HOME

Otto Rehhagel bei Hertha BSC: Projekt mit Gefahr

Otto Rehhagel wird in Berlin als Erlöser gefeiert. Was bringt diese erstaunliche Verpflichtung Hertha BSC? Ist der Meistertrainer für diesen Feuerwehrjob überhaupt geeignet? Eine Erfolgsprognose.

Der neue Trainer von Hertha BSC heißt Otto Rehhagel. Nach einigen Tagen kann man diesen Satz aufschreiben, ohne dabei zu schmunzeln. Das signalisiert, dass es an der Zeit ist, sich etwas ernsthafter mit der Eignung des 73-jährigen Trainers auseinanderzusetzen. Welche Erfahrungen bringt Rehhagel für sein 12-Spiele-Kurzengagement mit? Lassen sich schon Prognosen über die Spielweise der Hertha unter ihm machen? Und wie erfolgversprechend ist das Projekt?

1.) Rehhagels Erfahrung

Nach dem Trainer-Chaos bei Hertha BSC der letzten Saison soll es nun Rehhagel richten. Durch seine Zeit in Bremen, wo er zweimal Meister und zweimal Pokalsieger wurde, spätestens aber nach dem Meistertitel mit Aufsteiger Kaiserslautern 1998 ist Rehhagel einer der großen deutschen Trainer seiner Zeit. Der sensationelle Gewinn des EM-Titels mit Griechenland verschaffte ihm auch internationale Anerkennung. Sein historischer Status als Fachmann ist also unumstritten. Was aber ist seine konkrete Qualifikation für ein kurzfristiges Projekt Klassenerhalt?

Zu Beginn seiner Karriere waren es genau solche Engagements wie jetzt in Berlin, für die man den damals (in den 1970er Jahren) jungen Rehhagel verpflichtete. Bei seinem ersten Werder-Engagement, in Bielefeld wie auch in Düsseldorf ging es stets vor allem darum, eine Mannschaft im Tabellenkeller zu übernehmen und in Sicherheit zu bringen. Rehhagel war eine Art Peter Neururer seiner Zeit. Nur einmal scheiterte Rehagel mit solch einem Vorhaben und so stieg Arminia Bielefeld unter seiner Führung 1979 ab.

Seit er Werder Bremen in der Zweitligasaison 1981 übernommen hatte, änderte sich sein Image jedoch nach und nach, und er baute die Dynastie auf, die Werder zu einem Spitzenclub machte, als der er bis heute angesehen wird. Seine kurze Zeit beim FC Bayern und seine zunächst sehr erfolgreiche Zeit in Kaiserslautern (Bundesligaaufstieg und Meisterschaft) standen unter ganz anderen Vorzeichen als jetzt in Berlin. Das gilt natürlich erst recht für die Anstellung als griechischer Nationaltrainer, bei der Rehhagel in Ruhe über Jahre hinweg seine Mannschaft aufbauen konnte und nicht von Woche zu Woche unter Erfolgsdruck stand.

Kurzum: Seine Zeit als Bundesligatrainer liegt erst knapp zwölf Jahre zurück, aber seine Erfahrung als Feuerwehrmann mehr als 30 Jahre.

2.) Rehhagels Taktik

Der extreme Defensivfußball der griechischen Auswahl 2004 und auch noch einmal 2010 bei der WM prägt Rehhagels Image als Anhänger eines veralteten Spielstils. Tatsächlich waren seine Mannschaften in der Frühzeit seiner Karriere oft für attraktiveren Fußball bekannt. Auch lässt sich argumentieren, dass der Coach gerade in Griechenland schlicht und einfach den besten Ansatz wählte, der ihm mit dem vorhandenen Spielermaterial zur Verfügung stand.

Dennoch springen bestimmte Charakteristika ins Auge, die typisch für Rehhagels Herangehensweise sind und die wir auch bei der Hertha sehen könnten. Zentral dürfte die Defensive sein, und hier vor allem die Abwehr. Der Coach scheute bis zuletzt nicht vor seiner geliebten klassischen Manndeckung zurück. 2004 galt je nach Angriffsformation des Gegners der Grundsatz Manndecker plus eins, was faktisch ein Libero-System darstellte. Traianos Dellas verkörperte diese Rolle ideal und stand dabei in einer Reihe von dominanten Rehhagel-Abwehrchefs wie Rune Bratseth oder Miroslav Kadlec.

Da die meisten Bundesligisten heute eine Form des 4-2-3-1-Systems spielen, könnte Rehhagel in Berlin meist durchaus mit einer Viererkette arbeiten. Zumindest traditionell legte er weniger Wert auf die moderne Spieleröffnung als vielmehr auf Robustheit und Zweikampfstärke - Qualitäten, die etwa von Andre Mijatovic durchaus verkörpert werden. Maik Franz wäre als Rehhagel-Abwehrchef ideal gewesen, fehlt aber wegen seines Kreuzbandrisses.

Schaut man sich die Blaupause der griechischen Taktik hinsichtlich des Mittelfelds an, so lässt sich feststellen, dass Rehhagel hier gerne drei eher defensive Spieler aufbot, wenn es gegen bessere Gegner ging, und das war ja eigentlich immer der Fall. Die akuteren Probleme hatte die Hertha unter Skibbe allerdings in der Offensive, aber nehmen wir mal an, Rehhagel würde seine griechischen Lehren nach Spree-Athen importieren.

Es fehlen die Zerstörer

Dann wäre eine Tannenbaumformation denkbar, die mit Andreas Ottl, Peter Niemeyer und Fabian Lustenberger Überzahl im zentralen Spielfeldbereich herstellen könnte, um den Preis einer sehr engen Ausrichtung, die es erschweren würde, eigenen Angriffsdruck über die Flügel aufzubauen. Allerdings sind weder Niemeyer noch Lustenberger reine Zerstörertypen, denen man etwa die Aufgabe erteilen könnte, Lionel Messi in Manndeckung zu nehmen, wie es Avraam Papadopoulos 2010 beim WM-Spiel Griechenland gegen Argentinien tat.

In der Offensive findet sich mit Pierre-Michel Lasogga ein Stürmer, der grundsätzlich recht kompatibel mit Rehhagels Fußball zu sein scheint. Würde er, wie ohnehin bei der Hertha gewohnt, von Raffael und Adrian Ramos unterstützt, so könnte das eine auf Konterfußball ausgelegte Taktik begünstigen, in der angesprochenen Tannenbaumformation.

Alternativ könnte man als unvoreingenommener Trainer in der Bundesliga gegen 4-4-2-Systeme, wie sie ja zum Beispiel Hannover 96, Mönchengladbach, Werder Bremen oder der HSV gerne spielen, auch mal mit einer Dreierkette experimentieren, wie das in der Serie A inzwischen beliebt ist, davor dann ein Fünfer- oder Sechsermittelfeld mit zwei laufstarken Außenbahnspielern, die Defensivaufgaben ebenso übernehmen können wie Flankenläufe. Dafür hat Hertha allerdings nicht das Personal, es sei denn, man traut Winterneuzugang Felix Bastians eine solche Rolle zu.

Doch ohnehin sind die meisten Bundesligatrainer nicht gewillt, ihre geliebte Viererkette aufzugeben. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Otto Rehhagel hier zum Pionier wird?

3.) Rehhagels Erfolgsaussichten

Eine zentrale Eigenschaft Otto Rehhagels war es immer, sich in alle Ebenen seines Clubs oder im Fall von Griechenland auch seines Verbandes einzumischen und seine Vorstellungen möglichst umfassend durchzusetzen. Herthas Sportdirektor Michael Preetz ist zwar durch seine Fehlgriffe auf der Trainerposition stark angeschlagen und wird dem Altmeister kaum dazwischenreden können. Aber Rehhagel wurde bekanntlich wenige Wochen nach Ende der Transferperiode verpflichtet, kann also schon mal nicht durch die Verpflichtung erfahrener Veteranen der Mannschaft ein Rückgrat nach seinem Geschmack einsetzen.

Schlechter als unter Michael Skibbe können die Ergebnisse nicht werden. Jedoch startet Rehhagels Amtszeit gleich mit einem Sechspunktespiel in Augsburg. Dieses darf die Hertha, die nur zwei Punkte vor Platz 18 liegt, auf gar keinen Fall verlieren. Genau dieser Umstand spricht neben der Gewohnheit für einen eher defensiven Ansatz. Die folgenden Auswärtsspiele in Köln und Mainz sind ebenfalls Schlüsselspiele, zum Ende der Saison hin könnten aber vor allem die Heimspiele die Basis für den Klassenerhalt legen: Die letzten vier Gegner im Olympiastadion sind Wolfsburg, Freiburg, Kaiserslautern und Hoffenheim.

Hat Rehhagel bis zum Wolfsburg-Spiel Ende März Zugang zu seiner Mannschaft gefunden und seine Ideen implementiert, dann wird Hertha am Ende über dem Strich landen. Scheitern könnte das Projekt an der Panik, die in Berlin in den letzten Wochen schon um sich gegriffen hat und die durch die Personalie Rehhagel nicht gerade entschärft worden ist. In Krisensituationen hat König Otto sich in der Vergangenheit selten als ausgleichender Moderator profilieren können. Im nicht eben ruhigen Berliner Umfeld muss der Trainer aber im Falle eines anfänglichen Misserfolgs (weniger als vier Punkte aus den ersten drei Spielen) vor allem Gelassenheit ausstrahlen.

Die schwache Konkurrenz im Abstiegskampf ist schließlich das größte Plus für die Hertha. Sie muss eigentlich nur innerhalb von einem Monat auf ihren normalen Leistungsstand kommen, dann sollte sie drei Clubs hinter sich lassen können. Wenn sie sich nicht selbst vorher weiter demontiert - und die Chancen darauf sind auch mit Otto Rehhagel nicht geringer geworden.

sportal.de

Wissenscommunity