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P. Köster: Kabinenpredigt: Bayerns Meisterfeier: Zwanghafte Inszenierung und routinierte Langeweile

GoPro am Weißbierglas, Smartphones statt Sprechchöre, aufgeblasenes Showprogramm. Gibt es etwas Öderes als Siegesfeiern im deutschen Profifußball? Fragt stern-Stimme Philipp Köster

Die Meisterfeier des FC Bayern München: inszeniert und humorfrei , findet Phillip Köster

Die Meisterfeier des FC Bayern München: inszeniert und humorfrei , findet Phillip Köster

Es gab dann doch einen rührenden Moment auf der Meisterfeier der Bayern. Als sich nämlich der Bayern-Kapitän Philipp Lahm auf dem Rathausbalkon mit leicht kippliger Stimme bei all jenen bedankte, die seine großartige Karriere ermöglicht hatten. Da jubelte das Volk ausgelassen und auch die Mitspieler ließen kurz ihre sinken. 

Ansonsten aber war die des FCB mal wieder eine arg ausrechenbare Veranstaltung. Denn nicht nur in München wird inzwischen jeder Pokalgewinn und jede Meisterschaft mit einem Bombast gefeiert, als kehrten siegreiche Truppen aus Übersee zurück. Es knallen wilde Böllerschüssen, sprühen Feuerfontänen und fliegt Konfetti, dass manch ein Profi erst einmal erschrocken zusammenzuckt, bevor er auch mal den Pokal hochhält. Dazu dröhnt pathetische Musik aus dem Lautsprecher, die vermuten lässt, hier sei gerade eine Alien-Invasion erfolgreich zurückgeschlagen worden.

Die durchorganisierte Meisterfeier des FC Bayern

Ganz schlimm ist es in der Tat in München, weil sich hier zwanghafte Inszenierung inzwischen mit routinierter Langeweile mischt. Schon im Stadion am Samstag waren die Gäste aus Freiburg zu Recht schwer genervt, weil sie eigentlich noch in die Europa League wollten und stattdessen die Statisten einer großen Rummelsause geben mussten. Die zweite Halbzeit musste gar verspätet angepfiffen werden, weil noch die Bänkelsängerin Anastacia aufgetreten war. Und dass irgendein eifriger Social-Media-Manager auch noch auf die Idee kam, eine GoPro-Kamera an ein Weißbierglas zu klemmen, zeigte symbolisch, wie inszeniert und humorfrei es inzwischen auf solchen Feiern zugeht.

Das größte Elend sind die ewigen Bierduschen. In grauer Urzeit mochte der alkoholische Starkregen, den die Manager und Trainer von den Spielern verpasst bekamen, noch ein anarchisches Element besessen haben. Heutzutage ist es nur noch eine uninspirierte, kalte und klebrige Sauerei – es sind all die TV-Reporter zu bedauern, die inzwischen auch regelmäßig überschüttet werden und stets so tun müssen, als sei das alles unfassbar komisch und originell. Und das ist beileibe kein exklusives Problem der Bayern. Auch beim Klassenerhalt des HSV musste anschließend unbedingt Bier in der Gegend herumgeschüttet werden. Weil man das eben inzwischen so macht.

Es fällt beim FC Bayern auch nur deshalb so unschön auf, weil es dort so viele Feieranlässe gibt und sie beim Rekordmeister inzwischen alles manisch durchorganisieren. Was dabei flöten geht, ist jede Form von Improvisation. Schon letztes Jahr hatte Jerome Boateng bereits sensationell gelangweilt dreingeschaut, als er im Rathaus am Münchner Marienplatz die Treppen hochstiefelte. In diesem Jahr war viele Bayern-Profis auf dem Balkon vornehmlich damit beschäftigt, auf ihren Smartphones packende Instagram-Stories für ihre Follower zu erstellen als mit den Anhänger wenigstens für ein paar Minuten Mal die Meisterschaft zu feiern.

Humor und Leichtigkeit war einmal

Man muss sich ja nicht die Zeiten zurückwünschen, in denen die Schalen und Pokale noch ohne jeden Pomp an die Mannschaften überreicht wurden. Damals streikte gerne mal das Mikrofon und DFB-Präsident Hermann Neuberger wurde jedes Mal gellend ausgepfiffen, wenn er auf der Bildfläche erschien. Aber es blieb damals jenseits aller Inszenierung noch Platz für Improvisationen. Kettenraucher wie Klaus Augenthaler qualmten die Kabinen voll, Spieler machten splitterfasernackte Arschbomben ins Entmüdungsbecken und nach dem DFB-Pokalsieg 1985 musste Uerdingens Torschütze Wolfgang Schäfer davon abgehalten werden, durch die Dachluke des Busses zu klettern und die Ampeln wegzuköpfen.

Heute haben sich Humor und Leichtigkeit fast vollständig aus den Feiern verflüchtigt. Das letzte Mal, dass so etwas wie ausgelassene Heiterkeit aufkam, war der Moment im TV-Studio 2007, als Uli Hoeneß vor laufender Kamera die Spieler Mehmet Scholl und Hassan Salihamidzic beschwor, ihm bitte kein Weißbier über den Kopf zu schütten, er müsse noch ins Sportstudio und habe keinen zweiten Anzug dabei. "Es schaut furchtbar aus, wenn ich im Sportstudio mit so einer Scheißhose sitze". Seither sind Meisterfeiern immer ausrechenbarer, immer öder geworden. Auch weil sie inzwischen in der Zwangsjacke medialer und kommerzieller Verwertung stecken.

Vielleicht besinnen sich die Funktionäre ja mal auf die alte Erkenntnis, dass Unterhaltung bisweilen auch aus Überraschung besteht und dass im Fußball nicht alles planbar sein muss. Auch wenn wir dann auf HD-Bilder von kippenden Weißbiergläsern verzichten müssen.

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