer Kevin Kuranyi dürfen 2007 auf ein Comeback im DFB-Trikot hoffen. "Man hat das Gefühl, dass Kevin jetzt in Schalke Fuß gefasst hat. Er steht bei uns weiter in den Notizbüchern", sagte Löw über den 35-maligen Nationalspieler.

Das Rückgrat der Nationalmannschaft werden aber mittelfristig weiterhin die Akteure bilden, die bei der WM nur knapp den Triumph verpasst hatten. Michael Ballack & Co. genießen eine Sonderstellung. "Die Nationalmannschaft ist wieder Deutschlands liebstes Kind", hob Team-Manager Oliver Bierhoff den Imagegewinn des WM-Dritten hervor. Löws Co-Trainer Hansi Flick konnte eine lange Rekordliste aufzählen. So verließ man nach 14 der 18 Länderspiele als Sieger den Rasen, und beim 13:0 in San Marino gelang sogar der höchste Auswärtserfolg in der DFB-Geschichte. Eine Millionen Menschen feierten am 8. Juli 2006 den "Weltmeister der Herzen" am Brandenburger Tor, der DFB verkaufte die Rekordzahl von 2,6 Millionen Deutschland-Trikots. "Es war für den deutschen Fußball ein richtig geiles Jahr", schwärmte Flick.

Pleiten-Serie der Clubs bereitet Sorgen

Für Löw, den Bierhoff schon als "Meistertrainer" bezeichnete, war 2006 aber "kein Märchen", sondern das Produkt eines klaren Konzepts: "Es war keine Zauberei, sondern harte Arbeit." Und die Ansprüche sind gewachsen: "Wir sind in der Fifa-Weltrangliste von Platz 17 auf 6 vorgerückt. Damit hängt die Latte sehr hoch." Das unterstrich auch Bierhoff, der eine mutige Titelrechnung aufmachte: "Bei der WM 1970 gab es auch ein Halbfinal-Aus gegen Italien. 1972 wurden wir dann Europameister und 1974 Weltmeister. Ich versuche mal, damit jetzt ein wenig Druck auf die Trainer auszuüben."

Auf dem Weg zu neuen Titeln bereitet Löw jedoch die Pleiten-Serie der Bundesliga-Clubs auf internationaler Ebene Kummer. "Wir würden lügen, wenn wir sagen würden, das macht uns keine Sorgen. Spiele wie in der Champions League sind enorm wichtig für die jungen Spieler", kommentierte der Bundestrainer den drohenden Verlust des dritten Champions-League-Platzes.

Klassiker gegen England im August 2007

Einen absoluten Höhepunkt wie die WM gibt es 2007 nicht. Auf 18 Länderspiele 2006 folgen "nur" 12, acht davon in der EM-Qualifikation sowie vier Freundschaftsspiele, darunter am 22. August der Klassiker gegen England im neuen Londoner Wembleystadion. Der Auftakt steigt in Deutschland: Am 7. Februar 2007 testet die Nationalmannschaft in Düsseldorf gegen EM-Mitgastgeber Schweiz.

Klaus Bergmann/DPA

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