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P. Köster: Kabinenpredigt: Was die Nationalmannschaft jetzt ändern muss

Die Nationalelf muss sich neu erfinden und ihr Trainer auch. Jogi Löw sollte nur bleiben, wenn er diesen Umbruch wirklich will. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.  

Die deutsche Bank konnte es nicht fassen, dass der DFB-Elf kein Treffer gegen Südkorea gelang

Die deutsche Bank konnte es nicht fassen, dass der DFB-Elf kein Treffer gegen Südkorea gelang

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Wenn Nationalspieler Niklas Süle etwas auf Instagram postet, macht er für gewöhnlich nicht viele Worte. "Training" steht dann da, oder "Believe" oder "Come on". Insofern war Süle nach dem WM-Aus in Russland nahezu geschwätzig, als er auf Instagram hoffnungsfroh den Schulterschluss mit allen verkündete: "2014 waren wir alle Weltmeister! Das heißt aber auch, dass wir 2018 alle ausgeschieden sind!"

Nun haben vielleicht auch all die Menschen in Garmisch, Ennepetal und Rostock vor den Bildschirmen nicht alles für den Titel gegeben, wer weiß. Rein faktisch, waren es allerdings eher Mannschaft und Trainerstab, für die es in Russland nicht fürs Achtelfinale gereicht hat. Und so stellt sich vor allem an die DFB-Delegation die drängende Frage, was nun zu tun ist, damit Deutschland nicht auch 2020 bei der EM wieder vorzeitig nach Hause reist.   

Zunächst steht vor allem ein größerer sportlicher Umbau an. Dass das deutsche Team in Gänze weder spieltaktisch noch was die individuellen Fertigkeiten angeht zur Weltspitze gehört, wurde spätestens durch die samstäglichen Achtelfinals deutlich. Sich vorzustellen, wie etwa die Franzosen wohl die träge deutsche Defensive auseinandergenommen hätten, lässt das schnelle Vorrundenaus beinahe als gnädig erscheinen. Es wird nicht damit getan sein, ein paar altgediente Weltmeister aufs Altenteil zu drängeln, es bedarf einer ganz grundlegenden Neuorientierung, 

Das große Wenn vor Joachim Löws Verbleib im Amt

Es spricht nichts dagegen, dass Joachim Löw diesen Umbruch gestaltet. Wenn, und das ist ein großes Wenn, er bereit ist, Gewissheiten und Regularien der bisherigen Amtszeit in Frage zu stellen. Dazu gehört insbesondere die schleichend vollzogene Abkehr vom Leistungsprinzip, die auch in Russland allzu oft die Aufstellung diktierte. Das galt für den überforderten Sami Khedira, das galt aber auch für Keeper Manuel Neuer. Der spielte eine gute und weitgehend fehlerlose WM. Trotzdem war seine Berufung ein klares und letztlich fatales Signal an die Mannschaft, dass selbst herausragende Leistungen in einem Klub der absoluten Weltspitze keine Berücksichtigung finden, wenn alte Verdienste und Verbindlichkeiten dagegensprechen. 

Es braucht also ein klares Bekenntnis von Löw, den Umbruch wirklich zu wollen und ihn mit der ganzen Autorität, ihm das Amt verleiht, umzusetzen. Dieses Bekenntnis fehlt bislang, was die Ergebenheitsadresse der DFB-Spitze, die gestern nach einer Telefonkonferenz an den Bundestrainer gekabelt wurde, umso merkwürdiger macht. Sie nimmt völlig unnötig den Reformdruck vom Trainerstab, der sich ja, will er weiter arbeiten, neu erfinden müsste.   

Doch es hängt natürlich nicht nur an Löw und seinem Team. Ganz offenkundig hat der deutsche Fußball in seiner Gesamtheit in der spieltaktischen Ausrichtung wie Ausbildung seiner Talente einen Weg eingeschlagen, der ihn von Titelgewinnen, sowohl auf Vereinsebene als auch in Welt- und Europameisterschaften, eher entfernt. Man muss sich die Scholl´sche Polemik von den Kindern, die achtzehn Systeme "rückwärts laufen und furzen" können, nicht in der Wortwahl zu eigen machen, inhaltlich aber hatte Scholl eine Erkenntnis dieser WM vorweg genommen, dass es dem deutschen Fußball nicht an passicheren und spielsystemtreuen Talenten gebricht, wohl aber an jenen, die technische Fertigkeiten mit Kreativität, explosionsartigen Einfällen und Mut zum Risiko kombinieren. All das macht jedoch den Unterschied und muss Eingang in die tägliche Arbeit mit dem Nachwuchs finden, nicht nur punktuell, sondern mit Verve und Überzeugung. 

Ausgerechnet Mesut Özil bekommt am meisten ab

Es ist eine bittere Ironie, dass das Publikum ausgerechnet jenem das Leben schwer macht, der all das noch am ehesten in sich trägt, nämlich Mesut Özil. Die Fehde zwischen pfeifenden Fans und einem schweigsamen Özil ist aber auch das Ergebnis eines ziemlich zerrütteten Verhältnis zwischen der Nationalelf und ihrem Publikum. Die Truppe stand zwar noch nie für vorbildhafte Fannähe, in den letzten Jahren jedoch schien alles wichtiger zu sein als der direkte Kontakt zwischen Fans und Spielern. Für das inzwischen vollends verkorkste Verhältnis zur Anhängerschaft steht exemplarisch der offizielle DFB-Fanklub "powered by Coca-Cola". Dieser Zusatz, in Pressemitteilungen nahezu zwanghaft verwendet, zeugt vom Bemühen, auch noch den Anhängern ein Preisschild umzuhängen. Das mochte in Zeiten des Booms funktionieren, in Zeiten sportlichen Abschwungs hingegen wirkt dieses Fanklub-Sponsoring ebenso befremdlich wie der ebenso vokal- wie inhaltleere Hashtag "zsmmn". Mit den Anhängern zusammen irgendetwas erreichen, wollte die Nationalmannschaft in Russland nicht. 

Und deshalb wirkte auch die Nachbereitung der WM durch die Nationalspieler, die flugs auf Instagram und Facebook begann, eher befremdlich. Der kurze Brief, in dem sich die Elf für die verpatzte WM entschuldigte, kam so seelenlos daher, als sei er vollständig in der Presseabteilung vorformuliert und dann kurz dem Mannschaftsrat zum Freigabe geschickt worden. Es sprach dann Bände, dass nur Marco Reus nach der Rückkehr in Frankfurt kurz Zeit für die wartenden Anhänger hatte, alle andere hingegen sofort in Kleinbussen davon rauschten. Auch Süle übrigens, der noch auf Instagram den Schulterschluss mit den "wahren Fans, die bei Erfolg und bei Misserfolg da sind" bemüht hatte, wo er diese ihm plötzlich so wichtigen Anhänger zuvor in keinem einzigen seiner Instagram-Post auch nur mit einer Silbe erwähnt hatte. Oder war das womöglich auch eine verzerrte Wahrnehmung durch "die Medien, die sowieso versuchen alles schlecht zu reden"?

Um sich neu zu erfinden, braucht die Nationalelf die Unterstützung des Publikums. Die wird sie aber nur bekommen, wenn sie sich wieder als Einheit begreift, mit klaren Zielen und klaren Leistungsprinzipien, mit Mut zum Risiko und auch zum Scheitern und vor allem mit dem Bewusstein, dass es nur zusammen mit den Anhängern geht – und nicht zsmmn.  

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