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Neue deutsche Welle: Junge Vorbilder statt Wohlstandsjünglinge

Unter Berti Vogts und Erich Ribbeck waren die Youngster als Wohlstandsjünglinge verschrien, jetzt sind sie die Hoffnungsträger. Klinsmann plant für 2006.

Den Wandel im öffentlichen Bild haben Deutschlands größte Fußball-Talente vor allem sich selbst und auch Jürgen Klinsmann zu verdanken. "Wir sehen eine Generation am Kommen, die immer schlecht geredet worden ist", erklärte der Bundestrainer, der die neue junge Welle im Nationalteam forciert. Beim Länderspiel gegen Kamerun in Leipzig standen gleich sechs Jungprofis in Klinsmanns Aufgebot, die 22 Jahre und jünger sind und damit noch in der U 21 spielen dürften. "Für die jungen Spieler ist es die große Möglichkeit, etwas zu beweisen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff.

Sprungbrett Nationalmannschaft

Die Jungen nutzen diese Chance, nicht erst seit Klinsmann. Schon unter Rudi Völler hatten frische Typen wie Christoph Metzelder, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski dem Klagen über ein Talente-Vakuum im deutschen Fußball ihr großes Engagement und ihre Zielstrebigkeit entgegen gesetzt. "Wenn man den Jungen das Vertrauen gibt, bewähren sie sich", betonte Assistenzcoach Joachim Löw. In diesem Wissen beförderten Klinsmann und Löw die zuvor allgemein eher unbekannten Robert Huth, Per Mertesacker, Thomas Hitzlsperger und Moritz Volz im ICE-Tempo ins A-Team und damit ins Rampenlicht. "Das ist eine unglaubliche Entwicklung, ich kann’s kaum fassen", meinte der Hannoveraner Mertesacker (20).

Mut, Risiko, Entbehrungen und Beharrlichkeit

Die neue Generation der WM-Hoffnungsträger hat sich den Aufstieg mit Mut, Risiko, Entbehrungen und vor allem Beharrlichkeit erarbeitet. Huth (20), Volz (21) und Hitzlsperger (22) wagten schon als 16- bis 18-Jährige den Sprung aus der Geborgenheit des Elternhauses und der gewohnten Betreuung ihrer deutschen Clubs hinein in die englische Ungewissheit. "Mir hat es geholfen, dass ich mich in England allein durchsetzen musste", berichtete der Berliner Huth, der sich mit 17 Jahren der erlesenen Konkurrenz beim FC Chelsea stellte. Dass ihn seine Mutter am Abend nicht mehr in den Arm nehmen konnte, habe ihn abgehärtet - dafür eröffnet sich jetzt die WM-Chance.

"Ich lebe ziemlich bescheiden, an wilden Partys beteilige ich mich nicht", beschrieb Hitzlsperger sein Leben in Birmingham und zeigte damit auf, dass vor allem engagierte sportliche Ziele zählen. Das Drumherum allerdings wird nicht ausgeblendet, wie der normale Tagesablauf von Mertesacker beweist. Der Nationalspieler leistet zwischen den Trainingseinheiten in Hannover seinen Zivildienst in einem Heim für geistig Behinderte.

Die neue sportliche Führung der Nationalmannschaft geht deutlich auf die neue Spielergeneration ein. "Wir haben ein Konzept erarbeitet, dass über das Sportliche hinaus geht und die gesamte Persönlichkeitsentwicklung einschließt. Davon sind wir überzeugt", sagte Löw. Das Ziel von Klinsmann und Co. ist klar: Wer auf dem Platz Verantwortung übernehmen soll, muss dies auch außerhalb tun und sich mit seinem Beruf intensiv beschäftigen.

Ist das Nachwuchsproblem gelöst?

Mit verschiedenen Maßnahmen unterstützt Klinsmann die Entwicklung. Fitness- und Ernährungspläne müssen von den Spielern selbst befolgt werden. Per speziell zusammengestellter DVDs sollen sich die Akteure mit ihrem persönlichen Spiel auseinander setzen. Auf der anderen Seite dürfen die Nationalspieler mehr Freiheiten genießen: Zum Abendessen können sie in die Stadt gehen, dazu werden ihnen Kultur- oder andere Programme angeboten. "Ob sie es annehmen, ist jedem selbst überlassen", berichtete Bierhoff.

"Sie setzen immer wieder neue Zeichen", lobte Verbands-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die neue Führungsriege und sieht die Zeit der Wohlstandsjünglinge als Vergangenheit an. "Heute kannst du nicht mehr sagen, dass wir ein größeres Nachwuchsproblem haben." Franz Beckenbauer hebt dennoch vorsichtig den Zeigefinder: "Wir haben 2006 eine Weltmeisterschaft. Keine Jugend-Weltmeisterschaft. Da brauchst du schon die richtige Mischung."

Von Jens Mende und Klaus Bergmann/DPA

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