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TSG 1899 Hoffenheim: Der neue Riese

So schnell, so schön wie die TSG Hoffenheim ist bislang kein Fußballverein in die Spitze gestoßen. Nun hat Bundestrainer Joachim Löw erstmals Spieler des Sensationsteams für ein Länderspiel nominiert. Doch der Dorfklub und sein Milliardär haben noch viel mehr vor - und was sie planen, ist beispiellos.

Von Wigbert Löer

Einen solchen Aufstieg hat der deutsche Fußball noch nicht erlebt, niemals. Fans, Laien, Fachleute fühlen sich in diesen Wochen wie Geologen: Staunend beobachten sie, wie sich aus dem tosenden Meer dampfend eine neue Insel erhebt. Hoffenheim im Kraichgau, am Fuß des Odenwalds gelegen, 3300 Einwohner, Spitzenreiter der Bundesliga. Am Dorfeingang hinter der Tankstelle steht ein Container, und darin empfängt der Mann, den der Software-Milliardär Dietmar Hopp beauftragt hat, einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ralf Rangnick, 50, früher Trainer bei Stuttgart, Hannover und Schalke nach dem Sieg in Bochum, selbst von einem "Märchen" gesprochen. Doch nun gibt er sich nüchtern und erklärt die Tabelle zum Tabu. "Es gibt keinen Grund zu meinen, wir hätten schon etwas erreicht", sagt Rangnick.

So reden sie alle bei der TSG 1899 Hoffenheim. "Wir lassen uns nicht zum Unbescheidensein nötigen", sagt Jan Schindelmeiser, 44, Manager. "Wir müssen Punkte sammeln wie die Eichhörnchen. Alles andere ist Papperlapapp der Medien", sagt Nachwuchs-Chef Bernhard Peters, der mit Deutschlands Hockey-Herren die WM 2006 gewann. Und nun versuchen sie zu tun, als stünden sie gar nicht da oben.

Furioser Durchmarsch

Doch da stehen sie, und Ralf Rangnick wird wissen, warum. Seine Mannschaft marschierte von der dritten in die zweite Liga, direkt weiter in die erste Liga - und zwischenzeitlich lässig auf Platz eins. Die Niederlage gegen Hertha BSC Berlin am letzten Sonntag war die erste nach zuletzt fünf Siegen in Folge. Im ersten Drittel der Saison schoss Hoffenheim 31 Tore. Je länger Rangnick redet in seiner mausgrauen Trainingsjacke, umso klarer tritt seine Überzeugung hervor: Unter besten Bedingungen, diesen Feldversuch führt der Schwabe hier im Badischen durch, ist Erfolg im Fußball planbar. "Sagen wir mal, die optimale Leistung einer Mannschaft ist ein Puzzle aus 100 Teilen. Meine Erfahrung ist, dass normalerweise allenfalls 80 Teilchen benutzt werden. 20 fehlen, weil man sie für nicht so wichtig erachtet, weil man diese Teile früher auch nie gebraucht hat oder weil man Angst vor Kritik hat." Rangnick ist kein Mann großer Gestik. Doch zufriedener dürfte er kaum gucken können. "In Hoffenheim puzzle ich mit 100 Teilen."

Auf dem Dorf darf Rangnick so, wie er will. Er, der Schalke 04 in der Champions League coachte, kniete sich im Sommer 2006 auch deshalb in die Drittklassigkeit. In Hoffenheim bestimmt der Trainer, wer der Manager sein soll - in der Bundesliga ist es sonst fast überall umgekehrt -, den ganzen Stab durfte er sich selbst zusammenstellen: Co-Trainer, Ärzte, Scouts, Betreuer, Berater.

Dass er in Hoffenheim ungestört werkeln kann, ohne Zeitdruck, weil Dietmar Hopp Vertrauen und Geduld hat, und ohne das, was er Sachzwänge nennt, unterscheidet Rangnicks Arbeitsplatz von dem der Klinsmanns, Daums und Ruttens. Er hat es anders erlebt, zum Beispiel auf Schalke, wo der Präsident und Aufsichtsräte, ein mächtiger Manager und einflussreiche Medien mitmischten. "Wir trainieren unser steiles Spiel nach vorn manchmal auf einem schmalen langen Streifen, der nur an den Enden breiter ist, Spiel in der Banane nennen wir das." Rangnick spricht jetzt lebhafter, so fix wie seine Mannschaft kombiniert, in Sekunden skizziert er die Übungsform auf einem Blatt. "Zwei Ballkontakte sind erlaubt, nach hinten nur einer, die Jungs müssen flach nach vorne spielen, und sie müssen sich sofort wieder anbieten." Am Anfang sei nur Chaos gewesen auf dem Trainingsplatz, aber, sagt Rangnick und nickt: "Woanders trainierst du so, verlierst das nächste Spiel, und es heißt, die Spieler hätten ja nur noch Bananen im Kopf. Das war's dann."

Er arbeitet unter Bedingungen, wie sie anderswo noch niemand vorgefunden hat. Auch wenn Rangnick das Wort Labor nicht gefällt, "es klingt zu unemotional", sagt er - Hoffenheim ist ein Labor, ein ziemlich schönes zudem, mit Gassen, Fachwerk und im Moment leuchtenden Laubwäldern. Hinter dem Trainingsgelände erheben sich grüne Hügel, auf denen sich einzelne Bäume in den Horizont malen. Gerade entsteht ein neues Übungszentrum mit überdachtem Kunstrasenplatz, Unterwasserlaufband und Schlafräumen, rund um ein 300 Jahre altes Schloss.

Tradition? Fehlanzeige!

Die Arbeitslosenquote liegt in Hoffenheim bei dreieinhalb Prozent, die Metzgerei macht Punkt ein Uhr Mittagspause, und Ortsvorsteher Karl-Heinz Hess, 54, ein Landwirt mit Ohrring, erzählt in seinem blau-weiß gestrichenen Amtszimmer frei heraus, dass er sich früher nie für Fußball interessiert habe. Es ist ein hübsches Stück Deutschland, in dem allerdings nicht ein Fünkchen Fußballgeschichte steckt: Spieler und Fans durchlitten niemals Höhe- und Tiefpunkte, die großen alten Zeiten zählen nichts, weil es gar keine gibt. Natürlich wirkt der Verein deshalb klinisch rein und blank gewienert. Nicht wenige der über 13.000 Anhänger mit Dauerkarte kennen den Klub erst seit ein, zwei Jahren.

Den Machern ist das bewusst, und als sie vergangenes Jahr ihren Zweitligakader zusammenstellten, warben sie eben nicht mit einem großen Namen, sondern mit guten Gehältern und ihren, Hopp sei Dank, soliden Finanzen. Man gab auch mal sieben Millionen Euro aus, für den Brasilianer Eduardo, Rekord für die 2. Liga, aber die meisten Spieler waren günstig zu haben - und stehen nun auch eine Klasse höher in der Stammelf. Es ist eine eingespielte Truppe, ohne Haudegen und Hierarchien.

Viele Spieler sind sehr jung, und viele hatten in ihrer kurzen Karriere zuvor kräftig auf die Mütze bekommen. Die Afrikaner Ba und Obasi landeten zunächst in Belgien und Norwegen; Jaissle, Weis und Ibertsberger waren bei deutschen Klubs durchgefallen. Marvin Compper, 23, ein schlaksiger, schwäbischer Halbfranzose, Kapitän und Spaßvogel der Mannschaft, hockte in Mönchengladbach meist auf der Tribüne. Nun hat Bundestrainer Joachim Löw den Innenverteidiger zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Tobias Weis ins Aufgebot für das Länderspiel gegen England am 19. November in Berlin berufen. Die ersten deutschen Nationalspieler aus Hoffenheim.

Hervorragendes Gespür

Besonders bescheiden lief es ausgerechnet für Vedad Ibisevic, 24, die Entdeckung der Saison. 13 Tore in zwölf Spielen hat er gemacht, eine Quote wie einst Gerd Müller, sein Selbstvertrauen, sagt er, sei so groß wie zuletzt in der Uni-Mannschaft von St. Louis. Dort, in den USA, lebte er jahrelang mit seinen Eltern und der Schwester. Die Ibisevics sind Bosnier, sie verließen nach dem Bürgerkrieg ihre zerstörte Heimat, als Vedad 15 war. Später ging er zu Paris Saint Germain, wo man ihn bald zum Zweitligisten Dijon abschob; von dort wechselte Ibisevic nach Aachen, wo erst einmal wenig klappte. Dann, es lief nun besser, kam er nach Hoffenheim, als Topeinkauf und Stammstürmer. Doch der Verein holte auch noch Demba Ba und Chinedu Obasi, und mit ihnen fegte die Elf in die Bundesliga. Ibisevic blieb die Bank. Nur weil Obasi mit Nigeria zu den Olympischen Spielen fuhr, durfte er zum Auftakt der neuen Saison ran.

Wie er nach dem Sieg in Bochum im Café Quints im Nachbarort Sinsheim sitzt, Cappuccino trinkt und leise seine Geschichte erzählt, hat Ibisevic wenig von einem selbstbewussten Fußballprofi. Er strahlt amerikanische Freundlichkeit und südeuropäische Wärme aus. Dass er im vergangenen Jahr nicht aufgab, dass er, der Englisch und Französisch spricht, sogar half, seine Konkurrenten aus Afrika ins Team zu integrieren, erklärt sich aus seinem Lebensweg: Er hat oft genug neu beginnen müssen. "In Aachen stand ich anfangs ziemlich allein da. Ich konnte deshalb mit den Jungs mitfühlen." Und so haben sie sich angefreundet statt bekämpft, fahren ab und zu mal gemeinsam zum Feiern nach Stuttgart oder Mannheim, drei Stürmer, egoistisch von Berufs wegen, ein Märchen beinahe auch das.

Vedad Ibisevic profitiert von Hoffenheims Offensiv-Ideologie, das überfallartige Spiel sucht ihn stets, findet ihn oft. Zu Beginn der Saison habe er außerdem entschieden, "dass ich mir nicht mehr so viel Druck mache". Er sagt das, als handele es sich um nichts weiter als einen Handgriff.

Doch jetzt fällt das tatsächlich leicht. Drum herum fangen sie plötzlich alle an, diese Hoffenheimer zu Meisterkandidaten zu machen, vorneweg Bayerns Manager Uli Hoeneß, der schon oft Rivalen rappelig geredet hat. Nur: Hoffenheims Aufbruch behält Bodenhaftung. Niemand schürt Erwartungen, niemand spricht von historischen Chancen, die jetzt bloß zu nutzen seien. Trainer, Spieler, Funktionäre, sie alle fühlen sich bereits dick im Plus. Und sie bereiten sich auf das vor, was man im Fußball Krise nennt: wenn sich wichtige Spieler verletzen, wenn man zwei-, dreimal hintereinander verliert. Die Botschaft von Rangnick lautet in diesen Zeiten der Euphorie, dass jeder Fehler machen darf - und machen wird. Und auch dann weiter mutig spielen soll. So will er vorbauen. Große Klubs werden manchmal als Haifischbecken beschrieben. Dieses Hoffenheim im Herbst 2008 wäre demnach ein Aquarium, in dem ein Schwarm Goldfische geordnet seine Bahnen zieht.

"Für ein Unentschieden sind wir nicht gekommen"

Nur für 90 Minuten werden diese Goldfische zu Haien. Den Titelaspiranten aus Hamburg rennt Hoffenheim einfach nieder, 3 : 0. In Bochum, gegen ein widerborstiges Team, bekommt die Mannschaft Probleme, gerät in Rückstand, lässt sich provozieren - eine Halbzeit lang. Als sie den Ausgleich machen, jubeln die Hoffenheimer nicht, sie flitzen zurück zum Anstoßpunkt, für ein Unentschieden, heißt das, sind wir nicht gekommen. Der Gast gewinnt 3:1. Zu Hause gegen Karlsruhe schießt Ibisevic gleich die Führung. Der Ausgleich verstört keinen, geradezu ruhig ziehen sie schnelle Angriffe auf, siegen 4 :1. Den KSC-Fans bleibt nur ihr Plakat, auf dem sie über Hopps Finanzspritzen spritzen spotten. So war es auch in Bochum: "Hopp, hopp, hopp, Dietmar vorn Kopp", hatten die Fans da gepöbelt.

In der Abneigung steckt vor allem Angst. Der Verdrängungskampf ist für viele Traditionsvereine nicht zu gewinnen. Erst machten sich die Werksklubs Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg in der Bundesliga breit, nun eben Hoppenheim. Und das ist erst der Anfang. Die mehr als 100 Millionen Euro, die der Mäzen bislang investiert hat, stecken nicht nur in Profis, die ihr Potenzial bisher gnadenlos ausreizen. Zur Rückrunde wird in Sinsheim das Stadion fertig, alle VIP-Logen sind verkauft. Der Klub fischt in Zusammenarbeit mit der Stiftung seines Gönners konsequent nach den größten Talenten der Umgebung, lockt Jugendspieler aus Kaiserslautern, zahlt hochbegabten 16-Jährigen angeblich 2000 Euro, 17-Jährigen 5000 Euro im Monat, schnappt dem VfB Stuttgart Jungnationalspieler weg und überlässt bei der Betreuung nichts dem Zufall.

Damit die Stars irgendwann aus dem eigenen Verein kommen, arbeiten Hoffenheimer Sportpsychologen auch mit den Jugendspielern. Laufbahnberater helfen, Ausbildung, Freundin und Fußball unter einen Hut zu bringen. In Sinsheim und Mannheim schickt man den besten Talenten Trainer an die Schulen. Die Jungen dürfen dreimal die Woche morgens trainieren und holen die Fehlstunden nachmittags mithilfe eines extra gebildeten Lehrerpools nach - ähnlich konsequent machte es einst die DDR. Hoffenheim bildet auch Trainer anderer Vereine fort, so dass bereits in der gesamten Rhein-Neckar-Region Siebenjährige drei gegen drei auf vier Tore spielen. "Die Möglichkeiten", sagt Nachwuchs-Boss Peters, "sind exorbitant schön." Schwärmerischer kann ein knorriger Westfale wie er nicht klingen.

Nichts ohne Hintergedanken

Die Arbeit ist ideenreich, systematisch, ernsthaft und langfristig angelegt, und geschickt hat man sich mächtige Verbündete geschaffen. Auf dem Trikot wirbt ein TV-Magazin aus dem Springer-Verlag; elegant arbeitet der Verein so einer möglichen Krawallmache von "Bild" und "Sportbild" entgegen. Die Blätter berichten auffällig gefällig. Ralf Zwanziger, Sohn des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, arbeitet als Chef der Frauenabteilung. Das kann ja unmöglich schaden.

Es ist fast beruhigend, dass auch in Hoffenheim Fehler gemacht werden. Der Versuch Dietmar Hopps, einen Kritiker zu isolieren, war so einer. Wenn der Milliardär in der Öffentlichkeit auftritt, spricht er langsam, wie dies Badener eben tun. Er wirkt bescheiden, spendet Millionen an soziale Einrichtungen. Und er versteht es, mit schwierigen Situationen souverän umzugehen, wie vor drei Jahren etwa, als bekannt wurde, dass Hopps Vater Truppenführer bei der Hoffenheimer SA gewesen war: Sofort ließ der Sohn eine Gedenktafel für die deportierten Hoffenheimer Juden am Rathaus errichten.

Im Fußballgeschäft hat er nun allerhand auszuhalten. Die Woche für Woche neuen Beleidigungen gegnerischer Fans erträgt der Milliardär beeindruckend stoisch. Doch die Meinung Christian Heidels, Manager des benachbarten Rivalen Mainz 05, wollte er vor einem Jahr nicht gelten lassen. Heidel hatte in einem Interview bedauert, dass Hoffenheim, das sein Geld nicht erwirtschaften müsse, "einen der 36 Plätze im Profifußball wegnimmt", und gemutmaßt, dass man sich "in Fußballdeutschland so nur Antipathie erwirbt".

Der Neid und seine Auswirkungen

Hopp reagierte schrill. Zuerst verlangte er von Heidels Vorgesetztem, dem Mainzer Präsidenten Harald Strutz, sich von seinem Manager zu distanzieren. Mit Kopie an DFB-Boss Theo Zwanziger und den Chef der Deutschen Fußball-Liga. "Diese infame Diffamierung", so Hopp, "die wohl bewusst den Hass auf Hoffenheim schüren soll, ist auch geeignet, Gewalt gegen uns auszulösen." Hopp weiter: "Ich gehe heute jede Wette ein, dass Hoffenheim in fünf Jahren mehr deutsche Nationalspieler stellen wird als die meisten der 36 Profivereine." Am Rande einer Tagung drängte er Heidel später noch zu einer öffentlichen Entschuldigung, doch der weigerte sich. Bis heute tritt Hopp nach. "Die Äußerungen von Herrn Heidel", verkündete er kürzlich, "waren der Auslöser für die massiven Anfeindungen gegen mich."

Dies ist Unfug, und Hopp dürfte es wissen. Wie die Hoffenheimer den Fußball aufmischen, das muss für Neid sorgen, für Ärger, für Mäkeleien. Und nicht jeder kann die Operation Erfolg mögen, die mit Hopp, Ralf Rangnick und einem leeren Blatt Papier begann. Nun staunen viele Fans, und aus Anerkennung könnte eines Tages vielleicht ja sogar Zuneigung wachsen. Denn Hoffenheim ist kein Wunder, sondern ein Beweis. Er besagt, dass im Fußball ohne Geld nichts geht. Dass es aber einer Menge Klugheit, Gefühl und Präzision bedarf, das Geld in Tore zu verwandeln.

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